Hilfe Info Spenden CORONA – WIR SIND DA
+43 1 990 09 09 900
jetzt spenden

Gesundheit für alle – ohne Wenn und Aber

|   Aktuelles

Die Krise hat gezeigt: Das Gesundheitssystem muss für alle im Land lebenden Menschen zugänglich sein, um wirksam zu sein.

Vorsichtig löst Therese Rath die Bandage 23 vom Bein des Patienten. Andreas L. verzieht das Gesicht. Sonst bleibt er entspannt. Er kommt jede Woche zum Verbandswechsel und kennt das Prozedere schon. Der 55-Jährige leidet an handflächengroßen offenen Wunden an den Beinen. Im neunerhaus Gesundheitszentrum werden sie von einer diplomierten Krankenpflegerin zum ersten Mal seit Jahren professionell versorgt.

„Hierherzukommen hat meine gesamte Lebenssituation verbessert“, sagt er. „Ich bin obdachlos und nicht krankenversichert. Was neunerhaus für mich bedeutet? Ganz einfach: Leben.“

Andreas L. ist einer von 5.300.

So viele Menschen fanden 2019 den Weg ins neunerhaus Gesundheitszentrum. Sie erhielten hier, was selbstverständlich sein sollte: Medizinische Versorgung – professionell, niederschwellig, unkompliziert. Doch für obdachlose und nichtversicherte Menschen ist selbst ein so gut ausgebautes Gesundheitssystem wie das österreichische gespickt mit Zugangshürden und Fallstricken – vom formalen Kriterium des Versicherungsstatus über Sprachbarrieren bis hin zu abwertenden Blicken.

Die Ausschlussgründe für obdachlose und nichtversicherte Menschen sind vielfältig. neunerhaus versucht, dem entgegenzuwirken. Hier werden PatientInnen nicht nur medizinisch versorgt, sondern auch dabei unterstützt, sich im Gesundheitssystem wieder zurechtzufinden und Ansprüche auf Versicherung geltend zu machen.

Das Leben auf der Straße macht krank.

In einem anderen Raum des Gesundheitszentrums erklärt Zahnarzt Christian Malek einer Patientin die nächsten Schritte zu einer Prothese für ihre fehlenden Vorderzähne. Der gelernte Kieferorthopäde unterstützt die neunerhaus Zahnarztpraxis bereits seit zehn Jahren ehrenamtlich – so lange, wie es das Angebot der zahnmedizinischen Behandlung für obdachlose und nichtversicherte Menschen in Wien schon gibt. Einmal im Monat übernimmt er einen Dienst, der Termin ist fix in seinem Kalender eingetragen.

Genauso wie die neunerhaus Arztpraxis und die Wundversorgung ist die neunerhaus Zahnarztpraxis ein fixer Bestandteil des neunerhaus Gesundheitszentrums. Zudem bieten die neunerhaus Mobilen ÄrztInnen in mittlerweile 27 Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe Sprechstunden vor Ort an. Ergänzt wird die medizinische Arbeit durch die neunerhaus SozialarbeiterInnen, die bei Fragen rund um Wohnen oder Einkommen beratend sowie im Krisenfall unterstützend zur Seite stehen. Besonders wichtig ist dabei das engagierte Netzwerk an ehrenamtlichen FachärztInnen, die nach Überweisung durch neunerhaus nichtversicherte Menschen in ihren eigenen Praxen behandeln. Gemeinsam arbeiten alle daran, das österreichische Gesundheitssystem niederschwellig und inklusiv zu gestalten – und Brücken überall dort zu bauen, wo noch Gräben bestehen.

Krankheiten machen vor fehlendem Versicherungsstatus nicht Halt.

In der Corona-Krise wurde besonders deutlich: Das Gesundheitssystem muss für alle im Land lebenden Menschen zugänglich sein, um wirksam zu sein. Viren, Erkrankungen und Unfälle interessieren sich weder für den Versicherungs- noch den Aufenthaltsstatus, sie machen vor Ländergrenzen oder abgelaufenen behördlichen Fristen nicht Halt. Insbesondere nichtversicherte Menschen blieben unversorgt, gäbe es das neunerhaus Gesundheitszentrum nicht.

In den letzten vier Jahren stieg die Anzahl der PatientInnen im neunerhaus Gesundheitszentrum um fast 50 Prozent. Das spricht nicht nur für die wachsende Bekanntheit des Angebots und das Vertrauen der PatientInnen in die ÄrztInnen – sondern ist auch ein trauriges Zeichen für einen Anstieg der Betroffenen.

Medizinische Versorgung ist ein Menschenrecht.

An der Umsetzung dieser schönen Worte gilt es weiterhin zu arbeiten. Vor allem müssen die Zusammenhänge beachtet werden: So hat die jeweilige Wohnsituation unmittelbaren Einfluss auf das körperliche und geistige Wohlbefinden. Die Gesundheit wiederum auf das Selbstvertrauen, den Umgang mit anderen Menschen und das Meistern schwieriger Lebenssituationen. In die neunerhaus Zahnarztpraxis kommen immer wieder Menschen, die jahrelang unter großen Schmerzen leiden oder nur hinter vorgehaltener Hand lächeln, weil sie sich für den Zustand ihrer Zähne schämen.

Das war auch bei Andreas L. so. Die guten Erfahrungen im neunerhaus Gesundheitszentrum haben ihm Mut gemacht. „Jetzt traue ich mich endlich, auch meine Zahnprobleme anzugehen“, sagt er. Und lächelt vorsichtig.

2019 wurden 5.298 PatientInnen im neunerhaus Gesundheitszentrum versorgt und sozialarbeiterisch beraten.

Fotos: (c) Martin Stöbich

>> Dieser Beitrag erschien erstmals im neunerhaus Jahresbericht 2019.

  

Zurück
Gerold G., Nutzer neunerhaus Tierärztliche Versorgung
Sandra Y., ehemalige Bewohnerin neunerhaus Hagenmüllergasse
Lisa G., ehrenamtliche Tierärztin neunerhaus Tierärztliche Versorgung
Helmut L., Patient neunerhaus Gesundheitszentrum