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Mehr als Wunden verbinden: Ein Rückblick auf 2021

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Pandemiebekämpfung und neue Kooperationen, die Lücken in der Gesundheitsversorgung schließen: 2021 haben wir Gesundheit und Soziales noch enger miteinander verknüpft.

„Mein Bein schmerzt jeden Tag, 24 Stunden lang, in jedem Moment“, sagt Marin G., der seit Jahren eine tiefe, entzündete Wunde am Unterschenkel hat. „Elf Mal wurde ich schon operiert, aber die Wunde hat sich immer wieder geöffnet.“ Marin G. ist bereits einige Monate im neunerhaus Gesundheitszentrum in Behandlung. Neben regelmäßigen Verbandswechseln bekommt er hier auch sozialarbeiterische Beratung, zum Beispiel wenn ein Termin bei einer Behörde organisiert oder ein Brief des Arbeitsmarktservice beantwortet werden muss. Denn, wie die langjährige Erfahrung im neunerhaus Gesundheitszentrum zeigt: Gesundheit und Soziales hängen eng zusammen.

Die Pandemie sorgte auch im zweiten Jahr für einen Anstieg von Unsicherheit und Einsamkeit – das spürten besonders die Mitarbeiter*innen im Gesundheitszentrum.

Seit 2019 wurden um 44 Prozent mehr sozialarbeiterische Gespräche geführt. Sozialarbeit in Zeiten von Corona heißt auch, Nutzer*innen zu informieren, zu beruhigen und die vielen Fragen rund um Covid-19 zu beantworten – im Alltag genauso wie bei den Impfaktionen, die neunerhaus im Mai und im Dezember in Kooperation mit der Gesundheitsbehörde und dem Fonds Soziales Wien durchführte. Durch sie kamen viele Menschen zum ersten Mal ins Gesundheitszentrum. Die große Nachfrage zeigt, wie hoch die Dunkelziffer der Menschen ohne Krankenversicherung ist – und dass niederschwellige Gesundheitsangebote und Sozialberatung in Krisenzeiten eine noch wichtigere Rolle spielen.

Corona hat vieles sichtbar gemacht, auch die Lücken in der Gesundheitsversorgung obdachloser, wohnungsloser und nichtversicherter Menschen. Im Bereich der psychischen Gesundheit klaffen Bedarf und Möglichkeiten besonders weit auseinander.

In der Arztpraxis und bei den Mobilen Ärzt*innen hatten 46 Prozent der Patient*innen zusätzlich zu körperlichen Beschwerden auch eine diagnostizierte psychische Erkrankung.

Die im September eröffnete Praxis Psychische Gesundheit bietet eine Anlaufstelle für Betroffene und umfasst Einzelgespräche und Gruppenangebote sowie eine psychiatrische Ordination. Das Angebot bietet den Nutzer*innen Zeit und Raum, um in verschiedenen Settings einfach zu reden – ohne Agenda und ohne Druck. Zusätzlich zu diesem niederschwelligen Angebot werden durch spezielle Therapieangebote zwei besonders unterversorgte Gruppen unterstützt: Frauen und alkoholkranke Menschen, die nicht versichert sind. Knapp 400 Gespräche und Gruppensitzungen verzeichnete die Praxis Psychische Gesundheit in den ersten drei Monaten.

"In unserer täglichen Arbeit mit obdach- und wohnungslosen sowie nichtversicherten Menschen bemerken wir verstärkt Isolation und Einsamkeit sowie einen Anstieg von Angststörungen und Depressionen."
– Stephan Gremmel, Geschäftsleitung Gesundheit

 

Einer der Patient*innen ist Michael F., der an einer Depression erkrankt ist und viele Jahre nicht versichert war. Nachdem er seine Wohnung verloren hatte, übernachtete er lange im Proberaum eines Freundes. Michael F. kommt regelmäßig zu neunerhaus: „Während der Pandemie war es schwierig, eine Therapie zu machen. Seit ich hier bin, geht es mir psychisch besser. Ich fühle mich gut aufgehoben“, berichtet er.

Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich existierende Ungleichheiten durch die gegenwärtige Krise noch verschärfen werden, je länger die Pandemie andauert. So sind die Auswirkungen auf das Wohlbefinden für Menschen mit geringem Einkommen besonders spürbar: Befragungen zeigen, dass knapp 60 Prozent der Wiener*innen im unteren Einkommensdrittel ihre psychische Gesundheit seit der Pandemie als schlechter bewerten – im obersten Drittel sind es 23 Prozent.

Der Mehrbedarf an Unterstützung, den neunerhaus seit Pandemiebeginn verzeichnet, erfordert mehr Fachwissen und Zeit, und gleichzeitig ein Zusammenwirken verschiedener Berufsgruppen und Partner*innen. Deshalb hat neunerhaus im vergangenen Jahr seine Kooperationen und Netzwerke mit anderen niederschwelligen Gesundheitsangeboten kontinuierlich erweitert.

Ein Beispiel dafür ist die neue Sozial- und Gesundheitspraxis dock am Standort CAPE 10, die neunerhaus gemeinsam mit der Vinzenz Gruppe eröffnet hat. dock bietet nichtversicherten Menschen Beratung durch Sozialarbeiter*innen und Behandlung durch ehrenamtliche Fachärzt*innen, aktuell unter anderem in den Bereichen Gynäkologie, Augenheilkunde und Orthopädie. Durch diese Kooperation wurde eine Lücke zwischen Allgemeinmedizin und fachärztlicher Betreuung geschlossen. Eine dringend nötige Erweiterung der medizinischen Versorgung, die zeigt: neunerhaus ist ein unverzichtbarer Teil der Wiener Gesundheitsinfrastruktur. Das gilt für die neuen Angebote, die sich als Reaktion auf die Pandemie entwickelt haben – etwa das Gesundheitstelefon, mit dem neunerhaus einen wertvollen Beitrag zur Pandemiebekämpfung in Wien leistet. Das trifft auch auch auf die bereits etablierten Angebote wie die neunerhaus Mobilen Ärzt*innen zu, die seit mehr als 15 Jahren in der Stadt im Einsatz sind.

Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. neunerhaus setzt deshalb auf die Verknüpfung von Gesundheit, Wohnen und Soziales, auch durch den Einsatz verschiedener Berufsgruppen. Die enge Zusammenarbeit ermöglicht es, auf jeden einzelnen Menschen einzugehen und individuell Unterstützung anzubieten. Sozialarbeiter*innen und Ärzt*innen, Peer-Mitarbeiter*innen und Pflegekräfte setzen sich täglich dafür ein, dass Gesundheitsversorgung für alle mehr ist als eine Floskel.

 

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