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»Medizinische Versorgung ist ein Menschenrecht«

|   Aktuelles

Stephan Gremmel erklärt, warum es nicht nur menschlich wichtig, sondern auch günstiger wäre, wenn alle Menschen in Österreich Zugang zu hochwertiger medizinischer Versorgung hätten.

"Zugang zu medizinischer Versorgung ist ein Grundrecht, das allen Menschen zur Verfügung stehen sollte. Das ist in der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte, Artikel 25, so festgehalten. Es gibt trotzdem viele Menschen in Österreich, viel mehr als man glaubt, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben oder ihn selbst wenn sie ihn haben nicht nutzen können. Das verstärkt sich natürlich in einer Situation, in der wir jetzt sind – bei einer Pandemie, die sich schnell ausbreitet. Ich teile sie nun grob in zwei Gruppen:

1. Manche Menschen hätten Anspruch auf Gesundheitsversorgung im regulären System, können es aber nicht nutzen. Das kann aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung sein, die es jemandem verunmöglicht, unter Menschen zu sein, Termine auszumachen und einzuhalten oder andere Erfordernisse zu erfüllen. Oft ist es auch das Thema Ausgrenzung, Scham, negative Erfahrungen. Wir erleben bei unseren obdach- und wohnungslosen PatientInnen im neunerhaus Gesundheitszentrum häufig, dass sie nach früheren stigmatisierenden Erfahrungen resigniert haben und lange aus Scham gar keine medizinische Hilfe mehr in Anspruch genommen haben.

2. Andere Menschen haben erst gar keine Krankenversicherung. Das hat eigentlich immer damit zu tun, dass nicht in einem ausreichenden Ausmaß angemeldete Erwerbstätigkeit stattfindet, um Versicherungsansprüche zu generieren. Das sind oft EU-BürgerInnen, die auf Arbeitssuche nach Österreich kommen und hier dann nur unter sehr prekären Verhältnissen Arbeit finden. In manchen Fällen werden sie vom Arbeitgeber kurzzeitig angemeldet, doch nach kurzer Zeit wieder abgemeldet. Das ist eine jener Geschichten, die ich besonders schlimm finde: Dass immer wieder Menschen erst bei einem akuten Krankheitsfall oder Unfall drauf kommen, dass sie nicht versichert sind.

Warum ist es also so wichtig, dass wir diese Menschen genauso gut versorgen wie alle anderen? Es gibt neben dem inhaltlichen Argument auch das wirtschaftliche: Es wäre definitiv günstiger, allen Menschen Zugang zur Primärversorgung im niedergelassenen Bereich zu geben. Denn Personen, die nicht gut Zugang zum medizinischen Bereich finden warten oft sehr lange, bis sie Hilfe in Anspruch nehmen. Das endet meist darin, dass sie als Notfall mit der Rettung in eine Spitalsambulanz gebracht werden. Wichtig ist dabei aber nicht nur die akute Abklärung, sondern vor allem ein nachhaltiges Therapiekonzept für diese Personen, das sie auch in Anspruch nehmen kann. Ansonsten entwickelt sich ein Teufelskreis: Wer keine nachhaltige Verbesserung spürt, wird das Gesundheitssystem, u.a. auch kostenintensive Rettungstransporte und Akutversorgung, immer wieder in Anspruch nehmen müssen. Das tut der Person nicht gut und ja, auch dem System nicht.

Das Ziel darf nicht sein, die Zielgruppenagebote für nichtversicherte Menschen immer weiter auszubauen. Das System muss sich dahingehend ändern, dass es eine medizinische Basisversorgung gibt für alle Menschen, die sich in Österreich aufhalten."

–Stephan Gremmel, neunerhaus Ärztliche Leitung

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