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Erwin Wurm: »Wir sind alle sehr getrieben«

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Künstler Erwin Wurm im Gespräch mit neunerhaus Geschäftsführerin Daniela Unterholzner darüber, was ein Zuhause ausmacht.

Daniela Unterholzner: Sind Sie schon einmal mit Obdachlosigkeit in Berührung gekommen?

Erwin Wurm: Mir ist klar, wie schnell es passieren kann, dass man obdachlos wird. Etwa durch den Verlust der Arbeit oder durch eine Scheidung. Letzteres habe ich selbst erlebt – da bricht eine Welt zusammen. Man verliert den Halt, weil die Familie nicht mehr da ist. Wenn dann noch finanzielle Unsicherheit dazu kommt, ist man schnell draußen und kommt nur schwer wieder hinein. Wer keine Wohnung hat, kann sich nicht um eine Arbeit bewerben. Ohne Bankkonto keine Wohnung. Ein Teufelskreis. Ich war viel in den USA, dort ist es noch schlimmer.

Unterholzner: Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, wie wichtig ein gutes Sozial- und Gesundheitssystem ist. Das kann Menschen auffangen. In den USA müssen oft selbst Kinder und Jugendliche auf der Straße leben. Bei uns ist das zum Glück nur sehr selten der Fall. Dennoch ist auch in Europa ein Drittel der wohnungslosen Menschen unter 30 Jahre alt. Das hat strukturelle Gründe, prekäre Arbeitsbedingungen ohne Anspruch auf Sozialleistungen beispielsweise ...

»Zuhause braucht soziale Wärme, Geborgenheit, intellektuellen Reiz.«

Wurm: Im Kunst- und Kulturbereich sind die besonders verbreitet. Mir geht es heute sehr gut, aber als junger Künstler konnte ich mir Kranksein nicht erlauben. Die Selbstständigkeit ist nicht ohne. Ich hatte einen Freund, der eine Weile obdachlos war. Er hat sich im System nicht zurecht gefunden. Wir sind ja alle sehr getrieben von äußeren Faktoren und von Statussymbolen. Wenn ich jetzt höre, dass die Leute
wieder reisen möchten, um sich frei zu fühlen … Wer ist denn beim Reisen frei? Das ist doch nur ein gewaltiges Konsumprodukt. Ich reise auch gerne, aber Freiheit schaut anders aus.

Unterholzner: Wie sieht denn echte Freiheit für Sie aus?

Wurm: Wenn ich entscheiden kann, wie ich mein Leben führe: Möchte ich dem Begriff der Leistung
folgen? Oder anderen Werten? Ich glaube zum Beispiel, dass es die Aufgabe der Kunst ist, Sinnlosigkeit zu schaffen. Nicht im Sinn von Stupidität, sondern im Sinn von Freiraum. Die Kunst wurde historisch von allen politischen Systemen instrumentalisiert und missbraucht. Immer wurde bestimmt, wie Kunst zu sein hat. Das geht jetzt weiter mit Galerien, Kuratoren. Dabei sollte es eigentlich ums Staunen gehen, um kleine Dinge, um Entdeckungen, auch zuhause im Garten.

Unterholzner: Was bedeutet für Sie Zuhause?

Wurm: Zuhause kann überall sein, in Griechenland, in New York. Es muss nichts damit zu tun haben, wo man aufgewachsen ist oder mit dem Begriff Heimat. Es kann ein Haus sein, eine Wohnung, auch ein Wohnwagen. Jedenfalls ein Ort, an den man gerne zurückkommt. Zuhause braucht soziale Wärme, Geborgenheit, intellektuellen Reiz. Meistens hat es mit Menschen zu tun, die man liebt.

»Das ist bescheuert! Was ewig wächst, ist eine Krankheit.«

Unterholzner: Wir alle haben durch die Pandemie einen Einschnitt erlebt. Sollten wir uns aus der Zeit etwas bewahren?

Wurm: Die Verlangsamung, die Konzentration aufs Wesentliche. Ich wünsche mir, dass wir Menschen daraus lernen. Es wäre schön, wenn wir die Dogmen unserer Gesellschaft hinterfragen würden, etwa das ewige Wirtschaftswachstum. Das ist bescheuert! Was ewig wächst, ist eine Krankheit. Wir machen damit die Welt kaputt. Leider habe ich wenig Hoffnung, dass sich was ändert. Natürlich wünsche ich es mir, ich habe drei Kinder. Meine Jüngste könnte das Jahr 2100 erleben. Wie wird die Welt dann aussehen?

 

Zur Person

Erwin Wurm (geb.1954) ist einer der international renommiertesten österreichischen Künstler. Seine Skulpturen machten ihn weltberühmt, zudem umfasst sein Werk Zeichnungen, Fotos, Videos und Installationen. Immer wieder beschäftigt er sich mit Statussymbolen wie Autos („Fat Cars“). Anfang des Jahres installierte er eine überdimensionale Wärmflasche auf dem Wiener Stephansplatz, um „die Verformungen unserer Lebenswelt“ zu thematisieren. Wurm lebt und arbeitet in Wien und in Limberg.

 

Fotos: (c) Christoph Liebentritt
Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin neuner News #41.

 
 

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