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Ein weiter Weg zum eigenen Zuhause

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Auch junge Menschen können wohnungslos werden. Nina D. war eine von ihnen. Nun lebt sie in ihren eigenen vier Wänden – unterstützt von neunerhaus.

Nina D. war elf Jahre alt, als ihre Welt ins Wanken geriet. "Ich musste sehr früh lernen, erwachsen zu werden", erinnert sie sich. Ihre Eltern mussten für sie und ihre fünf Geschwister sorgen, dann hatte der Vater auch noch einen Arbeitsunfall: "Sie waren damals einfach mit der Situation überfordert", sagt Nina. Ihre Leistungen in der Schule sackten immer weiter ab. In dieser akuten Krisensituation fand sie in einem SOS-Kinderdorf ein vorübergehendes Zuhause.

Mit 17 Jahren zog sie kurzzeitig wieder zu den Eltern, dann zu einem der Brüder, "aber beides ging nicht lange gut", sagt sie. Weitere Stationen: eine Jugendeinrichtung, später zog sie in eine gemeinsame Wohnung mit ihrem damaligen Freund. Als Nina sich von ihm trennte, musste sie wieder einen neuen Platz zum Leben finden. Starthilfe dafür bekam sie, mittlerweile 21-jährig, im neunerhaus Billrothstraße.

Hier werden seit 2018 schwerpunktmäßig junge wohnungslose Erwachsene bei ihrem Weg zu selbstbestimmtem Wohnen unterstützt. Ein Drittel der insgesamt 40 Einzelwohnungen ist für junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren vorgesehen. Das Betreuungskonzept ist auf die junge Zielgruppe zugeschnitten. Das sei auch dringend notwendig, sagt Jürgen Hölbling, der das Haus im 19. Bezirk leitet: "Es ist unglaublich, was manche Menschen schon in jungen Jahren erlebt und ausgehalten haben", sagt er. "Deren Rucksack ist so prall gefüllt wie der eines 50-Jährigen."

Bewältigungsstrategien fehlen noch.

Die Zahlen zeigen: Wohnungslosigkeit betrifft längst auch junge Menschen. Hierzulande sind ein Viertel aller Menschen, die in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe oder prekär bei Bekannten auf der Couch leben, jünger als 30 Jahre. Eine besonders sensible Gruppe: die so genannten Care Leaver. So nennt man junge Erwachsene, die mit Erreichen der Volljährigkeit die Jugendhilfeeinrichtungen verlassen – und dann nicht selten sich selbst überlassen werden. Jürgen Hölbling: "Das ist oft ein harter Bruch. Die gesellschaftliche Erwartung ist, dass sie von einem Tag auf den anderen wie Erwachsene ticken. Dabei wird vergessen, dass dies Menschen in einer Notlage sind."

Stress mit der Familie, Vernachlässigung, Gewalterfahrungen, Sucht, Kriminalität, und Depressionen – die Ursachen dafür, warum junge Menschen ihr Zuhause verlieren oder sich erst gar keines aufbauen können, sind vielfältig. Woran es ihnen im Gegensatz zu älteren wohnungslosen Menschen zumeist fehlt? "An Bewältigungsstrategien", sagt Jürgen Hölbling. Aufgrund ihres Alters und mangels Vorbildern wüssten viele der Betroffenen nicht, wie sie mit Problemen oder auch Alltagsanforderungen umgehen können. "Wir haben hier viele junge Menschen, die im Moment leben und weniger das große Ganze sehen", so Hölbling. Auch deswegen sei ein Betreuungsansatz wichtig, der diese Ausgangslage berücksichtigt.

neunerhaus setzt dabei auf etwas ganz Grundlegendes: Vertrauen. "Wir versuchen mit unserem Ansatz 'du bist wichtig' einen Raum zu schaffen, wo Vertrauen entstehen kann – auch das Vertrauen, sich wieder zu öffnen", so Hölbling. Keine einfache Aufgabe, besonders, weil die BewohnerInnen trotz ihres jungen Alters oftmals schon viele negative Erfahrungen gemacht haben und ihr Vertrauen massiv enttäuscht wurde.

Das kann Nina D. bestätigen. Auch sie habe lange Zeit ihre Gefühle hinter einer harten Schale versteckt. "Aber ich habe gemerkt, dass sich die Gefühle aufstauen, wenn ich sie wegdrücke. Wenn ich heute traurig bin, dann weine ich – nur dann kann ich das, was mich traurig macht, abschließen", sagt sie. An ihrem Schlüsselbund baumelt eine kleine pinkfarbene Figur, die sie immer wieder daran erinnert, zu ihren Gefühlen zu stehen: "Das ist mein Kuschelbeauftragter", sagt Nina D. und lacht. Sie hat sichden Talisman selbst gekauft.

