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»Gesundheit und Soziales zusammen denken«

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Vorausgedacht: Die neunerhaus Geschäftsführerinnen darüber, wie Gesundheitsversorgung, Wohnen und Teilhabe für alle verwirklicht werden kann.

Wie setzen wir das Recht auf gesundheitliche Versorgung für alle in Zukunft durch?

Elisabeth Hammer: Heute entscheidet der Versicherungsstatus darüber, ob jemand medizinische Hilfe bekommen kann. Wir trennen zwischen versicherten und nichtversicherten Menschen. Das ist eine gesellschaftliche Kategorisierung, die gesundheitspolitisch keinen Sinn ergibt. In Zukunft müssen wir verstehen, wie verzichtbar diese Einteilung ist, und so allen den Zugang zu qualitativer Gesundheitsversorgung gewähren. Auch gehen soziale und gesundheitliche Schwierigkeiten oft einher. Genauso verzahnt wie die Problemlagen für viele Menschen sind, muss auch das Hilfesystem sein.

Daniela Unterholzner: Wir müssen das Gesundheitliche und Soziale zusammen denken. Diese Spezialkompetenz haben wir uns bei neunerhaus in den vergangenen Jahren aufgebaut. Menschen kommen mit einem schweren Rucksack voller unterschiedlicher Belastungen ins Gesundheitszentrum – Wohnungslosigkeit, Armut, psychische Probleme. Die Krankheit ist da oft nur der dringlichste Antrieb, Hilfe zu suchen. Umfassende Beratung sollte in Gesundheitseinrichtungen dazugehören.

Elisabeth Hammer: Genau jetzt ist die Zeit, uns für diesen Brückenschlag zwischen sozialen und gesundheitlichen Angeboten einzusetzen. Zwei Szenarien können nach der Krise eintreten: Entweder den nun bestehenden Einschränkungen folgt struktureller sozialer Abbau und man lässt mühsam Aufgebautes brüchig werden. Oder aber man beginnt damit, neue Konstruktionen zu schaffen, die tragfähiger sind als die alten. Was wir jetzt neu und solider aufbauen, ist in Zukunft das Fundament für gesundheitliche Versorgung für alle.

 

Die EU setzt sich zum Ziel, bis 2030 Obdachlosigkeit in Europa zu beenden. Wie kommen wir da hin?

Daniela Unterholzner: Housing First ist das Modell der Zukunft. Es ist zentral, dass wir europaweit ein Bekenntnis dazu haben. Nur die eigene Wohnung bietet langfristig Zukunftsperspektiven und Stabilität. Heute basiert die Wohnungslosenhilfe in Europa noch immer in weiten Teilen auf einem Stufenmodell. Menschen kommen von der Straße in Notunterkünfte, dann in Wohnheime und schließlich – wenn sie Glück haben – in die eigene Wohnung. Der direktere Weg in ein eigenes Zuhause mit freiwilliger Betreuung ist oft erfolgreicher. Fünf Jahre nach Mietvertragsunterzeichnung leben 91 Prozent der Haushalte weiterhin in ihrer neunerhaus Housing First Wohnung.

Elisabeth Hammer: Die EU setzt sich hier ein ambitioniertes Ziel. Und das ist gut so. Bei Obdachlosigkeit und bei Wohnungslosigkeit muss man darauf achten, dass viele Menschen gleichzeitig mit verschiedenen Problemlagen und Hürden konfrontiert sind. Am Wohnungsmarkt gibt es viel Diskriminierung, etwa auf Basis von Herkunft, Staatsbürgerschaft oder Sprachkenntnissen. Dazu kommt, dass oft der leistbare Wohnraum und Möglichkeiten, sich ein adäquates Einkommen zu erwirtschaften, fehlen. Um Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden braucht es übergreifende Lösungen, die von mehreren politischen Ressorts getragen werden.

Daniela Unterholzner: Als Organisation der Wohnungslosenhilfe müssen wir unser Programm sicher noch weiter für Zielgruppen spezifizieren. Frauen nutzen beispielsweise die Angebote der Wohnungslosenhilfe tendenziell weniger als Männer. Eher versuchen sie zuerst, ihre eigenen Ressourcen und Netzwerke auszuschöpfen, selbst wenn sie dann mit neuen Abhängigkeiten konfrontiert sind. Das liegt daran, dass oft das maßgeschneiderte Angebot fehlt. Auch die Selbstständigkeit, wie sie bei Housing First gelebt wird, muss sich in den Wohnhäusern weiter etablieren.

 

Wie könnte Teilhabe für alle in Zukunft aussehen?

Elisabeth Hammer: Teilhabe beginnt mit Anerkennung, damit, in der eigenen Situation wahrgenommen zu werden. An einem solchen Zukunftsort ist Social Distancing ja hoffentlich Geschichte. Ich habe große Hoffnung, dass dann auch unsere Neugierde wieder stärker wird. Dass wir uns wieder mehr mit uns fremden Menschen auseinandersetzen und in Austausch treten wollen. So entsteht Empathie, ein Sinn von Gemeinschaft und Verantwortung füreinander. Aber natürlich ist das nur der erste Schritt. Anerkennung alleine hilft einem armutsgefährdeten oder marginalisierten Menschen noch nicht aus seiner Lage. Es braucht die Verbesserung der Lebensverhältnisse auf ganz vielen unterschiedlichen Ebenen, von der Möglichkeit eines legalen Aufenthalts hin zum Zugang zu Wohnen, Bildung, Arbeitsmarkt und ähnlichem mehr.

Daniela Unterholzner: Wir werden alle große Sehnsucht nach Austausch und gemeinsamen Erlebnissen verspüren. An einem Zukunftsort, der Teilhabe für alle garantiert, müssen wir uns diese Sehnsucht zunutze machen. Auch wenn es schon jetzt spannende Projekte mit dem Ziel gibt, den lokalen Gemeinschaftsgeist zu fördern, greift vieles noch zu kurz. Wer betreibt zum Beispiel den kleinen städtischen Gemeinschaftsgarten? Wer nutzt autonom verwaltete Räume oder Kulturveranstaltungen? Wer den Foodsharing-Kühlschrank? Diese Projekte sind wichtig und gut, doch genutzt werden sie oft von homogenen Gruppen. Es gibt politische Hebel, die man betätigen kann, um das aufzubrechen. Wir brauchen in Städten mehr Freiflächen, offene Plätze und Orte, wo sich Menschen ohne Konsumzwang aufhalten können und wollen, wo man sich gemeinsam und unbürokratisch organisieren kann – und im Fall des Falles auch Unterstützung und Hilfe erfährt.

Foto: (c) Christpoh Liebentritt

 
  

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