Michi, Silvia, Susi, Gabi, Günther neunerHAUS Hagenmüllergasse

It's showtime folks!
Es begann alles mit einem Faschingsfest der BewohnerInnen des neunerHAUSes Hagenmüllergasse. In Anlehnung an die Shows diverser TV-Sender sollte das "neunerHAUS- Showtalent" gefunden werden. Einmal vor Publikum aufzutreten war für viele Anreiz, eine musikalische Darbietung vorzubereiten. Kein Wunder, dass es eine lustige Party wurde. Zum Sieger wurde an diesem denkwürdigen Abend im Februar allerdings nicht einer gekürt, sondern gleich fünf. Und eine Idee entstand: Viel zu schade für nur einen Abend, damit wollen wir öffentlich auftreten! Aus flüchtig bekannten HausbewohnerInnen wurde ein eingeschworenes Team, das von nun an gemeinsam für den großen Auftritt im 3Raum Anatomietheater im September probte.
Und das sind die Stars: Susi, 42, die vor vielen Jahren delogiert wurde undlange Zeit "einmal da, einmal dort", wie sie sagt, übernachtet hat, bis sie Anfang 2008 im neunerHAUS einziehen konnte. Hier hat sie ein neues Zuhause gefunden und will am liebsten nie mehr weg. Für eine Kreuzfahrt – der Traum ihres Lebens – würde sie aber eine Ausnahme machen.
Gabi, 46, die sich auf ihr fünftes Enkelkind freut, das im Februar zur Welt kommen wird. Allein hat die gelernte Floristin fünf Kinder groß gezogen, irgendwann sind ihr Probleme und Schulden über den Kopf gewachsen, und die Delogierung war nicht mehr zu verhindern. Zwischenstation neunerHAUS: Denn sie wünscht sich wieder eine eigene Wohnung, vielleicht gemeinsam mit ihrem neuen Freund - "einem von draußen", wie sie schelmisch sagt.
Michi, 32, Bewohnerin der ersten Stunde im neunerHAUS Hagenmüllergasse, und Günther, 35, haben es nicht nur gemeinsam ins Finale geschafft, sondern sind auch privat ein Paar. Früher hat sie in einer Gärtnerei gearbeitet und das sehr gerne, bis Bandscheibenprobleme die schwere körperliche Arbeit nicht mehr zuließen. Ein Computerkurs soll nun neue Berufsperspektiven eröffnen. Auch Günther hat wegen einer schweren Erkrankung seine Arbeit als Maler verloren. Seit 2 Jahren lebt er im neunerHAUS und dank einer brandneuen Herzklappe ist er auch gesundheitlich wieder einigermaßen auf dem Damm.
Und schließlich Silvia, 55, die sich gerne um die Menschen in ihrer Umgebung kümmert und die als Prima inter Pares die "Glorreichen Fünf" angeführt hat. Für den großen Auftritt war so einiges zu organisieren und gelegentlich musste auch der eine oder andere Star motiviert und betreut werden. Für Silvia war es ihr "bestes Jahr im neunerHAUS", doch obwohl sie "wahnsinnig gerne hier lebt, wäre eine eigene Wohnung schon schön, irgendwann in der Zukunft". Aber eigentlich ist sie sehr zufrieden und hat nur einen Wunsch: "Es soll nie wieder schlechter werden.“
Text: Ruth Gotthardt, Dezember 2009
Bild: Klaus Pichler, 2009
Susanna Fantner, 47 Jahre, neunerHAUS Kundlichgasse

Hier will ich nie mehr weg...
… sagt Susi über ihre Wohnung im sechsten Stock im neunerHAUS Kudlichgasse, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann und dem kleinen Hund „Baby“ seit Jänner 2008 lebt. Susi fühlt sich wohl hier, kommt mit allen gut aus und hilft den MitbewohnerInnen gerne bei Alltagsproblemen. Aktiv ist sie im Haus auch bei der Gestaltung von Gemeinschaftsräumen, da kann sie ihre kreative Ader ausleben.
