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Neue Ideen gegen die Obdachlosigkeit

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„Wir scheuen uns nicht vor unbequemen Themen und sozialpolitischen Diskussionen“: Interview mit Daniela Unterholzner, neunerhaus Geschäftsführerin.

(Dieses Interview erschien am 29.2.2020 in Dolomiten – Das Tagblatt der Südtiroler / Autor: Martin Lercher)

WIEN/TISENS. Davon könnte sich Südtirol durchaus etwas abschauen: Mit neuen Ansätzen und Ideen versucht die Sozialorganisation „neunerhaus“ in Wien, das Problem der Obdach- und Wohnungslosigkeit zu lösen. Und sie kommt diesem Ziel zumindest einige Schritte näher, sagt die aus Tisens stammende Geschäftsführerin Daniela Unterholzner.

„Dolomiten“: Sie haben Geschichte und Kunstgeschichte in Innsbruck und Bangkok studiert, arbeiten aber jetzt bei einer Sozialorganisation in Wien: Haben Sie da Ihre soziale Ader entdeckt?

Daniela Unterholzner: Ich beschreibe meinen Berufsweg gerne mit dem Satz „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“. Ich habe mir mein Studium selbst finanziert und daher schnell und hands-on viel gelernt, als Kunstvermittlerin, im Landesarchiv, hinter der Wursttheke, oder in der zeitgenössischen Kunst. Nach meinem Studium erhielt ich die Stelle als stellvertretende Direktorin und Marketingleiterin des Instituts für Kulturkonzepte Wien. Was sich durchzog, bereits seit meiner Schulzeit in der LBA Meran, war das starke Interesse für Gesellschaftspolitik. Ich bin extrem wissensdurstig und liebe es, Verschiedenes zusammenzubringen. So habe ich mich bewusst entschieden, in den Sozialbereich zu wechseln und für Menschen zu arbeiten, die am Rande der Gesellschaft stehen, wo es am meisten weh tut, und die die meiste Unterstützung brauchen – damit wir alle gemeinsam in einer guten Gesellschaft leben können.

D“: Warum haben Sie sich genau dort beworben?

Unterholzner: „neunerhaus“ gilt als eine der innovativsten Sozialorganisationen im Bereich Wohnungslosenhilfe, es hat den Ruf, schnell, agil und professionell zu sein. Da wollte ich hin. Ich habe glücklicherweise die Zusage erhalten für eine freie Stelle als Referentin Projektentwicklung und Innovationsmanagement. Dann war ich wohl zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 2017 wurde die Stelle in der Geschäftsführung ausgeschrieben, und ich wurde intern gefragt, ob ich mich bewerben möchte. Gemeinsam mit Co-Geschäftsführerin Elisabeth Hammer übe ich seitdem diese Funktion aus.

„D“: Sie haben gesagt, Sie möchten dorthin, wo es weh tut. Wo tut es bei „neunerhaus“ weh?

Unterholzner: In erster Linie ist es eine sinnstiftende Arbeit, die mir Freude bereitet. Mit knapp 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und rund 80 Ehrenamtlichen hat „neunerhaus“ eine gewisse Größe, aber es ist noch kein riesiger Tanker, der schwer beweglich ist; vielmehr ist „neunerhaus“ wie ein Speedboat, und wir scheuen uns nicht vor unbequemen Themen oder gesellschaftlichen und sozialpolitischen Diskussionen.

„D“: Muss denn im Bereich Obdachlosigkeit noch was neu erfunden werden, es gibt ja bewährte Hilfsangebote...

