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neunerhaus Zahnarztpraxis: Mit Herz und Können

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Seit zehn Jahren ist die neunerhaus Zahnarztpraxis Anlaufstelle für wohnungslose und nichtversicherte
Menschen. Eine Reportage von Chrisina Bell.

"Weit aufmachen! Gleich hast du’s überstanden.“ Die 10-jährige Amira (Name geändert), die verkrampft in dem großen Behandlungssessel sitzt, sperrt tapfer den Mund auf. Vater und Bruder stehen mit sorgenvoller Miene daneben. Die Zahnarztassistentin Nazifa Turan redet ihr gut zu. „Du machst das wunderbar.“ Schon ist die Kariesbehandlung vorbei. Die Kleine entspannt sich und wirkt ein bisschen stolz, dass sie trotz Bohrens nicht geweint hat. Turan lässt sie ihren Zahn im Spiegel betrachten. Dann schenkt sie beiden Kindern Zahnbürsten und Zahnpasta und erklärt mit gespielter Strenge, was sie beim Putzen beachten sollen.

Kaum ist die Familie bei der Tür draußen, kommt der nächste Patient herein. Drei Behandlungsstühle stehen im geräumigen und hellen Ordinationsraum. Im Hintergrund läuft Popmusik, immer wieder begleitet von Absaug- oder Bohrgeräuschen.

An Nachfrage mangelt es nicht

Zahnmedizinische Versorgung für obdach-, wohnungslose und nichtversicherte Menschen gibt es bei neunerhaus seit zehn Jahren. Ende 2017 zog die Zahnarztpraxis ins neu geschaffene neunerhaus Gesundheitszentrum im 5. Wiener Gemeindebezirk. Die Ordination ist montags bis freitags von 9:00 bis 13:00 Uhr geöffnet. An Nachfrage mangelt es nicht: Mehr als 7.900 PatientInnen wurden im vergangenen Jahrzehnt bei über 37.000 Besuchen behandelt.

Richard K. war schon 2009 Patient in der neunerhaus Zahnarztpraxis. Er hat Patientennummer
52. „Wirklich? Ich wusste gar nicht, dass ich schon so lange herkomme“, ist der Mann mit dem pink gefärbten Irokesenschnitt überrascht. „Aber ich bin froh, neunerhaus gefunden zu haben.“ Richard K. lebte lange Zeit auf der Straße. Vor sechs Jahren bekam er hier eine Zahnprothese, nun braucht er eine neue. „Schlechte Zähne machen viel kaputt“, sagt er. Mit der Prothese änderte sich der Umgang der Menschen mit ihm. Auch er selbst trat wieder selbstbewusster auf. Nach Jahren ohne Zuhause wohnt Richard K. mittlerweile in einer Gemeindewohnung. Demnächst beginnt er einen neuen Job.

Die ZahnärztInnen arbeiten ehrenamtlich

Im Behandlungszimmer wird er freundlich begrüßt. Heute hat Michaela Stadler-Niedermeyer Dienst. Die ZahnärztInnen in der neunerhaus Zahnarztpraxis, es sind über 30, arbeiten alle ehrenamtlich. Zum Teil reisen sie dafür extra aus den Bundesländern an, sogar aus Vorarlberg kommt ein Zahnarzt.

Stadler-Niedermeyer ist einmal pro Woche hier. 2013 las die Zahnärztin in der Zeitung, dass neunerhaus ehrenamtliche ZahnärztInnen suchte. Der Aufruf kam genau richtig. Kurz zuvor hatte sie aus persönlichen Gründen ihre eigene Praxis aufgegeben und sich beruflich neu orientiert. „Mit meinem Können anderen zu helfen, finde ich sehr befriedigend“, erklärt sie. „Ich kann Menschen von Schmerzen befreien, ihnen ein schönes Lächeln schenken. Sei es, damit sie wieder einen Job finden, selbstbewusst kommunizieren oder einfach schmerzfrei essen können. Gesunde Zähne sind so wichtig.“

Gute Stimmung und Freudentränen

Mit den PatientInnen habe sie durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Die Kommunikation sei aufgrund verschiedener Sprachen manchmal herausfordernd, aber „irgendwie verständigen wir uns immer“, schildert die Zahnärztin. Nach erfolgter Behandlung sind die meisten dankbar. Manche bringen Schokolade. Eine Patientin hat ihr ein mit Glitzersteinen verziertes Heiligenbild geschenkt. „Das hätte ich mir nicht unbedingt selbst gekauft“, sagt sie lachend, „aber ich stelle es jede Woche als Glücksbringer auf. Auch wenn sich die Kolleginnen darüber amüsieren.“