Langsam wird es besser mit den depressiven Phasen in ihrem Leben, das wie eine Achterbahnfahrt war. Einer – wie Susi betont – sehr glücklichen Kindheit und guten ersten Ehejahren folgten harte Zeiten. Zuerst erkrankt sie schwer, zahlreiche Operationen und Therapien führen zum Verlust der Arbeitsstelle. Dann die Diagnose Krebs für ihren Mann Alfred. Jahre zwischen Hoffen und Bangen folgen. Zwischen Operationen und Therapien betreut Susi aufopfernd ihren Mann. Sie pflegt die Eltern, die schließlich kurz nacheinander versterben. Den Tod des Vaters hat sie bis heute nicht verwunden. Sie war schon als Kind – die vier Brüder waren wesentlich älter – ein „Papascheißerl“ und er hat ihr auch später viel Halt gegeben. Die Situation wird bedrohlicher, die Schulden mehren sich: „Ein Loch machst du zu, das nächste tut sich auf“, sagt sie heute über die Abwärtsspirale in ihrem Leben. Kein Einkommen, Delogierung, Depression. Dann, kurz vor Weihnachten 2007, kam die Zusage für eine Wohnung im neunerHAUS. Susi und Alfred freuen sich, noch dazu können sie in „ihrem“ 10. Bezirk bleiben. Hier sind beide aufgewachsen, hier leben ihre Freunde und die beiden erwachsenen Söhne.
Die Zeit vor Weihnachten bringt auch im darauf folgenden Jahr eine Überraschung: Der Reiseveranstalter ETI lädt 20 BewohnerInnen aus den neunerHÄUSERN zu einem Ägyptenurlaub ein. Susi und Alfred können ihr Glück kaum fassen, der erste Urlaub, die erste Reise ihres Lebens. Zum ersten Mal in einem Flugzeug, zum ersten Mal am Meer: „Das ist wie eine späte Hochzeitsreise für uns gewesen, schöner hätte ich mir unser 25-Jahre-Jubiläum gar nicht vorstellen können“, schwärmt Susi, „und irgendwann möchte ich da noch einmal hin! Darauf wird eisern gespart, aber vorher kommen meine Zähne dran!“ Susi war eine der ersten PatientInnen beim neuen neunerHAUS Zahnarzt und ist sehr erleichtert, dass ihre Probleme mit den Zähnen nun ein Ende haben. Insgesamt hat sich die Lage entspannt und mit neuen Zähnen lässt sich das Leben schließlich auch kulinarisch wieder genießen.
Text: Ruth Gotthardt, Juni 2009
Bild: Klaus Pichler, 2009

Mein Lebensmotto? „Nix scheißen!“
Egal welches Problem man hat, Christians Geldbörse ist sehr ergiebig, wenn man fachspezifische Auskünfte braucht. Er zückt eine Visitkarte nach der anderen: „Das ist die Adresse meines Architekten, das ist meine Anwältin, das mein Steuerberater.“ Christian ist gut vernetzt. Er ist seit mehr als eineinhalb Jahren Augustinverkäufer, ein sehr erfolgreicher sogar, und hat viele StammkundInnen, die er sehr schätzt. Und sie schätzen ihn. Groß war die Hilfsbereitschaft seiner Klientel, als er – nach langen Jahren auf der Straße – Anfang 2008 eine Wohnung im neunerHAUS Hagenmüllergasse bekam.