Unterholzner: Die gab es Ende der 1990er Jahre auch. Trotzdem lebten Menschen auf der Straße – als Obdachlose; oder in schlechten und prekären Wohnsituationen – als Wohnungslose. Einige engagierte Leute im 9. Wiener Bezirk haben daher die Betroffenen selbst gefragt, warum sie die Angebote nicht annehmen. Das lag an ganz menschlichen Dingen, etwa dass Partner, Haustiere oder Alkohol in den Einrichtungen nicht erlaubt waren. Aber Hunde sind für viele Obdachlose die letzten Begleiter, die einzigen Freunde. Da lässt man das Tier nicht in der Nacht auf der Straße, um in einem Notquartier zu übernachten. Und durch Alkoholverbot wurden alle Menschen mit einer Alkoholerkrankung ausgeschlossen. Das Projekt „neunerhaus“ hat bei diesen einfachen Veränderungen angefangen und gute Lösungen gegen Obdach- und Wohnungslosigkeit entwickelt. Inzwischen hat sich wieder einiges verändert, „neunerhaus“ fragt aber nach wie vor bei den Betroffenen nach und entwickelt neue Angebote – immer auf Augenhöhe mit den Nutzern.

„D“: Was hat sich in diesem Bereich verändert?

Unterholzner: Wohnungslosigkeit wird breiter, jünger und weiblicher. Der Wohnungsmarkt zieht massiv an, auf der anderen Seite bleiben die Nettoeinkommen der Haushalte in etwa gleich. Das führt dazu, dass Wohnungs- und Obdachlosigkeit inzwischen auch die untere Mittelschicht betrifft, darunter viele Leute, die auch arbeiten. Auch junge Menschen zwischen 19 und 29 Jahren sind zunehmend von diesem Problem betroffen. Sie sollen geografisch mobil sein, aber wenn sie in einer Stadt arbeiten sollen, stehen ihnen nur die teureren Mietwohnungen zur Verfügung. Da stellt sich die Frage: Wie kommen wir zu leistbaren Wohnungen, wie schaffen wir es, dass Menschen nicht in die Wohnungs- und Obdachlosigkeit fallen? Denn eine solche Situation hinterlässt psychische und physische Wunden. So ist es längst erwiesen, dass Armut krank macht und Krankheit arm.
 

„D“: Sind das die Situationen, die bei der Arbeit weh tun?

Unterholzner: Es gibt Situationen, die man oft einfach aushalten muss. Zum Beispiel, dass ich nicht jeder Person etwas anbieten kann oder dassMenschen in Krisen oder in schwierigen psychischen Situationen Entscheidungen treffen, die ich nicht nachvollziehen kann. Sehr herausfordernd ist auch, wie sich politische Entwicklungen auf die Menschen auswirken, etwa wenn Personengruppen ausgegrenzt und damit noch tiefer in die Hoffnungslosigkeit getrieben werden.

„D“: Konkret?

Unterholzner: Zum Beispiel Typisierungen, bei denen alle in einen Topf geworfen werden. Das gilt zum Beispiel bei Migranten, zu denen etwa Flüchtlinge mit positivem Asylbescheid gehören, die oft aus Kriegsgebieten kommen. Sie können gar nicht zurück in die Heimat, aber sie werden hier in einem gewissen politischen Klima durch Vorurteile und Pauschalisierung noch zusätzlich beschämt. Das macht ihnen selbst das Leben unglaublich viel schwerer, erschwert Integration und belastet auch jene, die ihnen helfen wollen.

„D“: Geht Ihnen diese Arbeit auch persönlich zu Herzen?

Unterholzner: Ja, das ist menschlich, aber ich habe gelernt, mich abzugrenzen. Ich habe kein Helfer-Syndrom, wenn Sie das meinen. Da war mir meine Mutter immer schon eine gute Lehrerin: Situation und Probleme anschauen, analysieren und dann nach den Lösungen suchen.

„D“: Sie sind also mehr Managerin als Mutter Teresa.

Unterholzner: Ich bin ein politischer Mensch, freilich ohne Parteipolitik. Mir geht es um die Menschenrechte, und da kann ich bestimmte Dinge nicht akzeptieren. Ganz wichtig ist für mich die soziale Sicherheit, und  zwar auch für die nächste Generation. Ich möchte, dass auch meine Tochter in einer Gesellschaft lebt, die offen ist, sicher und in der Menschenrechte, wie das Recht auf Wohnen, umgesetzt werden.

„D“: Eine politische Strategie im Umgang mit Obdachlosen oder auch Flüchtlingen lautet: Wir dürfen nicht zu viel bieten, sonst kommen alle zu uns! Stimmt das oder ist es schlichtweg nur ein Vorwand, um wenig bis gar nichts zu tun?

