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»Housing First ist ein gutes Versprechen«

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Die Architektin, Stadtplanerin und Aktivistin Gabu Heindl spricht darüber, wie wichtig gesicherter Wohnraum ist und was sie sich für Wien wünscht.

Daniela Unterholzner: neunerhaus setzt sich dafür ein, dass Menschen „Vom Rand in die Mitte“ gelangen. Was fällt Ihnen dazu in Bezug auf das Zusammenleben in der Stadt ein?

Gabu Heindl: Wichtig ist, dass nicht der Rand der Gesellschaft auch der Rand der Stadt wird – und damit meine ich nicht die Einfamilienhäuser im Speckgürtel. Man muss genau hinschauen: Wo sind die Baustellen? Wo gibt es spekulativen Wohnbau und wo geförderten Wohnbau? Und wo findet man Wohnungen für Projekte wie Housing First, bei über 22.000 obdach- und wohnungslosen Menschen in Österreich? Das ist eines der Hauptthemen, denn es entstehen ja viele Wohnungen. Die Frage ist: Wie kann man sicherstellen, dass zuerst die eine Wohnung bekommen, die sie am meisten benötigen?

Unterholzner: neunerhaus sieht Housing First, also „zuerst eine eigene Wohnung“, als wesentliches Instrument, um Wohnungslosigkeit zu beenden. Auch Sie sind eine große Verfechterin davon. Warum?

Heindl: Ich finde, dass der Housing First-Ansatz für wohnungslose Menschen ein gutes Versprechen bietet. Denn das Allerwichtigste neben sozialer Unterstützung ist es, gesicherten Wohnraum zu haben – gegebenenfalls mit Betreuung, wie bei Housing First. Das Konzept ist jedenfalls, das Wohnen zu sichern. Schlimm genug, dass es das überhaupt braucht, da es viel zu viele Ausschlusskriterien im geförderten Wohnbau und Gemeindebau gibt.

Unterholzner: Sie haben gerade ein neues Buch zum Thema „Stadtkonflikte“ herausgegeben, worum geht’s darin?

Heindl: In dem Buch stelle ich mit meiner Erfahrung als Architektin und Stadtplanerin Zusammenhänge in Wohnungspolitik und Stadtplanung her und verknüpfe sie mit politischer Theorie. Auch in Krisenzeiten dürfen wir nicht sagen, „Demokratie vertiefen – oder auch nur ihre Spiel- und Verfassungsregeln einhalten –, das geht jetzt leider nicht“. Wir müssen Alternativen aufzeigen und noch mehr Demokratie einfordern. Es gibt immer Alternativen, dazu braucht es eine mutige Politik, Planung seitens der Architektur und mehr Raum und Infrastruktur für wohnungslose Menschen, damit sie sich ein- bringen können. Die Frage ist auch: Wie werden die Stadt der Zukunft und die Gesellschaft der Zukunft aussehen? Stichwort Zuzug: Wien ist Ankunftsstadt und sollte auch Bleibestadt sein – mit Ankunfts- und Bleibewohnungen.

Unterholzner: Der neunerhaus-Claim lautet „du bist wichtig“ – diese Haltung spüre ich ganz stark bei Ihnen, woher kommt die?

Heindl: Ich frage mich das selber oft im Rahmen meiner Lehrtätigkeit: Kann man so etwas wie Haltung und Empathie lernen? Bei mir fußt sie sicherlich auf persönlichen Erfahrungen. Ich denke auch, dass man politische Einstellung und berufliche Tätigkeit nicht trennen kann. Dabei sollte man seine Haltungen ständig adjustieren, zuhören – man kann sich auch täuschen, Dinge ändern sich. Aber jeder und jede sollte dieselben Chancen haben. Gleichzeitig denke ich nicht, dass man Benachteiligungs-Erfahrungen selbst durchmachen muss, um empathisch und solida- risch zu sein. Umso wichtiger, dass es Housing First gibt, gerade für Kinder – denn um sich entfalten zu können, braucht man Sicherheit.

Unterholzner: Zum Schluss noch ein Ausblick: Was wünschen Sie neunerhaus und unseren KlientInnen für 2021?

Heindl: Ich wünsche mir, dass sich neunerhaus in Zukunft auch auf andere Sachen konzentrieren kann, nicht nur auf die Wohnungs- und Obdachlosenhilfe. Ich wünsche denen, die nur vorübergehend ein Dach über dem Kopf haben, dauerhaftes Wohnen. Ich wünsche uns allen, dass wir tatsächlich systemrelevant verändernd tätig werden.

Zur Person

Gabu Heindl ist promovierte Architektin, Stadtplanerin und Aktivistin in Wien und hat an zahlreichen internationalen Publikationen mitgearbeitet. Ihr Büro GABU Heindl Architektur befasst sich mit öffentlichem Raum, öffentlichen Bauten und bezahlbarem Wohnen. Heindl war von 2013 bis 2017 Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Architektur und lehrt an der Architectual Association in London und in Sheffield sowie an der Akademie der Bildenden Künste Wien.

Fotos: (c) Christoph Liebentritt

Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin neuner News #42.

 

 

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