Hilfe Info Spenden Blog
+43 1 990 09 09 900
jetzt spenden

Peers der Wohnungslosenhilfe: »Sprecht mit uns, nicht über uns!«

|   Aktuelles

Fotos, Videos und neue Erkenntnisse: Am 22.10. haben wir uns auf der Fachtagung ExPEERience über Peer-Arbeit ausgetauscht.

Ehemals wohnungslose Menschen helfen Betroffenen: Seit 2019 gibt es das Erfolgskonzept der Peer-Arbeit auch in der Wiener Wohnungslosenhilfe. Bei der exPEERience – Tagung zur Peer-Arbeit am 22.10. im Volkskundemuseum Wien standen die verschiedenen Formen gegenseitiger Unterstützung im Mittelpunkt. Rund 60 TeilnehmerInnen – darunter MitarbeiterInnen der Wiener Wohnungslosenhilfe, bereits angestellte Peers sowie Peers in Ausbildung – haben sich zu österreichischer und internationaler Good Practice ausgetauscht, wichtige Fragen gestellt und darüber diskutiert, wie sich Peer-Arbeit in Wien weiter entwickeln kann und soll. Dabei erzählten Peers von ihrem Arbeitsalltag, Vortragende aus Belgien, Deutschland und Großbritannien berichteten in Videomitschnitten von internationalen Peer-Projekten. Auf Basis dieses Inputs wurde diskutiert, was Peer-Arbeit auszeichnet und wohin sie sich entwickeln soll. In einer abschließenden Podiumsdiskussion wurden konkrete Fragen vertieft.

Hinweis: Die Tagung fand unter Berücksichtigung eines eigens erarbeiteten Corona-Präventionskonzepts statt. Alle Infos dazu finden Sie hier.

Videos: Vienna Spotlights – ein Streifzug durch die Wiener Peer-Vielfalt

Nach Begrüßungsworten von Franz Haberl (Peer-Mitarbeiter Obdach Wien), Elisabeth Hammer (neunerhaus Geschäftsführung) und Kurt Gutlederer (Abteilungsleiter Fachbereich Wohnungslosenhilfe, Fonds Soziales Wien) wurden vielversprechende Wiener Peer-Projekte per Video vorgestellt. Öffnen Sie die Videos mit Klick auf den Titel:

 

Peers am Podium

Nach einer Pause wurden in den drei Workshop-Räumen, jeweils angeleitet von einem Peer, ein Thema behandelt. Auch die dazugehörigen Online Key-Notes von internationalen SpeakerInnen gibt es zum Nachsehen!

  • Raum 1: Peer-Arbeit als berufliche Tätigkeit
    Peers als angestellte MitarbeiterInnen – eine neue Berufsgruppe in Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe. Wie hat sich die Peer-Arbeit entwickelt? Was ist wichtig für angestellte Peers? Was für andere MitarbeiterInnen?
    Moderation: Franz Haberl (Absolvent Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe u. Peer-Mitarbeiter, Obdach Wien)
    Video-Keynote: Samanta Borzi, Peer bei Housing First smes (Brüssel)
  • Raum 2: Peer-to-Peer-Projekte
    Als Peer andere Betroffene bei ihren Themen und Projekten unterstützen – das ist der Weg, um die eigenen Anliegen wieder besser zu vertreten und Selbstwirksamkeit zu erleben. Wie kann diese Aktivierung und Beteiligung gelingen? Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden? Wie gelingt die Unterstützung dabei?
    Moderation: Caroline-Jesica Thomas (Absolventin Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe)
    Video-Keynote: Stan Burridge, Director of Expert Focus: 'Lived experience involvement'

  • Raum 3: Peer-Tätigkeit als Selbstvertretung
    Menschen eine Stimme geben – Peers stehen auch für Lobbyarbeit von und mit Menschen, die Obdach- und Wohnungslosigkeit erfahren haben. Wie können Menschen Gesellschaftspolitik aktiv mitgestalten und ihre Selbstvertretung organisieren? Was braucht Wien? Was sind die nächsten wichtigen Schritte innerhalb und außerhalb der Einrichtungen?
    Moderation: Stefan Prochazka (Absolvent Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe und Ex-In Mitarbeiter bei LOK)
    Video-Keynote: Carsten (Herzogsägmühle), Lutz (Herzogsägmühle), Uwe (Lüneburg), und Stefan Schneider, Koordinationsstelle Wohnungslosentreffen Deutschland


Der Output aus den Diskussionen der drei Räume wurde gesammelt, um in die abschließende Podiumsdiskussion einfließen zu können, die live übertragen wurde. TeilnehmerInnen waren die drei Peer-ModeratorInnen sowie Kurt Gutlederer (Fonds Soziales Wien) und Elisabeth Hammer (neunerhaus). Im Mittelpunkt standen Fragen wie:

Wie können Peers weiter gefördert werden? Was sind hilfreiche Konzepte für die Zukunft? In welcher Weise können Menschen an Entscheidungen beteiligt werden? Was bewegt Menschen, sich aktiv einzubringen?