Unterholzner: Was ich sagen kann, ist, dass Menschen am liebsten in ihrer eigenen Heimat bleiben und diese nicht wegen eines besseren Sozialsystems einfach verlassen. Ich meine, gerade wir Südtiroler müssten sehr gut verstehen, was Heimat wirklich bedeutet. Was mich in Südtirol aktuell irritiert, ist, dass Obdachlosenhilfe mit Flüchtlingshilfe in der öffentlichen Diskussion vermischt wird. Es ist ein grundsätzlich anderes Arbeiten mit Menschen, die hier geboren sind oder bleiben dürfen oder jenen, bei denen dies noch nicht sicher ist.

„D“: Der Grazer Armenpfarrer Wolfgang Pucher nennt als Ziel seiner Arbeit: Niemand soll in Graz auf der Straße schlafen müssen. Ist so etwas zum Beispiel auch für Wien möglich?

Unterholzner: Uns verbindet dieses Ziel. „neunerhaus“ hat die Vision, in Wien Wohnungslosigkeit zu beenden und Menschen auf dem Weg zurück in die Selbstständigkeit zu unterstützen. Es gibt im Moment ein einziges europäisches Land, in dem Wohnungslosigkeit zurückgeht. Das ist Finnland. Dort gelingt das durch „Housing First“ – langfristige, leistbare Mietverträge mit individueller Betreuung durch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Je mehr Wohnungen im Eigentum sind, desto schwieriger wird die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Daher muss der soziale Wohnbau mit Preisbindung verstärkt werden, auch umden neuen Entwicklungen zu begegnen.Wien hat da eine gute Tradition mit vielen Gemeindewohnungen und dem gemeinnützigen Wohnbau.
 

„D“: Das hört sich jetzt durchaus optimistisch an.

Unterholzner: Ich bin auch grundsätzlich optimistisch. Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Aber es gibt immer auch die Leute, die sie annehmen. Helfen ist etwas Grundmenschliches. Und ich habe in meinem Leben noch keinen Menschen kennengelernt, der grundsätzlich schlecht und böse ist. Es gibt Menschen, die sich manchmal so verhalten, aber dafür gibt es meistens einen Grund, eine Krankheit zumBeispiel. Das ändert nichts daran, dass es viele Menschen gibt, die sich hinter gute Ideen stellen, mithelfen oder spenden. Außerdem sehe ich, dass mein Handeln einen Impact hat, also nicht wirkungslos verpufft, sondern etwas auslöst. Und das ist mein Antrieb.

„D“: Es gibt also auch Erfolgserlebnisse.

Unterholzner: Aber selbstverständlich! Einer unserer ersten Bewohner bei „neunerhaus“ ist heute ein Spender des Vereins. Er ist wieder zurück in der Mitte der Gesellschaft. Oder wenn ich die Freude von Kindern sehe, die in eine Wohnung einziehen, in der es sogar ein Backrohr gibt – und sie wissen, dass sie zuWeihnachten endlich wieder Kekse backen können. In den letzten 2 Jahren haben wir knapp 300 Kindern wieder ein Zuhause gegeben. Oder das neunerhaus Cafè, das allen offen steht und wo wir soziale Teilhabe leben. Zu wissen, dass sich eine Frau in einer Gewaltbeziehung dort traut, endlich drüber zu sprechen oder Menschen nach mitunter Jahren der Obdach- oder Wohnungslosigkeit wieder neuen Mut schöpfen und wir mit ihnen den nächsten Schrittmachen, ist einfach bereichernd und stärkt unser Motto „du bist wichtig“.

„D“: Wenn ein Jobangebot aus Südtirol kommt: Würden Sie sich das überlegen?

Unterholzner: Überlegen sicher, aber aktuell ist ein Wechsel kein Thema. Ich würde aber gerne einen
Beitrag leisten, wenn es darum geht, die aktuellen Herausforderungen im Bereich Obdach- und Wohnungslosenhilfe in meiner Heimat zu lösen.


Interview: Martin Lercher, 29.2.2020, Dolomiten – Das Tagblatt der Südtiroler

 
 

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