Doch manchmal bleibt die Tür zu den Gefühlen versperrt, egal wie sehr man daran rüttelt. Jürgen Hölbling berichtet von einem Bewohner, der besonders stolz darauf war, alles mit sich alleine auszumachen: „Der trug das herum wie einen Panzer, dieses 'Ich schaffe das schon!' Er meinte zu mir: 'Wieso sollte ich Ihnen erzählen, wie es mir geht? Ich möchte den Schlüssel zu dieser Wohnung und der Rest ist mal mein Kaffee!'" Momente wie dieser sind auch für den erfahrenen Sozialarbeiter augenöffnend: "Wir sind ja gewohnt, sehr zielgerichtet zu denken, aber das funktioniert halt nicht immer", sagt er.

Kompetenzen stärken.

Erklärtes Ziel auch in schwierigen Situationen: Beziehungen aufbauen und stärken. Dabei werden die SozialarbeiterInnen im neunerhaus Billrothstraße von AssistentInnen Wohnen und Alltag ergänzt, die auch in den Abendstunden und bei Gruppenarbeit, etwa Yoga, Kochen und Gärtnern, Kontakte anbieten und pflegen. Es geht im Wesentlichen darum, drei Grundbedürfnisse der jungen wohnungslosen BewohnerInnen zu erfüllen: sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, die eigenen Kompetenzen zu stärken und ein selbstbestimmtes Leben zu fördern. "Wir nehmen die Menschen ernst – egal, was sie durchlebt haben oder vielleicht gerade dadurch", sagt Jürgen Hölbling. Eine Bewohnerin hatte schon eine Gärtnerausbildung absolviert und brachte sich aktiv bei der Neugestaltung des Hinterhofs ein. Ein anderer sorgte mit seiner lockeren Art für gute Laune in der Gruppe. Nina D. zeichnete oder schrieb an ihrer To-Do-Liste. Eines ihrer langfristigen Ziele: Ihre in diesem Jahr begonnene Lehre in einem Drogeriemarkt erfolgreich abzuschließen.

Ein anderes, großes Ziel hat sie schon im Sommer abhaken können: Nina D. ist in ihre erste eigene Wohnung gezogen – nach knapp einem Jahr in der Billrothstraße und mit Vermittlungshilfe von neunerhaus. Was sie in der ersten Nacht in ihren knapp 30 Quadratmetern geträumt hat? Nina D. kann sich nicht erinnern. "Ich musste mich aber erst mal an die Flugzeuge gewöhnen", sagt sie und lacht. Der Flughafen Schwechat ist nicht weit entfernt von ihrem neuen Zuhause. Obwohl sie die Turbinen der Maschinen nachts hören kann, ist sie an diesem Ort, ihrer ersten eigenen Wohnung, zur Ruhe gekommen – endlich.

 

neunerhaus Billrothstraße: Ort der Orientierung

Seit 2018 gibt es im neunerhaus Billrothstraße einen Schwerpunkt auf junge wohnungslose Erwachsene im Alter zwischen 18 und 29 Jahren. Damit zog frischer Wind in das 1928 von der Architektin Ella Briggs-Baumfeld geplante Gebäude im 19. Bezirk ein. Das macht sich auch in der Kommunikation bemerkbar, sagt Hausleiter Jürgen Hölbling: "Seit die Jungen da sind, kommen wir auch verstärkt auf digitalen Kanälen und mit dem Handy miteinander ins Gespräch." Ein Drittel der insgesamt 40 Wohnungen in einer Größe zwischen 11 und 18 Quadratmetern sind für die junge Zielgruppe vorgesehen. Das Haus versteht sich als ein Ort, an dem die trotz ihres jungen Alters oftmals schon stark belasteten BewohnerInnen zur Ruhe kommen und sich neu orientieren können. Maximal für zwei Jahre können sie hier neue Perspektiven entwickeln. Unterstützt werden sie dabei von einem Team: jeweils einE SozialarbeiterIn und einE AssistentIn Wohnen und Alltag sind feste AnsprechpartnerInnen für alle Fragen, Sorgen und Nöte. Zudem steht ein Peer-Mitarbeiter, der selbst einmal wohnungslos war, zur Verfügung.

Selbständiges Wohnen ist das erklärte Ziel: Es gibt im neunerhaus Billrothstraße weder eine Portiersloge noch eine 24-Stunden- Betreuung. In den vergangenen zwei Jahren haben 39 junge wohnungslose Erwachsene das neunerhaus-Angebot genutzt, deutlich mehr junge Frauen im Vergleich zur gesamten Altersgruppe der BewohnerInnen (der älteste ist 70 Jahre alt). Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der jungen Erwachsenen in der Billrothstraße beträgt 8,5 Monate. Was das Team um Jürgen Hölbling besonders freut: Ein Drittel der jungen BewohnerInnen zieht von hier direkt in eine Gemeindewohnung.

Fotos: (c) Christoph Liebentritt

Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin neuner News #42.

 

 

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"Es ist unglaublich, was manche Menschen schon in jungen Jahren erlebt und ausgehalten haben", sagt Hausleiter Jürgen Hölbling.