Auch an diesem Vormittag wird viel gelacht. „Gute Stimmung ist wichtig“, erklärt Meike Braun, die selbst als Ehrenamtliche begonnen hat und heute die neunerhaus Zahnarztpraxis leitet. „Für Team und PatientInnen. So können wir auch die auffangen, die Angst haben.“ Bei vielen Menschen, die zu neunerhaus kommen, ist der letzte Zahnarztbesuch Jahre her. Furcht und vielfach auch Scham begleiten sie bis ins Behandlungszimmer. „Wir lassen sie langsam ankommen“, sagt Turan. „Die meisten überwinden dann ihre Angst.“ Es sei schön zu sehen, wie Menschen strahlen, die vorher ihre Zähne versteckt haben. „Manchmal gibt es Freudentränen, auch Umarmungen und Handküsse hatten wir schon“, sagt die Assistentin schmunzelnd.

"Der Jüngste Patient war zwei Jahre alt"

Füllungen, Wurzelbehandlungen, Prothesen: Die neunerhaus Zahnarztpraxis ist für sämtliche gängige Kassenleistungen gerüstet. „Versorgung auf hohem Niveau – für alle Menschen“, erklärt Braun. „Wer hier zur Tür reinkommt, ist PatientIn mit medizinischen Bedürfnissen. Auch wenn er oder sie vielleicht keine Versicherung hat.“ Es ist der Einsatz Vieler, der diese für die PatientInnen kostenlose Behandlung ermöglicht: der ehrenamtlichen ZahnmedizinerInnen genauso wie der vielen Unternehmen und Einzelpersonen, die Material oder Geld spenden. Die Hilfe kommt auf direktem Weg den Menschen zugute. Diejenigen, die diese Hilfe benötigen, werden immer mehr: Wer hierher kommt, hat sonst keine Möglichkeit, zum Zahnarzt zu gehen.

Die PatientInnenzahl steigt kontinuierlich. Auch Kinder kommen immer öfter. Der jüngste Patient war zwei Jahre alt, schildert Braun. Im neunerhaus Gesundheitszentrum, das Allgemein- und Zahnmedizin beherbergt, gehört Vielseitigkeit zum Alltag. Hier arbeiten Menschen aus unterschiedlichen Berufen eng zusammen: SozialarbeiterInnen, (Zahn-)ÄrztInnen, Ordinationsassistentinnen und KrankenpflegerInnen. So kann das Team auf die unterschiedlichen Lebenssituationen und Probleme der PatientInnen eingehen. Auch das Zusammenspiel von haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen erfordert Flexibilität: „In einer klassischen Zahnarztpraxis ist alles auf einen Zahnarzt oder eine Zahnärztin zugeschnitten. Bei uns wechseln die ZahnärztInnen täglich“, beschreibt Braun. „Was die Assistentinnen leisten, ist super.“ Das gelte natürlich ebenso für die Ehrenamtlichen, die Empathie, Herz und Können in die Praxis bringen.

Verständnis statt Vorurteile

Richard K.s Besuch ist heute schnell vorbei. Nach einer kurzen Untersuchung vereinbart er einen Termin für das Einsetzen der neuen Prothese. Er freue sich darauf, bald wieder richtig lächeln zu können, sagt er beim Gehen. Als Stadler-Niedermeyers Dienst zu Ende ist, trinkt sie einen Kaffee im neunerhaus Café nebenan. „Ein Blick in den Mund verrät einiges über die Menschen“, erzählt sie. „Bei manchen sehe ich, dass sie sich früher teure Zahnbehandlungen leisten konnten.“ Dass auch gut situierte Menschen ihr Zuhause verlieren können, möchten viele
Leute nicht sehen. „Depression, Jobverlust oder Scheidung – das kann jedem passieren. Man sollte demütig sein und andere nicht so schnell verurteilen.“

Die neunerhaus Zahnarztpraxis ist zehn Jahre nach ihrer Gründung zu einem Fixpunkt geworden. „Gäbe es das Angebot nicht, wäre das eine Katastrophe“, konstatiert Richard K. „Viele der Menschen, die hierherkommen, hätten sonst nirgends Platz. Das neunerhaus federt vieles ab.“ Geht es nach Meike Braun, bleibt das so. „Ich wünsche mir, dass wir offen bleiben für alle, die unsere Hilfe brauchen. Und dabei weiterhin auf die Unterstützung so vieler engagierter Menschen zählen können.“

Fotos: (c) Christoph Liebentritt


  

Schenken Sie ein Lächeln.

Wer einem obdachlosen oder nichtversicherten Menschen eine Zahnbehandlung ermöglichen möchte, kann das mit einer Spende tun. Vielen Dank!

 

>> Dieser Beitrag erschien erstmals in neuner News #39 – dem Magazin von neunerhaus.
 

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Auskunft und Beratung gibt es im neunerhaus Gesundheitszentrum bereits am Empfang.