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»Ein gut ausgebauter Sozialstaat ist wichtiger denn je«

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Die neunerhaus Geschäftsführerinnen Elisabeth Hammer und Daniela Unterholzner blicken im Interview auf ein ereignisreiches Jubiläumsjahr 2019 zurück.

Anstelle eines persönlichen Interviews sind wir heute (Ende März 2020, Anm.) über Videotelefonie verbunden – Arbeitsalltag in Zeiten von Corona. Wie geht neunerhaus mit der Situation um?

Elisabeth Hammer: Turbulente Zeiten liegen hinter und vor uns. In der ersten, sehr herausfordernden Phase haben wir schnell reagiert, Arbeitsbereiche neu organisiert und sie noch krisenfester gemacht. Wir sind sehr stolz, dass das neunerhaus Gesundheitszentrum – wie auch jedes der anderen  neunerhaus Angebote – geöffnet ist.

So absurd es klingen mag – Corona gibt uns Rückenwind für Themen, für die wir schon lang kämpfen: für das Recht auf Wohnen, und zwar in einer eigenen Wohnung, abgesichert und mit der Möglichkeit, sein Privatleben so zu gestalten, wie man möchte. Für das Recht auf medizinische Versorgung, unabhängig von Staatsbürgerschaft, Versicherungs- und Arbeitsmarktstatus. Ein drittes Thema ist die Notwendigkeit, soziale Nähe leben zu können. Wir alle spüren jetzt, wie wichtig es im Alltag ist, Personen zu haben, mit denen man sich austauschen kann und die einen unterstützen.

Daniela Unterholzner: In der Krise war es wichtig, dass wir sowohl die neunerhaus Tierärztliche Versorgung als auch die neunerhaus Zahnarztpraxis offen halten konnten. Beide Angebote sind einzigartig in Wien und basieren auf ehrenamtlichem Engagement. Die ÄrztInnen und MitarbeiterInnen wollten von sich aus weiterhin für unsere KlientInnen und ihre Tiere da sein. In einer Situation, in der  neunerhaus mit viel Umstellung und Druck konfrontiert war, war das ein unglaublich schönes Zeichen.

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie sind noch nicht absehbar – aber manches deutet darauf hin, dass für den Sozialbereich keine rosigen Zeiten anbrechen. Was würden Sie sich in dieser Hinsicht wünschen?

Elisabeth Hammer: Wir sehen jetzt schon, dass die Krise hohe Kosten verursachen wird. Die Verteilungskämpfe haben gerade erst begonnen. Meine Sorge ist, dass sie auf dem Rücken der Schwächeren ausgetragen werden. Wir werden uns auch damit beschäftigen müssen, dass viele Menschen ihre Arbeit verlieren. Diese Menschen werden Schwierigkeiten haben, ihre Lebenshaltungskosten zu decken, Wohnung und Energiekosten zu bezahlen. Ein gut ausgebauter Sozialstaat wird wichtiger sein denn je. Aber wir werden darum kämpfen müssen. Wir werden weiterhin UnterstützerInnen brauchen, die uns und unseren Zielgruppen nicht nur den Rücken stärken, sondern uns auch finanziell fördern, sodass wir unsere Anliegen weiterhin vertreten können.

Daniela Unterholzner: Ich glaube, dass es gesamtgesellschaftlich absolut unverzichtbar ist, in die Wohnungslosenhilfe zu investieren. Es ist das letzte soziale Hilfsnetz, darunter gibt es nichts mehr, nur mehr die Straße. Aus unserer Erfahrung wissen wir: Wohnungslosigkeit macht krank. Sie hinterlässt körperliche und seelische Wunden, die oft lange brauchen, um wieder zu heilen. Obdach- und Wohnungslosigkeit klaffen außerdem als Wunde in der Gesellschaft. Wenn wir heuer einen massiven Anstieg haben an obdachlosen und wohnungslosen Menschen, wird uns das in den kommenden Jahren sehr viel Anstrengung und Geld kosten. Aber ich glaube, gerade Wien erfüllt alle Voraussetzungen, dass das nicht passieren muss. Gerade jetzt, wo öffentlichkeitswirksam postuliert wird: ‚Bleibt’s zu-hause!‛ sieht man, wie viel es wert ist, sich zurückziehen zu können. Es geht um ein Zuhause. Wir haben 2012 gemeinsam mit dem Fonds Soziales Wien das Projekt Housing First nach Wien gebracht. Ehemals wohnungslose und obdachlose Menschen leben langfristig und stabil in der eigenen Wohnung. Wir verzeichnen eine Mietstabilitätvon 94 Prozent. Housing First funktioniert!

Werfen wir einen Blick zurück in die Zeit vor der Corona-Krise: Was waren 2019 die prägenden Themen für neunerhaus?

