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2020: Nähe in einem Jahr der verordneten Distanz

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Die Zahl der sozialarbeiterischen Beratungsgespräche bei neunerhaus stieg 2020 um zwei Drittel. Ein Rückblick.

„Von Angelina habe ich gelernt, dass sie nicht aufhört, solidarisch mit anderen Menschen zu sein. Da kann die Situation noch so blöd sein. Sie hat ein Auge und ein Ohr für andere“, sagt neunerhaus Sozialarbeiterin Magdalena über ihre 46-jährige Klientin.

Angelina hat mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, gesundheitlich wie beruflich. Sie arbeitete ohne Vertrag und war nicht versichert. neunerhaus unterstützte sie erfolgreich bei der Suche nach einer angemeldeten Arbeit. „Sie sieht, dass alle Menschen mit gewissen Problemen zu kämpfen haben, so wie sie. Sie versucht selbst, wo immer es geht, eine Unterstützung für andere zu sein. Sie weiß, dass Beziehungen das wichtigste sind“, sagt die neunerhaus Sozialarbeiterin anerkennend.

Ängste und Sorgen besprechen

Der Wunsch nach menschlicher Nähe und Solidarität in einem Jahr der verordneten Distanz spiegelt sich deutlich in unserer Statistik wider. 2020 stieg die Zahl der sozialarbeiterischen Beratungsgespräche bei neunerhaus um zwei Drittel gegenüber dem Vorjahr. Ein nachdrücklicher Beleg dafür, wie sehr die Menschen in der Pandemie nach einem offenen Ohr suchten: Sei es, um die Einsamkeit zu durchbrechen und über Ängste und Sorgen oder psychische Probleme zu sprechen oder sich einfach auch nur einmal mit jemand anderem auszutauschen.

Das Virus macht zwischen uns keinen Unterschied, die Gesellschaft umso mehr: Die Ausgangsbeschränkungen und die Reduzierung des öffentlichen Lebens und der sozialen Kontakte traf Menschen in prekären Arbeits- und Wohnverhältnissen ungleich härter als jene, die auf Homeoffice, Lieferservice und Garten ausweichen konnten. Wo es vorher schon eng war, wurde es noch enger – platztechnisch wie finanziell. Viele Menschen wurden in Kurzarbeit geschickt, andere verloren ihre Jobs ganz. Mietrückstände betrafen auf einmal auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Und wo vorher schon wenig soziale Netzwerke als Unterstützung zur Verfügung standen, wurden diese ausgesetzt oder
brachen komplett weg.

Anstatt den Betrieb „runterzufahren“, hat neunerhaus seine Angebote nicht nur aufrechterhalten, sondern so weit wie möglich ausgebaut. Als im ersten Lockdown viele Essensausgabestellen für armutsbetroffene Menschen schließen mussten oder ihre Angebote stark einschränkten, litten mitten in Wien Menschen Hunger. neunerhaus bot kurzerhand kostenlos gesundes Essen zum Mitnehmen, sozialarbeiterische Beratung gab es bei Bedarf dazu. Denn die Bedeutung von offenen Orten ohne Konsumzwang, an denen man – wenn auch mit Abstand und Maske – zwanglos verweilen, sich mit anderen Menschen verbinden und Unterstützung erfahren kann, wurde in der Krise noch einmal klarer.

Peers: Gekommen, um zu bleiben

2020 hat uns auf dramatische Weise gezeigt, wie wichtig gesellschaftliche Teilhabe für alle Menschen ist. Eine noch junge neunerhaus Erfolgsgeschichte, die weitergeschrieben wurde, ist der Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe. Hier treffen sich Menschen, die selbst Erfahrungen mit Wohnungs- und Obdachlosigkeit haben. Innerhalb von acht Monaten werden sie zu ExpertInnen ihrer eigenen Erfahrungen ausgebildet und können ihr wertvolles Wissen weitergeben. Die AbsolventInnen arbeiten als Teil von interdisziplinären Teams in den von Diversität geprägten Angeboten der Wiener Wohnungslosenhilfe.

Ein Highlight des Peer Campus war die Fachtagung exPEERience im Oktober. 60 TeilnehmerInnen – darunter MitarbeiterInnen der Wiener Wohnungslosenhilfe, bereits angestellte Peers sowie Peers in Ausbildung – tauschten sich über Peer-Mitarbeit und gute nationale und internationale Praxisbeispiele aus. Die Energie und Motivation, die Angebote gemeinsam im Sinne der NutzerInnen zu gestalten, war im Veranstaltungsort – dem Volkskundemuseum – überall greifbar. Franz H., Peer-Absolvent der ersten Stunde, drückt sein Selbstverständnis so aus: „Arbeiten als Peer bedeutet, sich seiner eigenen Geschichte bewusst zu sein, dieses Wissen und die Erfahrung dazu zu nutzen, um sich im Team einzubringen und Menschen in ähnlicher Lebenslage zu helfen, egal, ob in einem Wohnhaus, im Notquartier, im Gesundheitsbereich oder in der Nachbetreuung.“ Und, so sein Fazit: „Peers sind gekommen, um zu bleiben.“

Lücken im System aufzeigen

Der durchaus kritische Blick der Peers entspricht dem Anspruch von neunerhaus. Auf gesellschaftliche Bruchlinien hinzuweisen und Lösungen vorzuschlagen, war gerade 2020 wichtig. Während sich unser Zusammenleben fundamental verändert hat, ist eines gleichgeblieben: neunerhaus wird sich auch weiterhin dafür einsetzen, dass die Grundrechte insbesondere für schutzbedürftige Zielgruppen wie obdach- und wohnungslose Menschen gesichert sind. Mit allen Angeboten, aber auch als kritische Stimme in der öffentlichen Debatte. Der Ansatz, ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben für alle zu fördern, gilt auch in einer Pandemie. Genauso wie die Überzeugung, dass gesellschaftliche Teilhabe, soziale Kontakte und Unterstützung keine Privilegien für manche sein dürfen, sondern für alle zugänglich sein müssen.

 

Foto: (c) Christoph Liebentritt

 

 

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