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Nur eine Wohnung beendet Wohnungslosigkeit

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2018 haben sich die Rahmenbedingungen für obdachlos und wohnungslose Menschen
weiter verschlechtert. Wir müssen die Abwärtsspirale durchbrechen.

Der Wind pfeift scharf durch die Gassen, die Kleidung ist leicht feucht vom Regen. An ruhigen Schlaf ist nicht zu denken: Günther M. musste am eigenen Leib erfahren, was Obdachlosigkeit bedeutet. Unsicherheit, schlaflose Nächte, mangelnde Hygiene und den kompletten Verlust der Privatsphäre. Für Günther M. endete damit ein Leben, das er lange Jahre geführt hatte. Er arbeitete als Schädlingsbekämpfer in Wien, verdiente gut und hatte eine gemütliche Wohnung. Ein Leben auf der Straße war für ihn eine weit entfernte Realität. Bis er nach zwei schwierigen Trennungen zu trinken begann und delogiert wurde. „Dass ich einmal in diese Lage geraten würde, das hätte ich mir nicht vorstellen können“, sagt er. Damit war Günther M. für zwei Jahre seines Lebens obdachlos – bis er zu neunerhaus kam.

Eine Wohnung ist mehr als nur vier Wände. Sie ist Rückzugsort, intimer Privatbereich und Erholungsoase. Wer auf der Straße lebt, hat keinen Schutz.

Günther M.s Geschichte zeigt eines deutlich: Um Obdachlosigkeit zu beenden, braucht es eine eigene Wohnung. Was wie ein banaler Kinderspruch klingt, ist gesellschaftlich komplex. Denn die eigene Wohnung muss auch dauerhaft leistbar sein und dafür benötigt es ein regelmäßiges Einkommen. Für obdachlose und wohnungslose Menschen, die oft armutsgefährdet und in einer Abwärtsspirale sind, ist das kaum zu bewältigen. Es braucht daher zwei Dinge: leistbaren Wohnraum und die nötige Unterstützung. Hier setzt neunerhaus an.

Die Lösung klingt banal.

neunerhaus unterstützt obdach- und wohnungslose Menschen dabei, möglichst unmittelbar eine eigene Wohnung zu beziehen und die Einkommenssituation zu klären. Denn nur eine eigene, leistbare Wohnung, die mietvertraglich abgesichert ist, beendet Wohnungslosigkeit. Mit neunerhaus Housing First werden Betroffene wieder selbst befähigt, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Die MieterInnen schließen einen eigenständigen Hauptmietvertrag ab und erhalten individuelle Unterstützung durch mobile SozialarbeiterInnen. Akquiriert werden die dafür benötigten leistbaren Wohnungen durch neunerimmo, einer hundertprozentigen Tochter von neunerhaus, die leistbaren Wohnraum für wohnungslose Menschen vermittelt und vermietet. neunerimmo gemeinnützige GmbH versteht sich als Partner von BauträgerInnen und VermieterInnen für soziale Nachhaltigkeit. Mit neunerimmo und mobilen SozialarbeiterInnen kann der Kreislauf aus Armut und Obdachlosigkeit durchbrochen werden. Die Zahlen bestätigen den Erfolg: neunerhaus Housing First hat eine Mietstabilität von 94 Prozent.

Ist es nicht unmittelbar möglich, wie bei Housing First KlientInnen direkt in eine eigene Wohnung zu vermitteln, bietet neunerhaus alternative Wohnangebote in drei neunerhaus Wohnhäusern. Auch hier erhält jedeR BewohnerIn einen eigenen Post-, Haus- und Wohnungsschlüssel. neunerhaus bietet damit ein Zuhause, das diesen Namen auch verdient. Die Betreuung orientiert sich flexibel am Leben und den Bedürfnissen der BewohnerInnen. Das bedeutet, dass einer Person so viel Betreuung wie individuell notwendig zur Verfügung steht. Soziale Kontakte werden gefördert, weshalb Besuche und Haustiere nicht nur erlaubt, sondern erwünscht sind. Ziel ist die Rückgewinnung elementarer menschlicher Rechte, auf die wir alle Anspruch haben: Das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard, Privatsphäre und ein Sozialleben. Denn Wohnungslosigkeit verstößt gegen eine Vielzahl menschenrechtlicher Vereinbarungen. Wer von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit betroffen ist, kann seine Rechte nicht wahrnehmen.

Gemeinsam wirksam sein.

Um leistbaren Wohnraum und adäquate Wohnangebote zu schaffen, braucht es die gemeinsame Anstrengung vieler Seiten. neunerhaus ist auf einen funktionierenden Sozialstaat, eine inklusive Wohnungs- und Gesundheitspolitik sowie die enge Zusammenarbeit mit KooperationspartnerInnen angewiesen. Denn die Herausforderungen werden größer, nicht kleiner. Die Statistik Austria hat für 2017 erhoben, dass 21.567 Personen in Österreich „registriert wohnungslos“ waren. Eine Zahl, die im Vergleich zu 2008 um 21 Prozent gestiegen ist. Das lässt einen Trend erkennen: 2018 haben sich die Rahmenbedingungen für Betroffene von Wohnungs- und Obdachlosigkeit weiter verschlechtert. Neben dem enger werdenden Wiener Wohnungsmarkt wird die Einkommenssituation betroffener Personen zunehmend prekärer. Viele sind auf Sozialhilfeleistungen angewiesen, auch wenn sie erwerbstätig sind. Gleichzeitig wird die Zuerkennung solcher Leistungen an immer größere Hürden geknüpft.

Das hat Folgen: Mehr wohnungslose Menschen bedeuten mehr Unterstützungsbedarf durch die Wohnungslosenhilfe und eine höhere finanzielle Belastung für die öffentliche Hand.

Nur eine Wohnung beendet Wohnungslosigkeit.

Gerade deshalb: Wohnungslosigkeit beendet man mit einer Wohnung, mit Sozialleistungen und Unterstützung, die befähigt, das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. neunerhaus vertritt keine halben Lösungen, sondern denkt weiter. Gemeinsam mit der Stadt Wien und der Wohnungswirtschaft zeigt neunerhaus am Beispiel der Betreuung in den Wohnhäusern, Housing First, der Mobilen Sozialarbeit und mit der Tochtergesellschaft neunerimmo, dass es gelingen kann. Die Geschichte von Günther M. ist dafür ein gutes Beispiel. Seit 2018 wohnt er im neunerhaus Hagenmüllergasse und konnte wieder in den Alltag zurückfinden. Hier hat er seine eigenen vier Wände mit Küche und Bad. Nach langer Zeit kann Günther M. wieder die Tür hinter sich schließen und arbeitet an einer Perspektive in einer eigenen Wohnung. Auch seinen alten Beruf als Schädlingsbekämpfer wird er wieder ausüben können. „Wer einmal alles verloren hat, der schätzt, was für viele Menschen wie selbstverständlich in der Tasche steckt“, sagt er und dreht einen kleinen metallenen Gegenstand in seiner Hand. „Mein Wohnungsschlüssel.“

Fotos: (c) Martin Stöbich

 

Dieser Text erschien erstmals im neunerhaus Jahresbericht 2018.

 
  

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