Elisabeth Hammer: Da ist natürlich unser Peer-Projekt zu nennen. Wir geben dadurch wohnungslosen Menschen eine Stimme und integrieren sie als ExpertInnen in unsere Teams. Gemeinsam mit dem Fonds Soziales Wien und unterstützt vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger haben wir einen Zertifikats-Kurs konzipiert, in dem sogenannte Peers, also ehemals Betroffene, ausgebildet werden, den Schatz ihrer Erfahrungen an Menschen in Krisensituationen weiterzugeben. Die Hinter-gründe der Peers sind ganz unterschiedlich und reichen vom Ex-Theologiestudent bis zur Mutter mit Kleinkind. Über den Kurs haben sie einen anderen Blick auf das erfahren, was sie bisher als ihr  alleiniges Scheitern erlebt haben. Sie haben gelernt, was in ihnen an Kompetenzen schlummert und was sie umsetzen konnten, um sich aus dieser Situation zu befreien. Peers sind für uns StellvertreterInnen der Hoffnung: Eine Krisensituation kann überwunden werden. Man kann daraus schöpfen und sogar einen Zugang zur Erwerbsarbeit schaffen. In Österreich sind wir mit dem Peers-Projekt einmalig in der Wohnungslosenhilfe.

Daniela Unterholzner: Was wir 2019 auf die Beine gestellt haben, erfüllt mich mit sehr viel Stolz und Freude. Anlässlich unseres 20. Geburtstages haben wir im Herbst eine Kampagne zum Thema Schande und Scham gestartet. Einige unserer KlientInnen wurden auf Plakaten mit Schandmasken gezeigt. Mit diesen stigmatisierenden Objekten wurden im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Menschen für leichte Vergehen an den Pranger gestellt. Der Pranger existiert auch heute noch, wenn auch subtiler. Wir erhielten auch von KlientInnen viel positives Feedback zur Kampagne. Viele bekräftigten, dass Scham eine der größten Hürden ist, um Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Mit unserem Tochterunternehmen neunerimmo haben wir zudem ein Kooperationsprojekt gemeinsam mit der Erste Bank gestartet: die Social Housing Initiative. Die Erste Bank feierte 2019 ihr 200-jähriges Jubiläum. In den kommenden Jahren wird sie die Finanzierungsbeiträge von 200 Wohnungen übernehmen, die von neunerimmo an Housing First-Teams verschiedener Sozialorga-nisationen vermittelt werden. Wir ziehen damit alle am selben Strang, indem wir Menschen ein dauer-haftes Zuhause ermöglichen.

Welcher Moment ist Ihnen persönlich besonders in Erinnerung geblieben?

Daniela Unterholzner: Als wir eine Wohnung an eine Familie übergeben haben, hat die Tochter angefangen zu weinen. Sie hat sich so über das Backrohr gefreut und darauf, dass sie mit ihrer Mama wieder einen Geburtstagskuchen backen kann. Dieses Erlebnis hat mich emotional sehr berührt, vielleicht auch, weil ich selber gern backe und eine Tochter habe …

Ein unglaublich schöner Tag war auch das Metallica-Konzert im August. Die Band kam für ein Konzert nach Wien und schrieb uns aus heiterem Himmel, dass sie für uns spenden wollten. Sie luden uns auf ihr Konzert ein, um uns den Scheck persönlich zu überreichen. Mein großer Bruder hat von klein auf Metallica gehört, ich verbinde darum viel mit ihrer Musik. Helmut, einer unserer Klienten, hat mich zum Konzert begleitet. Auch er meinte, es war ein unvergessliches Erlebnis. Wir fanden es beide so cool, Metallica kennenzulernen. ‚Thank you for your service!‘, sagten sie zu uns, das war bestärkend und schön.

Was möchten Sie gern heute in einem Jahr sagen, wenn Sie auf das Jahr 2020 zurückblicken?

Daniela Unterholzner: Für mich ist es ein realistisches Ideal, wenn wir sagen können, dass wir als neunerhaus und als Gesellschaft diese große Krise gut bewältigt haben. Dann bin ich sehr zufrieden. Man sieht in Krisen genau, dass es nicht sinnvoll ist, wenn Menschen außerhalb des Sozial- und Gesundheitssystems stehen. Je mehr Angebote wir hier implementieren, die nachhaltig, beweglich und sicher aufgestellt sind, umso besser können wir genau diese Krisen meistern. Ich bin überzeugt, dass es geht, wenn wir alle zusammenhelfen.


Elisabeth Hammer: Ich denke, 2020 wird ein Jahr, in dem wir noch einmal mehr über nachhaltige Lösungen nachdenken werden und darüber, was wir mit einzelnen Angeboten dazu beitragen können. Wir wissen, dass wir Dinge vorwärtsbringen können, wenn wir Allianzen schmieden. Dinge, die unser Gemeinwesen zu einem better place for all machen. Ich bin überzeugt davon, dass neunerhaus die passenden Lösungen auf drängende Fragen unserer Zeit hat.

Fotos: (c) Christph Liebentritt

 

>> Dieses Interview erschien erstmals im neunerhaus Jahresbericht 2019.

 
 

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Daniela Unterholzner (li.) und Elisabeth Hammer (re.)