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»Gemeinsam stehen wir das durch«

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Wenn eine Krise alles auf den Kopf stellt, ist Teamwork gefragt. Stephan Gremmel, Ärztlicher Leiter, über die Arbeit im Ausnahmezustand.

neuner News: Die Corona-Krise hat das Leben der Menschen weltweit auf den Kopf gestellt. Wie hat sich die Arbeit im neunerhaus Gesundheitszentrum verändert?

Stephan Gremmel: Die tägliche Arbeit im Gesundheitszentrum hat sich in erster Linie dadurch verändert, dass wir uns streng an die empfohlenen Sicherheitsmaßnahmen der Bundesregierung halten: Abstand wahren und direkte Kontakte so kurz wie möglich halten. Schon seit Mitte März arbeiten wir mit Mund-Nasen-Schutz: Alle MitarbeiterInnen und auch alle PatientInnen werden damit schon im Wartebereich ausgestattet. Was uns in der jetzigen Situation von vielen anderen Arztpraxen unterscheidet: Wir können den Menschen nicht einfach raten, zuhause zu bleiben.

Viele NutzerInnen des Gesundheitszentrums sind obdachlos oder schlafen sehr prekär in Notquartieren. Andere sprechen nicht ausreichend Deutsch, um sich telefonisch gut verständlich zu machen und verstehen zu können, was die ärztlichen Empfehlungen sind. Wir haben also von Anfang an auf die Fortführung unseres Präsenzangebots gesetzt und unsere Arztpraxis immer offen gehalten – um weiterhin die medizinische Versorgung von obdachlosen und nichtversicherten Menschen in vollem Umfang sicherstellen zu können.
 

neuner News: Was bewegt die NutzerInnen derzeit (Anmerkung: Stand Ende März) besonders?

Gremmel: Wir haben im Gesundheitszentrum stark gespürt, dass die Menschen Hunger haben. Durch die Auflagen und Einschränkung von Angeboten ist es schwieriger geworden, etwas zu essen zu organisieren. So wurde zum Beispiel jemand, der mit einer Jause vorbei gegangen ist, gefragt, ob er nicht etwas davon abgeben könne. Das passiert normalerweise nie. Wir sind daher sehr froh, dass neunerhaus unmittelbar reagiert hat: Seit Ende März gibt es täglich ein Mittagessen zum Mitnehmen vom neunerhaus Café. Das hat die Situation vieler Menschen verbessert. Ein regelmäßiges Essen ist außerdem nicht zuletzt eine gesundheitsfördernde Maßnahme – wenn man chronisch krank ist, ist es umso wichtiger, dass man regelmäßig etwas Vernünftiges zu essen bekommt.

Mehr Belastung durch Einsamkeit

neuner News: Neben Hunger und physischen Schmerzen und Erkrankungen: Sind die Menschen in der Krise auch stärker belastet?

Gremmel: Wir spüren, dass die psychischen Belastungen zugenommen haben. Besonders stark melden das unsere Kolleginnen in der Pflege zurück. Sie versorgen primär Menschen mit chronischen Wunden. Weil sie daher sehr viel Zeit mit den PatientInnen verbringen, kommen sie gut mit ihnen ins Gespräch. Derzeit nehmen sie mehr Belastung im Sinne von Einsamkeit und Ausgrenzung wahr. Es gibt auch einen Mangel an Angeboten, einen Mangel an Orten, wo man sein und sich entspannt aufhalten kann – das ist natürlich für viele Menschen, die kein eigenes Zuhause haben, eine große Herausforderung.

neuner News: Welchen Schwierigkeiten sehen Sie sich noch gegenüber?

Gremmel: Die Versorgung von PatientInnen im medizinischen Kontext ist schwieriger geworden. Wir können PatientInnen derzeit (Anmerkung: Stand Ende März) nicht mehr ohne weiteres an FachärztInnen verweisen und genau so wenig an Spitalsambulanzen. Während der Corona-Krise wurde das Angebot im niedergelassenen Bereich und im Spitalsbereich stark zurück gefahren.


neuner News: Selbst für erfahrene ÄrztInnen ist diese Pandemie eine Ausnahmesituation. Auch sie sind mit Ängsten um ihre eigene Gesundheit konfrontiert. Wie ist derzeit die Stimmung bei Ihnen im Team?

Gremmel: Die Stimmung im Team, unter allen Berufsgruppen, ist positiv, alle sind sehr engagiert. Die ÄrztInnen und das Pflegepersonal sind ohnehin gewohnt, mit medizinischen Hygienemaßnahmen zu arbeiten. Das gehört zu unserem Berufsbild grundsätzlich dazu undinsofern gehen alle professionell damit um. Wir sind uns im Team vor allem einig: Es ist auch jetzt zentral, die medizinische Versorgung für alle Menschen aufrechtzuerhalten. Und das tun wir.

"Corona wird unseren Umgang miteinander verändern"

neuner News: Im neunerhaus Gesundheitszentrum werden Menschen auch ohne E-Card behandelt. Hat die Corona-Krise die Notwendigkeit für niederschwellige Angebote noch einmal unterstrichen?

Gremmel: Barrieren abzubauen und Zugang füralle zu ermöglichen haben wir bei neunerhaus schon immer als zentrale Elemente unserer Angebote gesehen. Natürlich erhalten wir durch die Krise jetzt noch einmal eine Bestätigung, wie wichtig das ist. Denn es macht überhaupt keinen Sinn, Bevölkerungsgruppen von dermedizinischen Versorgung auszuschließen, wenn es darum geht, eine Pandemie in den Griff zu bekommen. Ein Virus macht schließlich vor Ländergrenzen genauso wenig Halt wie vor sozialen Unterschieden.

neuner News: Niemand kann derzeit die Frage nach dem „danach“ beantworten. Was denken Sie: Wird die Corona-Krise die Arbeit im Gesundheitszentrum verändern?

Gremmel: Mittelfristig sicherlich. Ich glaube, dass Covid-19 nicht nur unsere Arbeit, sondern auch die Gesellschaft im Allgemeinen und unseren Umgang miteinander verändern wird. Ich glaube, die Normalität der nächsten Monate wird sich von der Normalität vor Covid-19 unterscheiden, in mehrfacher Hinsicht. Herausfordernd wird die Zeit jedenfalls. Obwohl die wirtschaftlichen Auswirkungen derzeit noch nicht absehbar sind, müssen wir einen Anstieg der Zahl wohnungsloser und nichtversicherter Menschen befürchten. Ich hoffe, dass die Solidarität, die sich derzeit zeigt, auch nach der unmittelbaren Krise bestehen bleibt. Dann stehen wir das gemeinsam durch.

 

Die Krise hat obdachlose, wohnungslose und nichtversicherte Menschen besonders hart getroffen. Unser Team im neunerhaus Gesundheitszentrum braucht mehr denn je Ihre Unterstützung!

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>> Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin neuner News #40

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