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neunerhaus Café: Beim Menschsein sind wir alle gleich

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Wir brauchen Räume, in denen wir gemeinsam Ängste und Vorurteile abbauen. Ein Plädoyer für eine Gesellschaft mit Zukunft.

Schon beim Betreten des neunerhaus Cafés ist das Mahlen der Kaffeemühle zu hören. Der Geruch von frischem Kaffee erfüllt den Raum. Durch die großen Fensterfronten fällt Sonne auf die Tische und Sessel aus Holz. Hinter einer schwarzen, modernen Theke, auf der die Kaffeemaschine thront, stehen drei Frauen und ein Mann. Gemeinsam bereiten sie das heutige Tagesmenü zu – es gibt Risotto mit buntem Gemüse. Eine der drei Frauen ist Elisabeth Koubek. Die 27-Jährige studiert an der Universität Wien und arbeitet nebenbei ehrenamtlich im neunerhaus Café. Warum sie das macht? „Es tut einfach gut“, sagt sie.

Das neunerhaus Café im fünften Wiener Gemeindebezirk steht allen offen – ob MitarbeiterInnen, NutzerInnen oder Menschen aus der Umgebung. Für alle gibt es auch ein täglich frisch und kreativ zubereitetes Mittagessen auf freier Spendenbasis: Jeder Gast wirft so viel in die Spendenbox, wie er oder sie entbehren kann. Wer mehr zu geben hat, kann auf diese Art andere einladen. So lebt das neunerhaus Café gesellschaftlichen Zusammenhalt und Vielfalt als Normalität. Anderswo fühlen sich sozial benachteiligte Gruppen oft ausgegrenzt. Dem wird hier durch hochwertige Architektur, modernes Design und liebevolle Details gezielt entgegengewirkt. In diesem informellen Kaffeehaussetting sind außerdem für alle BesucherInnen sozialarbeiterische Gespräche möglich. So ist das neunerhaus Café nicht nur ein gemütlicher Ort zum Verweilen, sondern auch eine Gelegenheit, ohne Hemmschwelle Hilfe anzunehmen und für sich oder andere Informationen einzuholen.

Zu schön, um wahr zu sein? Vielleicht. Denn es gibt etwas, das das neunerhaus Café nicht ist: Ein Spiegel der Gesellschaft.

Der politische Rechtsruck in Kombination mit Kürzungen von Sozialleistungen, stagnierenden Löhnen und steigenden Wohnkosten löst einen erheblichen gesellschaftlichen Druck auf jene aus, die ohnehin an den Rand gedrängt sind. Die Folgen sind schwerwiegend: fehlende Teilhabe am sozialen, kulturellen, gesundheitlichen und wohlfahrtsstaatlichen System unter stetig zunehmender Belastung der Betroffenen bis hin zum Verlust der existenziellen Sicherung. Obdachlosigkeit ist dabei die sichtbarste und härteste Form von Armut. Wer kein eigenes Dach über dem Kopf hat, ist erwiesenermaßen anfälliger für gesundheitliche Probleme, psychiatrische Erkrankungen und Substanzabhängigkeiten. Denn obdach- und wohnungslose Menschen sind ständig einer enormen Belastung ausgesetzt. Die Alltagsbewältigung des Lebens auf der Straße und in prekären Wohnverhältnissen kann zum Kampf ums Überleben werden. Die Gruppe der Betroffenen ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen und reicht bis in die Mitte der Gesellschaft: Wohnungs- und obdachlose Menschen sind zunehmend jünger, weiblich, internationaler. Und die Gruppe jener obdachlosen Personen, die für kaum ein Unterstützungsangebot anspruchsberechtigt ist, wächst.

Wohnungslosigkeit kann jede und jeden treffen. Was uns weiter bringt, sind nicht Sündenböcke, sondern Lösungen, die wir beim Namen nennen und umsetzen. Eine davon kann sein, wohnungs- und obdachlose Menschen als ExpertInnen ihrer Lebenssituation anzuerkennen, die mit ihrer Kompetenz eine enorme Ressource darstellen. Das macht neunerhaus mit dem 2018 entwickelten Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe. Nach absolvierter Ausbildung können ehemals wohnungs- oder obdachlose Menschen die Teams in der Wohnungslosenhilfe als angestellte MitarbeiterInnen bereichern. Sie finden damit Arbeit und Wertschätzung – und der Sozialbereich eine Erweiterung seiner Angebote.

Vorurteile zu haben ist menschlich. Wir brauchen Räume, in denen wir sie abbauen können.

Inklusion heißt auch, die Lebensrealität unserer NutzerInnen anzuerkennen. Für viele wohnungslose Menschen sind Tiere die letzten treuen Begleiter in schwierigen Lebenssituationen. In allen neunerhaus Einrichtungen stehen daher auch für die vierbeinigen Gefährten die Türen offen. Neben dem neunerhaus Café befindet sich zudem eine Praxis für professionelle tierärztliche Versorgung, ohne Kosten für die wohnungslosen TierbesitzerInnen – betrieben von ehrenamtlichen TierärztInnen auf Basis einer Kooperation der Östereichischen Tierärztekammer mit neunerhaus. Zur gesellschaftlichen Teilhabe zählt die Ermöglichung von Alltag, Normalität und Freizeit. Fixer Bestandteil seit zehn Jahren ist der neunerhaus Fußballclub. Hier spielen neunerhaus NutzerInnen gemeinsam mit MitarbeiterInnen, KooperationspartnerInnen sowie BewohnerInnen anderer Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe.

So pluralisiert unsere Gesellschaft auch sein mag: In dem, was das Menschsein ausmacht – in unseren Rechten und grundlegenden Bedürfnissen – sind wir alle gleich. So simpel diese Erkenntnis klingt, so schwierig ist es, sie zu verinnerlichen. Denn damit wir uns in unseren komplexen Lebensrealitäten zurechtfinden können, sind wir täglich gefordert, uns von unserer Umwelt abzugrenzen. Zugleich birgt dies gerade in einer Zeit zunehmender Konkurrenzorientierung die Gefahr, Unbekanntes und Unterschiedliches abzuwerten, um den eigenen sozialen Status zu erhöhen. Der Abbau von Ängsten und Vorurteilen kann nur gelingen, wenn es geeignete Räume für Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe gibt.

Das Café füllt sich. Immer mehr BesucherInnen lassen sich freundlich begrüßen, holen sich ihr Essen von der Theke und nehmen an den Tischen Platz. Das Risotto wird von den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen liebevoll auf weißen Tellern angerichtet und mit frischen Kräutern garniert. Elisabeth ist überzeugt. Überzeugt davon, dass das Verlassen ihrer Komfortzone durch ihre Tätigkeit im neunerhaus Café ihr und auch vielen anderen viel gibt. „Das hier lohnt sich. Wirklich“, sagt sie.

 

Wir leben in einer pluralisierten Gesellschaft. Bei den Dingen, die das Menschsein ausmachen, sind wir aber alle gleich. Die neunerhaus Angebote bringen die Menschen zusammen und damit Menschlichkeit.

 

Dieser Text erschien erstmals im neunerhaus Jahresbericht 2018.

  
  

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neunerhaus Café
Foto: Christoph Liebentritt
neunerhaus Gesellschaft
Foto: Martin Stöbich