„So schnell konnte ich gar nicht schauen, wie ich mit allem erforderlichen Hausrat versorgt war!“, freut er sich über die Unterstützung. Seither lebt er im neunerHAUS. Vor einigen Wochen ist er „auf den Hund gekommen“, als Kischa, eine Staffordhündin und laut Christian „der sanfteste Kampfhund der Welt“, in sein Leben getreten ist. Auch diesmal war die Grundausstattung für den Neo-Hundehalter schnell beieinander: neunerHAUS-Mitbewohner und Freund Blondie stellte nicht nur Halsband und Leine zur Verfügung, sondern lieferte auch gleich Hundekörbchen und Decke mit. Kischa begleitet Christian nun zur Arbeit auf die „Mahü“ und ist auch bei Herrchens liebster Freizeitbeschäftigung dabei: den Proben im „11% K.Theater“ mit den KollegInnen vom Augustin. Vor großen Auftritten, gesteht er, dessen Lebensmotto in der Überschrift zitiert ist, gehe ihm aber schon ziemlich „das Hammerl“. Das „sich nichts scheren“ hat er nur langsam gelernt, als er – Tiefpunkt seines Lebens – die „Sitzung“ machte. „Beim Betteln auf der Straße hab ich mich schon sehr geniert“ – und auch geärgert, wenn er von Passanten aufgefordert wurde, er solle sich doch Arbeit suchen. Als gelernter Kellner hat er 15 Jahre gearbeitet, erst auf dem Traumschiff MS Berlin, danach bei der Bahn als Speisewagenkellner, was ihm besonders gefallen hat: „Da war ich mein eigener Chef am Zug“. Opfer von Personalabbau stand er plötzlich auf der Straße. Endgültig und im wahrsten Sinn des Wortes, als seine Wohnung bei einem Brand vollständig zerstört wurde. „Da hast du dann plötzlich keine Papiere, keinen Ausweis, du existierst eigentlich gar nicht mehr“, blickt er auf die damalige Schocksituation zurück, in der er sich wie gelähmt gefühlt und aufgegeben hat. Inzwischen hat er sich wieder gefangen, auch Dank vieler Menschen, die ihm ein Stück weiter geholfen haben, wie er immer wieder betont. Z.Bsp. Frau Uschi, die ihm einst einfach den Schlüssel für ihr Schrebergartenhaus gab und ihn monatelang da wohnen ließ. Sie kommt übrigens noch regelmäßig vorbei und kauft die neueste Ausgabe vom Augustin oder – auch das hat Christian im Sortiment – eines der neunerHAUS-Kochbücher.
Text: Ruth Gotthardt, November 2008
Foto: Klaus Pichler 2008

Zu zwölft auf 20 m2
Burgi teilt ihr kleines Reich mit ihrer Familie: „Das sind die Katzen Maxi, Schnurli, Cindy und Moritz, die Wüstenrennmäuse Felix und Rocco und fünf Finken, die haben keine Namen“, stellt sie ihre Schar vor. Im Herbst des Vorjahres ist Burgi vom neunerHAUS Hagenmüllergasse umgezogen in die Kudlichgasse, „Zuerst ungern, aber jetzt bringt mich hier keiner mehr weg, da bin ich stur!“
Hart im Nehmen musste sie auch werden, das Leben ist nicht gerade freundlich mit ihr umgegangen. Am Stadtrand von Wien aufgewachsen, hat sie zu früh die Mutter verloren und musste ganz schnell erwachsen werden. Gelernt hat sie Verkäuferin – „ausgelernt“, wie sie betont. Die Arbeit im Supermarkt hat ihr gefallen, aber dann erfüllte sie sich den Berufswunsch, den sie seit ihrem ersten Praterbesuch mit acht Jahren hatte: Mit 18 spielt sie Tod und Teufel in der Geisterbahn. Heimlich, ohne dass die Familie davon wusste. Als einziges Mädel im Team wird sie von den Kollegen beschützt und auch ein bissel verwöhnt. Über ihren späteren Mann ist sie hier im wahrsten Sinn des Wortes gestolpert, als der als Besucher im Geisterbahnwagen an ihr vorbeigefahren ist.
Ein Arbeitsunfall mit 28, bei dem sie schwer verletzt wird, setzt dem Praterleben ein Ende. Die Tochter soll ins Heim, also stimmt Burgi einer Adoption zu. Als ihr herzkranker Mann stirbt, kommen zum Alkohol noch Drogen dazu und ein viel jüngerer Mann, der sie ausnutzt. Den Drogenentzug schafft Burgi alleine, die Wohnung ist allerdings weg. Ihre größte Sorge sind ihre Tiere, die vorübergehend im Tierheim untergebracht werden. Dem Angebot, einen Wohnplatz im neunerHAUS zu bekommen, stimmt Burgi erleichtert zu, weil hier Haustiere erlaubt sind.
