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Hinter die Fassaden schauen

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Schauspielerin Ursula Strauss im Gespräch mit Elisabeth Hammer über die Bedeutung von Zuhause und gegenseitigen Respekt.

Elisabeth Hammer: Was bedeutet für Sie der Begriff Zuhause?

Ursula Strauss: Zuhause ist ein sicherer Ort. Wie das ‚Leo‘ beim Versteckspielen. Und es hat viel mit mir als Mensch zu tun. Es ist der Ort, wo ich begonnen habe, groß zu werden – im Kopf und im Herzen. Zuhause bedeutet auch Ruhe. Ich komme ja vom Land, dort ist es nicht sehr aufregend, aber man kann sich besser entspannen als in der Stadt. Und die Zeit besser einschätzen. In der Stadt rinnt sie mir manchmal durch die Finger.

Hammer: Weil Sie Sicherheit ansprechen: War ein Zuhause für Sie auch einmal prekär?

Strauss: Absolut. Das war in einer Zeit des Heranwachsens und der absoluten Überforderung. Obwohl ich gearbeitet habe, ein WG-Zimmer hatte, habe ich mich in eine finanzielle Situation begeben, die mir über den Kopf gewachsen ist. Zum Glück hat mich mein Elternhaus aufgefangen. Ich hatte einfach unterschätzt, was es bedeutet, allein zu leben und musste das hart lernen.

Hammer: Der neunerhaus Jahresbericht 2020 hat den Titel „Sehen und gesehen werden“. Wir verknüpfen damit den gesellschaftlichen Anspruch, stärker hinzuschauen, die Menschen wahrzunehmen, vor allem auch die, denen es gerade nicht so gut geht. Was verbinden Sie damit?

Strauss: Ich kann damit viel anfangen, weil mich der Slogan tagtäglich begleitet. Was mich am meisten interessiert, sind Menschen, die Kommunikation mit ihnen und ihre Gefühle – vom ersten bis zum letzten Schrei. Das beinhaltet automatisch das Interesse am anderen und das Hinschauen. Durch meine Arbeit gehe ich beobachtend durch die Welt. Versuche, hinter die Fassaden zu schauen. Weil das alles auch Futter ist für die Geschichten, die wir ausarbeiten: Wenn Menschen sich wiedererkennen, durch einen Satz oder eine besondere Figur, fühlen sie sich vielleicht ein bisschen weniger allein. Das gegenseitige Sehen und Respektieren funktioniert allerdings nicht, wenn dazwischen Eitelkeiten stehen.

Hammer: Am Rand der Wahrnehmung, auch wenn es um Wohnungslosigkeit geht, sind Frauen.

Strauss: Ja, und in einer Gesellschaft wie der unseren empfinde ich es zum Beispiel als Hohn wenn Frauenhäusern das Geld gestrichen wird, während man sich auf die Fahnen heftet, ein Sozialstaat zu sein. Eine gesunde Gesellschaft kann es erst geben, wenn die Interessen von Frauen geschützt sind.

Hammer: Was erwarten Sie von einer Organisation wie neunerhaus?

Strauss: Was soll ich mir von euch erwarten? Nichts, ich kann mich nur bedanken, dass bei euch Menschen arbeiten, die sich in den Dienst der Schwächeren stellen. Die Menschen auffangen, die den Boden unter den Füßen verloren haben. Bitte weitermachen!

 

Zur Person

Ursula Strauss (geb. 1974) ist eine renommierte österreichische Schauspielerin. Neben Engagements an verschiedenen Theatern in Österreich und Deutschland wirkte sie bei dutzenden Film- und Fernsehproduktionen mit, etwa in den Krimiserien „Schnell ermittelt“ und „Tatort“. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem mehrfach mit dem Österreichischen Filmpreis, dem Diagonale-Schauspielpreis und dem Publikumspreis Romy. Auch als Sängerin ist sie erfolgreich: 2020 veröffentlichte sie gemeinsam mit Ernst Molden das Album „Wüdnis“. Strauss engagiert sich gegen Gewalt an Frauen und ist Schirmherrin der Kampagne „Orange the World.“

 

  • Fotos: (c) Christoph Liebentritt
  • Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin neuner News, Ausgabe 44.
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