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»Den typischen Tag gibt es hier nicht«

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Die Pandemie trifft armutsbetroffene Menschen besonders. Im neunerhaus Gesundheitszentrum ist ein Team aus verschiedenen Berufsgruppen für sie da.

Herr G. hat einen forschen Gang. Daran ändert auch die Krücke nur wenig, auf der er sich abstützen muss. Der 40-Jährige hat eine kräftige Statur und einen glatt rasierten Kopf, seine braunen Augen blicken wach. „Moment, ich mache mich noch schnell hübsch“, sagt er und lacht, als der Fotograf seine Kamera zückt. Herr G. kommt seit vergangenem Sommer in die neunerhaus Arztpraxis in der Margaretenstraße. Hier werden Menschen behandelt, die – wie er – keine Krankenversicherung haben, oder obdach- oder wohnungslos sind. Es werden immer mehr: 2020 ist die Zahl der PatientInnen in der Arztpraxis allein im 1. Halbjahr um 37 Prozent gestiegen. Übers Jahr wurden 5.813 Menschen versorgt – inklusive mobiler Einsätze.

„Mein Bein schmerzt jeden Tag, 24 Stunden lang, in jedem Moment“, sagt Herr G. Seit drei Jahren klafft eine tiefe, entzündete Wunde an seinem Unterschenkel, die einfach nicht heilen will. „Elfmal wurde ich schon operiert“, zählt er auf. Die Wunde hat sich immer wieder geöffnet. „Aber es ist gut, Schmerzen zu haben“, sagt Herr G., „denn dann weißt du, dass du am Leben bist.“ Ihm ist bewusst: Sollte er an seinem Bein keine Wärme oder Kälte mehr spüren oder auf Berührungen nicht mehr reagieren, dann ist es wirklich ernst. Im schlimmsten Fall droht eine Amputation.

"Ich schaue mir den ganzen Menschen an"

Gesundheits- und Krankenpflegerin Ajoki Kalo begrüßt Herrn G. mit einem freundlichen Lächeln. „Na, alles bereit?“ Herr G. nickt: „Alles bereit!“ Die 29-Jährige entfernt vorsichtig den Verband und schaut sich seine Wunde genau an. Dann dokumentiert sie mit dem Handy den aktuellen Stand, bevor sie das Bein weiter versorgt. „Ich kann nicht einfach einen Verband runter nehmen und den nächsten wieder drauf tun, so rein mechanisch. Ich schaue mir den ganzen Menschen an“, sagt sie.

Es geht um nicht weniger als das große Ganze: Deshalb arbeitet Ajoki Kalo eng mit ÄrztInnen und SozialarbeiterInnen zusammen. Um die PatientInnen bestmöglich zu versorgen, fragt das Team nicht nur akute Symptome ab, sondern hakt nach: Möchten Sie mir etwas über Ihre Wohnsituation erzählen? Wie geht es Ihnen psychisch? Welche Vorerkrankungen haben Sie? „Wenn ein Patient mit einer schlecht eingestellten Diabeteserkrankung vor mir sitzt, kann ich die teuerste Creme benutzen, das wird an seiner Wunde wenig ändern“, sagt Ajoki Kalo. Oft haben die PatientInnen mehrere „Baustellen“. Dann gilt es schnell einzuschätzen, welche Unterstützung am dringendsten nötig ist.

„Manchmal ist ganz schnell klar: Diesen Menschen muss man erst mal dringend von der Straße holen. Dann ist der Heilungsprozess einer Wunde erst mal weniger im Fokus“, sagt Kalos Kollegin Therese Rath. Die erfahrene Krankenpflegerin zollt ihren PatientInnen höchsten Respekt: „Ich glaube, ich wäre nach drei Tagen auf der Straße tot“, sagt sie nachdenklich, „es ist gefährlich, es ist unwirtlich … Aber unsere Leute kommen immer wieder und halten ihre Termine ein. Wir sind immer ganz gerührt, wie viel Struktur ihnen der Besuch bei uns offensichtlich gibt.“

Wenn der Andrang zu groß ist

Doch die Pandemie hat lange erprobte Strukturen verändert. Auch heute hat sich vor der Arztpraxis eine lange Warteschlange gebildet, noch bevor um 9 Uhr die Schiebetüren öffnen. Einfach rein und raus gehen – das funktioniert in Zeiten von Corona nicht mehr. Hygiene- und Sicherheitsvorkehrungen sind zu beachten, alle müssen durch einen Symptomcheck, es wird Fieber gemessen und geschaut, ob auch jede und jeder die Maske richtig aufgesetzt hat oder jemand eine neue benötigt. Die Zahl der PatientInnen ist zwar gestiegen, aber der Platz für sie im Wartezimmer ist, behördlich verordnet, geringer geworden.