Und die bestimmen nun auch den Tagesablauf – um fünf wird aufgestanden, da will die erste Katze gefüttert werden. Burgi genügen zwei bis drei Tassen Kaffee, die kann sie trinken, während die Katzen ihre Streicheleinheiten bekommen. Mindestens einmal am Tag besucht sie Nachbar Karl auf ein Plauscherl und – wie sie verschmitzt hinzufügt – ein Bier. Auch in die hauseigene Kantine geht sie gern, im Sommer sitzt es sich gut im Garten und wenn „der Chef“ (Anm. Hausleiter Burkhard Mayr) sich dazusetzt, „dann rennt der Schmäh“, schmunzelt sie.
Lieblingsprogramm für schlaflose Nächte sind Dracula- und Horrorfilme, offenbar eine Reminiszenz an die Geisterbahnzeit. Christopher Lee, den sie im Prater einmal persönlich kennen gelernt hat, fällt auch heute noch in die Burgi-Kategorie „fescher Zapfn“ (wie übrigens auch die Zivildiener im neunerHAUS). Musikalisch mag sie es sanfter. Bei Liedern wie „Aber dich gibts nur einmal für mich“ oder DJ Ötzis „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ kann man den Abend auch sentimental ausklingen lassen.
Was wünscht sich Burgi für die Zukunft? „Zwei Papageien hätte ich gerne noch! Aber Spaß beiseite: Ich habe alles und bin dankbar, wenn ich so lange lebe, dass ich meine Tiere versorgen kann und keines zurücklassen muss“.
Text: Ruth Gotthardt, Juni 2008
Foto: Monika Greber 2007

Daheim ist es doch am schönsten
Seit genau einem Monat wohnt Karl im neunerHAUS Kudlichgasse. Er ist einer der ersten BewohnerInnen, die vom neunerHAUS Hagenmüllergasse in das dritte neunerHAUS gezogen sind. Der erste Blick in Karls Zimmer fällt auf ein Regal mit Modellautos und -motorrädern. Die sammelt Karl schon seit seiner Kindheit. Kaufen würde er allerdings, da ist er sich sicher, nie ein eigenes richtiges Auto. Lieber ein eigenes Haus. 135m², irgendwo in der Nähe von Carnuntum. Das wäre schon was. Aus Österreich wegzuziehen, kann er sich nicht vorstellen. „Daheim ist es doch am schönsten“, findet er.
Ein wichtiger Teil in seinem Leben ist das schwarze Meerschweinchen Muki, das in einem großen Käfig in seinem Zimmer wohnt. Karls Tag beginnt mit einem Klavierkonzert seines Haustieres. „Da hat sie Hunger und fängt an, auf den Gitterstäben herumzunagen. Als ob sie Klavier spielen würde.“ Auch sonst verbringt er seine Zeit am liebsten mit dem Meerschweinchen oder Musik hörend. Ö3 und Radio Wien sind seine erklärten Lieblingsradiosender.
Zum neunerHAUS gekommen ist Karl, der ein waschechter Wiener ist, vor fünf Jahren. Nach zwei Jahren in der Meldemannstraße und der Siemensstraße hat er im neunerHAUS Hagenmüllergasse eine dauerhafte Bleibe gefunden. Zuvor hat er fast 30 Jahre lang bei seiner Pflegemutter im zweiten Bezirk gewohnt. Die glücklichste Zeit seines Lebens, wie er heute meint. Bis die Mutter plötzlich verstarb. Ein Schock. Die Zeit danach war sehr hart für ihn. Kurz darauf musste er aus der Wohnung ausziehen. Die Nachbarn wollten ihn draußen haben.