Stimmen der ExPEERience:

Eine Auswahl aus den zahlreichen Redemeldungen, Erfahrungsberichten und Wünschen der TeilnehmerInnen:

  • „Als ich selbst wohnungslos war, hat mir genau so jemand gefehlt. Ich habe ein Bindeglied gesucht, zwischen HeimbewohnerInnen und SozialarbeiterInnen. Jemand der wirklich versteht, was es heißt, wohnungslos zu sein und gleichzeitig professionell ist.“
  • „Peers brauchen ein klares anerkanntes Berufsbild. Und einen Interessensverband.“
  • „Peer-Arbeit verlangt von Sozialorganisationen auch, dass sie Verantwortung abgeben.“
  • „Es geht darum, Räume und Ressourcen zur Verfügung zu stellen.“
  • „Initiativen sollten gefördert werden, ohne dass man institutionell zu sehr lenkt - Stichwort Selbstverwaltung!“
  • „Oft gibt es einen hohen Erwartungsdruck an Peers, doch nicht alle haben die gleichen Erfahrungen gemacht und somit individuelle Stärken.“
  • „Ich würde ohne das Projekt Peer heute nicht da stehen, wo ich heute stehe. Indem ich mit meiner Geschichte anderen helfen kann, habe ich meine Stabilität, meine innere Mitte wieder gefunden.“
  • „Es gibt für einen Peer nicht den einen richtigen Zeitpunkt, bei einem Klienten oder einer Klientin die eigene Geschichte einzubringen.“
  • „Man muss ein Krieger sein, um auf der Straße zu überleben. Das beinhaltet enorme Kraft, Organisationsfähigkeiten und Engagement, 24 Stunden am Tag.“
  • „Als obdachloser Mensch wird man in eine Ecke gedrängt - aus dieser wollen wir hinaus kommen.“
  • „Man kann etwas bewirken, wenn man dasselbe Schicksal hat!“
  • „Selbsthilfe ist keine Selbstbedienung.“
  • „Wir wollen unter SozialarbeiterInnen nicht das fünfte Rad am Wagen sein.“
  • „Wie kann unser Selbstbewusstsein gestärkt werden, sodass wir gut für die eigenen Rechte einstehen können?“
  • „Peers sind keine homogene Gruppe, sondern Menschen mit unterschiedlichen sozialen Kompetenzen, die sie in ihrer Arbeit einsetzen können. Das gemeinsame ist ihre Erfahrungen mit Wohnungs-und Obdachlosigkeit. Aber auch diese ist so individuell wie sie selbst. Sie bringen mehr Interdisziplinarität in jedes Fachteam, sollten aber nicht nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Vergangenheit als kompetent betrachtet werden.“
  • „Sprecht mit uns, nicht über uns!“

 

Ausblick: Wie geht es weiter?

Wir danken herzlich für die rege Teilnahme, die spannenden Beiträge und den Austausch auf Augenhöhe auf der ExPEERience. Wir freuen uns, Peer-Arbeit in der Wohnungslosenhilfe weiterhin gemeinsam voran zu treiben! Melden Sie sich jetzt für unser nächstes Webinar am 27.11. an:

  • 27.11. von 16:00 – 17:30 Uhr
    Peers in der Wiener Wohnungslosenhilfe – wie geht es weiter?
    Diskutieren Sie mit uns die Visionen und Impulse für die Zukunft. Angeregt durch die Fachtagung exPEERience 2020.
    Moderation: Indira Cejvan
    Anmeldung: per E-Mail an peer@neunerhaus.at
    Jetzt anmelden!


Auf der Seite des neunerhaus Peer Campus finden Sie unter "Denkverkstatt" alle aktuellen Veranstaltungen und Austauschmöglichkeiten.

 

Alle Fotos: (c) Christoph Liebentritt

 

 

Zurück