„Durch Corona hat sich die Situation vor allem beim Einlass stark verändert, aber die meisten haben dafür Verständnis“, sagt Peer-Mitarbeiter Christopher Labenbacher. Er ist oft die erste Person, mit der die PatientInnen Kontakt haben. Zu übersehen ist der hoch gewachsene Mann ohnehin schwer. Er erklärt den Wartenden geduldig, wie alles abläuft und wirbt um Verständnis, dass es heute länger dauern kann – manchmal muss er sogar auf den nächsten Tag vertrösten, wenn der Andrang zu groß ist. Auch er musste sich in der Pandemie umstellen: „Wenn man nur noch mit den Augen lächeln kann, ist das schon eine Barriere“, sagt er. Was hingegen fast immer wirkt, um das Eis zu brechen: Wenn Christopher davon erzählt, dass er früher selbst wohnungslos war.

"Die Lebensfreude imponiert mir"

Auch Ärztin Marie Neubauer spürt die Auswirkungen der Pandemie hautnah: „Die PatientInnen sind insgesamt besorgter. Manche fürchten auch, sich mit dem Virus angesteckt zu haben – wir leisten da viel Aufklärungsarbeit“, sagt sie. Sie behandelt PatientInnen in der Margaretenstraße und als mobile Ärztin in einem Übergangswohnhaus. „Der Konsum von Alkohol und Drogen hat zugenommen“, so Neubauer. Nicht nur das: Laut einer repräsentativen Studie des SORA-Instituts hat sich die psychische Situation bei 56 Prozent der WienerInnen mit Vorbelastungen verschlechtert. Neubauer weiß aber auch Positives zu berichten: „Es imponiert mir, wenn Menschen trotz ihrer Schwierigkeiten noch so eine Lebensfreude haben“. Ein Patient zeigt ihr jedes Mal stolz Videos von seinem „Häuschen“. Der Mann lebt auf der Straße und hat sich dort ein kleines Reich mit Ofen, Blumen und Haustieren geschaffen.

„Ins Gespräch zu kommen hilft oft schon, Stress rauszunehmen“, sagt auch Magdalena Elsnegg. Die Sozialarbeiterin im neunerhaus Gesundheitszentrum, die hier alle Maggi nennen, ist mit ihren KollegInnen für alle Fragen da, die auf den ersten Blick nur wenig mit dem Besuchsgrund zu tun haben, etwa, wenn ein Brief des Arbeitsmarktservices beantwortet werden muss. Ein typischer Arbeitstag? „Den gibt es hier nicht“, sagt die 33-Jährige. „Viele Problemlagen sind komplex“, so Maggi: Ob es darum geht, bei Behörden nachzuhaken oder spontan ein Entlastungsgespräch mit jemandem zu führen, der völlig aufgelöst ist. Viele haben einen jahrelangen Leidensweg hinter sich, bevor sie Hilfe annehmen – aus Angst vor den Kosten, weil Angebote fehlen oder aus Scham. Mit Zuhören alleine sei es aber nicht getan, betont die Sozialarbeiterin.

"Wenn du etwas brauchst, sind sie immer da"

„Es geht darum, sich zuständig zu fühlen in einer Notsituation und zu schauen, wo man anfangen und vermitteln kann.“ Das kann mitunter dauern: „Ich kenne sehr viele Warteschleifenmelodien in Wien“, sagt Maggi und lacht. Doch es lohnt sich, hartnäckig zu bleiben: „Wir haben KlientInnen, da sieht es zunächst so aus, als könne man wenig tun, aber nach zwei Jahren findet sich dann doch noch eine Lösung.“

Für Herrn G. lautet die derzeitige Lösung: regelmäßig ins neunerhaus Gesundheitszentrum kommen und seine Wunde mit einer kleinen Vakuumpumpe behandeln lassen. Er ist dankbar, dass er hier nicht schnell abgefertigt, sondern nach den neuesten medizinischen Erkenntnissen versorgt wird. „Ich bin sehr froh, dass ich diesen Ort gefunden habe, weil er für alle Menschen offen ist“, sagt er, „wenn du etwas brauchst, sind sie immer da.

Fotos: (c) Christoph Liebentritt

 

Gesundheitsversorgung für alle

Menschen, die obdach- bzw. wohnungslos oder nichtversichert sind, fallen oftmals durch das soziale Netz. Im neunerhaus Gesundheitszentrum werden sie vorbehaltlos und niederschwellig unterstützt. Das Angebot vereint eine Arztpraxis, eine Zahnarztpraxis, die Wundversorgung und Sozialarbeit interdisziplinär unter einem Dach. neunerhaus Mobile ÄrztInnen sind an 27 Standorten der Wiener Wohnungslosenhilfe im Einsatz. Seit März 2020 berät das neunerhaus Gesundheitstelefon im Auftrag der Gesundheitsbehörde und in Kooperation mit dem Fonds Soziales Wien MitarbeiterInnen der Wohnungslosen-, Flüchtlings- und Behindertenhilfe sowie der Frauenhäuser bei Fragen rund um Covid-19.

Sie können das Team des neunerhaus Gesundheitszentrums mit Ihrer Spende unterstützen.

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Dieser Beitrag erschien erstmals in Ausgabe #43 des Magazins neuner News.

 

 

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