Auch in der Arbeit lief es nicht mehr besonders. Fast 19 Jahre lang hat er als „Mädchen für alles“ im Krankenhaus gearbeitet. Die nette Dame von der Fürsorge hat ihn damals dazu ermuntert, sich zu bewerben. „Wegen einer großen Dummheit“, wie Karl heute selbst meint, hat er den Job irgendwann verloren. Danach schlug er sich mit diversen Gelegenheitsjobs durch. Von Milchmann bis Reinigungskraft und Bäckereilieferant war alles dabei, für eine Daueranstellung hat es nicht gereicht. Seit Jahren besucht Karl daher die Kurse vom AMS. Ein Jobangebot ist im Moment nicht in Sicht. Am liebsten würde er als Staplerfahrer oder als Chauffeur arbeiten. Mit 47 Jahren ist er noch zu jung, um nichts mehr zu tun. Trotzdem, die Chancen stehen derzeit nicht gut. „Alle suchen Leute mit Erfahrung bzw. jemanden mit einem Staplerführerschein. Beides habe ich nicht.“ Für die Zukunft wünscht sich Karl vor allem Gesundheit, weil die, das weiß er, verliert man am schnellsten.
Anmerkung: Karl ist 2009 verstorben.
Text: Eva Winroither, November 2007
Foto: Maria Ziegelböck, 2006
Lea, 55 Jahre, 16 Jahre Obdachlos, seit 3 Jahren im neunerHAUS

Fad is mir nie
Ich bin sehr froh, dass es diese Institution gibt, denn hier habe ich wieder ein neues zu Hause gefunden. Seit 1992 durch Delogierung obdachlos, habe ich in Heimen der Stadt Wien gewohnt, bis ich 2002 im Internet vom neunerHAUS erfuhr. Ich ließ mich auf die Warteliste setzen und zog überglücklich im September 2003 Zimmer-Küche-Wohnung in der Lechnerstrasse, die ich mir gemütlich einrichtete.
Freundschaften, sowie Aktivitäten die vom Haus geboten werden sorgen für Abwechslung. Fad ist mir nie. Kurs, Hausarbeit und Hobbys (häkeln, lesen, puzzeln), sowie Katze Gipsy die vor 18 Monaten bei mir einzog, halten mich auf Trab.
Alter und lange Arbeitslosigkeit machen es mir schwer, wieder den Einstieg ins Arbeitsleben zu schaffen. Um eine sinnvolle Beschäftigung zu haben, betätige ich mich ab und zu im Haus. Stiegen reinigen, bei Aussendungen der Geschäftsleitung verpacken oder kuvertieren. Heuer im März begann die Kursmaßnahme neunerComputing. Durch den Kurs ist die Chance Arbeit zu finden gestiegen. Computerkenntnisse die ich auch in praktischen Übungen in diesem Kurs umgesetzt habe, bringen mir gute Argumente für einen Neubeginn.
Ein Tag hier im Haus beginnt mit Gipsy füttern und schmusen. Nach meinem Frühstück komme ich und dann der Haushalt, alles soll sauber und gepflegt sein. Spätestens um 9 Uhr bin ich im Kursraum und „studiere“ bis 12 Uhr. Anschließend, das Mittagessen und Siesta. Danach koche ich für den nächsten Tag. Um 16 Uhr bin ich bereit für die Putzarbeit im Schulungsraum. Abends freue ich mich schon auf meine Hobbys und das Spielen mit Gipsy. Da sich für mich keine Arbeitsplatz gefunden hat, beschäftige ich mich mit meinem Computer und versuche die letzten drei Prüfungen für den ECDL-Computerführerschein nachzuholen.
Text: Lea Philipich, Dezember 2006
Foto: Maria Ziegelböck, 2006

Endlich Ruhe
Mit den Männern in ihrem Leben hat Cölestine Radosavljevic nicht viel Glück gehabt. Mit dem ersten war die gelernte Schuhverkäuferin gleich dreimal verheiratet. Er hat sie betrogen, doch sie kam immer wieder zu ihm zurück- wegen der Kinder.
Mit ihrem zweiten Mann hatte Tina eine Tochter. Die haben’s mir umgebracht, sagt Tina. Das zehnjährige Mädchen wurde auf dem Zebrastreifen von einem Auto niedergefahren, vier Tage später war es tot.
