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Ins Gespräch kommen: Ein Rückblick auf 2021

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Neue Angebote für psychische Gesundheit, Begegnungsräume in Pandemiezeiten und Peer-Arbeit: 2021 gab neunerhaus Möglichkeiten zum Reden.

Leise dringen die Stimmen zweier Bewohner durch die offene Tür in den Gemeinschaftsraum des neunerhaus Billrothstraße. Dort treffen sich später einige Bewohner*innen zum gemeinsamen Kochen, ist auf der Tafel an der Wand zu lesen, die über die Hausaktivitäten des Tages informiert.

„Während der Lockdowns war Gemeinschaft in dieser Form nicht möglich“, erzählt Markus K., der seit knapp drei Jahren in der Billrothstraße wohnt. Aber das neunerhaus Team habe kreative Lösungen gefunden und die Bewohner*innen gut betreut und informiert – über die Krankheit, den Lockdown, die geltenden Maßnahmen. Auch wenn es dafür neue Wege gehen musste – im Fall von Markus K. Wege nach draußen: Sein Sozialarbeiter war regelmäßig mit ihm spazieren. Das reduzierte die Infektionsgefahr und tat gut. „Dafür war ich echt dankbar. Manchmal braucht‘s nur so ein (schnipst) und man ist draußen aus dem aktuellen Tief“, sagt er.

In Zeiten der Pandemie ist Kreativität gefragt, um trotz der Einschränkungen Zusammenleben zu ermöglichen und die Gemeinschaft zu stärken sowie die psychische Gesundheit zu unterstützen: Neben Achtsamkeitsspaziergängen wurden in den neunerhaus Wohnhäusern unter anderem Kreativgruppen, Garteln, Ausflüge und Fußballtraining des neunerhaus FC organisiert. Ins Gespräch kommen und sich austauschen war für viele Menschen besonders in den Lockdown-Phasen sehr schwierig.

Die Pandemie hat den Alltag verändert, Bewegungsradius und Gewohnheiten dauerhaft eingeschränkt.

 

Dabei fehlte es vor allem an öffentlichen Orten, die Sicherheit und Struktur gaben und einen Ankerpunkt boten. Das neunerhaus Café war im gesamten Jahr 2021 geöffnet: Während der Lockdowns wurde weiterhin Essen zum Mitnehmen und Beratung angeboten. Auch hier haben die Mitarbeitenden gespürt, dass die Einsamkeit bei vielen Besucher*innen zugenommen hat. Zudem bestand weiterhin ein großer Bedarf an Informationen zur Pandemie.

Neben Beratung und Verpflegung konnte das Café im vergangenen Jahr auch einige Veranstaltungen realisieren, die Menschen zusammengebracht und Vertrauen aufgebaut haben – darunter Kunst- und Kochworkshops. Die Arbeit an einem gemeinsamen Projekt gab den Nutzer*innen die Möglichkeit, sich auf eine neue Art zu öffnen und gleichzeitig etwas zu lernen.

Obdach- und Wohnungslosigkeit hat viele Gesichter.

 

Viele von ihnen entsprechen nicht dem Klischee in unseren Köpfen. Besonders betroffene Frauen tun oft alles, um nicht aufzufallen. Sie nutzen vermehrt ihre eigenen informellen Ressourcen wie persönliche Kontakte, um einen Ausweg zu finden. Häufig halten sie für längere Zeit eine prekäre Wohnsituation aus und nehmen Hilfsangebote erst in Anspruch, wenn alle alternativen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. „Als Frau bist du ein ideales Opfer“, sagt Jana W., die regelmäßig das neunerhaus Café besucht. „Fragt ja eh keiner, schaut ja eh keiner hin, interessiert ja keinen. Es ist wie eine Schattengesellschaft in unserer Gesellschaft: Frauen, Kinder, Jugendliche, alte Menschen. Und keiner sieht sie."

Im vergangenen Jahr startete neunerhaus eine Kampagne, um dieses Thema sichtbar zu machen. Zwei lebensgroße Installationen im öffentlichen Raum, Plakate in ganz Wien, Videos und Posts auf Social Media unter dem Hashtag #WasDuNichtSiehst zeigten die Realität von verdeckter Wohnungslosigkeit, die besonders oft Frauen betrifft. Neben der Öffentlichkeitsarbeit hat neunerhaus konkrete Angebote etabliert, die sich an Frauen in prekären Lebenssituationen richten. Dazu gehören eigene Frauenangebote im neunerhaus Kudlichgasse und in der mobilen Betreuung. Die Sozial- und Gesundheitspraxis dock inkludiert ein gynäkologisches Angebot sowie Beratung durch eine Hebamme, in der Praxis Psychische Gesundheit gibt es eine Gesprächsgruppe speziell für Frauen.

Dort arbeitet auch Carmen Ploch, die selbst Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit und einer psychischen Erkrankung hat. Heute ist sie eine von mittlerweile acht ausgebildeten Peer-Mitarbeiter*innen bei neunerhaus. Als Peer setzt sie ihre persönlichen Erfahrungen ein, um Menschen in schwierigen Lebenssituationen als Begleiterin und Mentorin zur Seite zu stehen.

"Peer sein bedeutet für mich, dass das ganze Leid und alles, was man so erlebt hat, einen Sinn gehabt hat. Jetzt kann ich damit anderen helfen."
– Carmen Ploch, Peer-Mitarbeiterin im neunerhaus Gesundheitszentrum

 

Indem Peers ihre eigene Geschichte erzählen, können sie andere ermutigen, sich zu öffnen und ihnen helfen, sich im Sozial- und Gesundheitssystem zurechtzufinden. Der neunerhaus Peer Campus bietet seit nunmehr vier Jahren den Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe an und seit 2021 auch Weiterbildungen für Peers. Peers sind nicht nur eine Quelle der Unterstützung und Inspiration für die neunerhaus Nutzer*innen – sie erweitern und bereichern auch das Wissen und die Fähigkeiten innerhalb der Teams. Mit ihrer besonderen Perspektive finden Peers bei neunerhaus und in anderen Organisationen Wege, um obdachsowie wohnungslose Menschen abzuholen und dort zu unterstützen, wo sie es brauchen – und tragen somit dazu bei, dass sich die Wohnungslosenhilfe ständig weiterentwickelt.

"Was wir im neunerhaus Café gesehen haben war: Leute kamen für einen Kaffee vorbei, für ein gesundes Mittagessen, aber auch wenn sie nichts essen wollten, einfach, um unter Menschen zu sein."
– Elisabeth Hammer, neunerhaus Geschäftsführung

 

 

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