Da bin ich einfach in ein Loch gefallen. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Das ist ein Blödsinn, man lernt in Wirklichkeit nur, mit dem Schmerz zu leben, meint die geborene Gerasdorferin. Später lebte sie gemeinsam mit ihrem langjährigen Lebenspartner in einer Wohnung- bis dieser eine Jüngere fand, und Tina drei Wochen Zeit gab, um aus der Wohnung zu verschwinden. Tina packte ihre Koffer gleich. Sie ging in ein Hotel im zweiten Bezirk, wo sie auch eine Anstellung fand. Bis der Hotelbesitzer beschloss, das Personal gehöre „verjüngt“. Binnen zwei Wochen sollte Cölestine ihre Sachen packen. Sie hatte Glück im Unglück. Ein Hotelgast, der im dritten Bezirk zuhause ist, kannte das neunerHAUS. Was Tina sonst gemacht hätte, weiß sie wirklich nicht. Dabei ging es ihr nicht so sehr um sich- eher wegen meinen Miezerln.
Seit 8 Monaten ist Tina nun ein Teil des neunerHAUS, ihre Katzen und Vögel natürlich auch. In ihrem eigenen Zimmer im ersten Stock fühlt sie sich richtig wohl. Dort kann die 64-Jährige in Ruhe basteln, Kreuzworträtsel lösen oder sich der Gobelin-Stickerei widmen. Und genau diese Ruhe hat sie sich verdient.
Text: Judith Lecher, März 2005
Foto: Maria Ziegelböck, 2005

Die Wohnung von Erika und Sigi spricht Bände. Es ist die wohl schönste Wohnung im ganzen Haus, zwei Monate lang haben die beiden renoviert und sich eingerichtet, es ist perfekt aufgeräumt und riecht nach frischem Kaffee.
Besonders ins Auge fallen Sigis „Kratzbilder“, mit einer bestimmten Technik werden die Motive ausgekratzt und es entstehen detailreiche Bilder. Dafür braucht man eine ganz ruhige Hand und viel Konzentration, mich beruhigt das sehr erzählt Sigi, der seine Kunstwerke meist verschenkt. Tiger mag er besonders gern und er ist auch ein begeisterter Hobbykoch. Erikas Leidenschaft sind chinesische Fächer, Teppichknüpfen und Zimmerpflanzen, um die sie sich liebevoll kümmert.
Vor einem halben Jahr haben Erika und Sigi geheiratet. Sie waren Nachbarn im neunerHAUS und als Sigi Erika gesehen hat, war es für ihn klar: „Die oder keine!“ Beide haben turbulente Zeiten hinter sich. Erikas Geschichte klingt dabei gar nicht so außergewöhnlich und beweist, wie schnell einem der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann: Erika hat eine Ausbildung zur zahnärztlichen Assistentin gemacht, jung geheiratet, Kinder bekommen, sich scheiden lassen und um besser zu verdienen im Gastgewerbe gearbeitet. Als ihr zweiter Mann starb, war sie gerade arbeitslos, konnte die Wohnung nicht behalten und kam über Umwege vor einem Jahr ins neunerHAUS. Sigis Leben kann man als turbulente Berg- und Talfahrt bezeichnen. Er hat mit 14 Jahren zu trinken begonnen, früh geheiratet, wurde früh Vater, bald wieder geschieden, verschiedene Jobs, beim ORF war er beim Sendeaufbau auf der ganzen Welt dabei. Immer wieder kam ihm der Alkohol dazwischen, Raufereien, Wohnungsverlust und durch Initiative der Grünen kam er ins neunerHAUS. Hier ist er zum ersten Mal in seinem Leben zur Ruhe gekommen, Alkohol ist nun absolut tabu und seine ruhige, freundliche und kümmernde Art schätzt Erika besonders. „Mein Leben mit Erika, das ist 100 zu 1“ meint Sigi, und Erika strahlt!
Text: Petra Grießner, Sept. 2004
Foto: Maria Ziegelböck, 2004

Fast eine Jugend
Michaela ist 26 Jahre alt und lebt im neunerHAUS. Michi hat hier viele Freunde. „Des ist wichtig, dass man wen zum Reden hat und zum Blödeln.“ Freunde, die auch helfen, wenn’s nötig ist. Zur Zeit wird nämlich Michis Zimmer renoviert, violett sollen die Wände werden, weil sie sich gerne die Spiele der Austria im Fernsehen anschaut. Ihre beiden Katzen Sheila und Minka fühlen sich trotz des momentanen Durcheinanders wohl und Michi sorgt liebevoll für sie.
Seit drei Jahren gibt’s das neunerHAUS nun, und so lange ist auch Michi schon hier. Sie ist mit ihrer Mutter gemeinsam eingezogen, nun ist die junge Frau allein, denn ihre Mutti ist vor zwei Jahren an Krebs gestorben.
Michis Kindheit war kurz, nach einer schlimmen Erfahrung hat sie mit 13 Jahren zu trinken angefangen, zuerst Bier, dann Wein und schließlich Schnaps. Die Scheidung der Eltern hat die Situation nicht verbessert, die Geschwister wurden in verschiedene Pflegefamilien gegeben, Michi kam zu ihrer Mutter, die zu dieser Zeit auf der Straße lebte. Eine unruhige Zeit brach an. Zwei Jahre war sie auf der Straße, dann in verschiedenen Notschlafstellen und schließlich kam sie ins neunerHAUS.
Die Ausflüge die das Neunerhaus-Team organisiert mag sie gerne, besonders die Wanderungen. Stephen King Romane und Actionfilme findet Michi super.
Pläne und Wünsche hat sie einige: „Eine Play Station wäre ein Hit und in die Disco würd ich gern wieder einmal und auf einen Christkindlmarkt.“ Aber an erster Stelle steht ganz klar die Gesundheit. Michi hat sich um einen Therapieplatz in Ybbs/Donau beworben, weil der Entzug alleine zu schwer ist. Wenn das geschafft ist, möchte sie gerne arbeiten: „Frisörin wär’ ich gern, wenn die Händ’ nach dem Entzug nimmer so zittern.“
Text: Petra Grießner, März 2003

Ein ungewöhnliches Leben
Im Grunde eine Verkettung unglücklicher Umstände: Geboren und aufgewachsen in Wien- Favoriten, Besuch der Volks- und Hauptschule, Beginn einer Lehre zum Automechaniker.
"Ich wollt' viel lieber Koch/Kellner lernen, aber weil ich der Zweitgeborene war (sein Zwillingsbruder ist um sieben Minuten älter) musste ich lernen, was der Vater woll'n hat." Bei einem schweren Arbeitsunfall während der Lehrzeit wurde sein rechtes Bein fünffach gebrochen. Nach dem Krankenstand wollte ihn die Firma nicht mehr.
So hat sich der "Favoritener mit Leib und Seele" als Hilfsarbeiter durchgeschlagen. Später hat er die Pacht zweier Kohlengeschäfte übernommen und jahrelang ohne Krankenstand und Urlaub als "Heizmaterialzustellungsbeamter", sprich Kohlenjuri, gearbeitet.
Eine schlechte Phase hatte er als die Großmutter starb, bei der er nach dem Tod seiner Mutter wohnte - ein "Aussetzer" wie er es selbst nennt. Er gab die Geschäfte auf, musste aus der Wohnung und kam mehrere Monate bei verschiedenen Freunden unter. "Dann hab ich irgendwann mein Billa-Sackl g´nommen und bin unter die Salztorbrücke gezogen."
Während er auf der Straße lebte, ist er immer arbeiten gegangen. "Ich hab immer gespart und am Wochenend' hab ich dann in einem billigen Hotel gewohnt, da hab ich mich so richtig ausgeschlafen und meine Ruhe gehabt."
Über Umwege (Heilsarmee, Gruft) kam er ins neunerHAUS, hier lebt er seit einem Jahr neben seiner Freundin Heli, die er liebevoll den "Blitz vom neunerHAUS" nennt. Zu seinen liebsten Beschäftigungen zählen lesen, Schach spielen und wandern. Außerdem arbeitet Poldi sehr engagiert im neunerHAUS mit. Was er mit einem Lotto 6-er machen würde: "Ganz klar, einen Lift fürs neunerHAUS bauen lassen!"
Anmerkung: Poldi ist 2009 verstorben.
Text: Petra Grießner
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