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Peers: »Wir sind das gelebte Wissen«

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Früher wohnungslos, jetzt angestellt: Die ersten Peers haben die Ausbildung absolviert und Jobs gefunden. Andere sind am besten Weg. Eine Reportage.

Valentina Stevanovic ist in ihrem Element. Den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, notiert sie im Stehen einen Termin in den Kalender auf ihrem Schreibtisch. Dann verlässt sie das Büro in schnellen Schritten und durchquert den Aufenthaltsraum: „Ah hallo, Herr Maier“, begrüßt sie einen Bewohner im Vorbeigehen fröhlich. Schon ist sie unterwegs in Richtung Stiegenhaus. Nach ein paar Stufen trifft sie auf eine Kollegin und tauscht sich aus: Frau S. im zweiten Stock braucht Unterstützung bei einem Behördenweg, für Frau B. soll ein Termin beim Gynäkologen organisiert werden und im Erdgeschoß beginnt gleich das Musik-Café. Währenddessen muss das schnurlose Mitarbeitertelefon von Stevanovic ein paar Mal klingeln, bevor sie abheben kann. „Heute ist wieder mal was los“, sagt sie halb entschuldigend, halb lachend.

Wer der 34-Jährigen dabei zusieht, wie sie sich an ihrem Arbeitsplatz bewegt, könnte vermuten, sie hätte nie etwas anderes gemacht. Etwas unterscheidet sie jedoch von den anderen MitarbeiterInnen in einem Haus für wohnungslose Menschen im 14. Wiener Gemeindebezirk. Stevanovic war früher selbst Klientin der Wiener Wohnungslosenhilfe. Heute ist sie eine sogenannte Peer-Mitarbeiterin.

Viele finden nach der Ausbildung einen Job

Hinter dem englischen Wort „Peer“ verbirgt sich ein einfaches Konzept: Ehemals betroffene Menschen geben ihr Wissen an andere weiter. Sie helfen beim Vertrauensaufbau und werden zu WegbegleiterInnen, MentorInnen und Vertrauten für Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Und sie tragen als MitarbeiterInnen dazu bei, dass die Hilfe auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten wird. Doch die neue Aufgabe will professionell gelernt sein: Beim neunerhaus Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe gibt es daher sieben intensive Module, ein Praktikum, Lerngruppen und ein umfangreiches Abschlussprojekt. Im Oktober 2019 konnten die ersten 16 AbsolventInnen ihr Zertifikat entgegen nehmen. Bis zum Ende des Jahres hatten bereits zwei Drittel von ihnen eine Anstellung gefunden.

Ein paar Bezirke nördlich beginnt ein weiterer Peer-Mitarbeiter seinen Arbeitstag: Robert Helmstreit. Er sitzt im Aufenthaltsraum des neunerhaus Billrothstraße – genau dort, wo er vor drei Jahren schon oft gesessen ist. Damals als Bewohner, heute als Angestellter. „Man hat mich hier früher den Hausmeister genannt“, erinnert sich der 61-Jährige und schmunzelt. „Ich war schon als Bewohner in der Rolle des Helfers und Ratschlaggebers.“ Er hatte ein gutes Verhältnis zum Team und wenn andere Bewohner-Innen auszogen, half er ihnen bei der Wohnungseinrichtung. Er selbst konnte nach vier Monaten wieder eine eigene Wohnung beziehen. „Darum bin ich umso glücklicher darüber, dass ich hier nochmal Fuß fassen kann – diesmal auf der anderen, beruflichen Seite.“

"Das kann man sich für sein Team nur wünschen."

Valentina Stevanovic sitzt im Zimmer von Frau S. Fast jeden Tag besucht sie die junge Frau mit der blondgefärbten Kurzhaarfrisur, hilft ihr dabei, sich auf eine Operation an den Beinen vorzubereiten, bespricht Fortschritte und Ziele oder hört einfach nur zu. Für die KlientInnen ist sie eine wertvolle Gesprächspartnerin. „Da ich eineinhalb Jahre lang in einem Mutter-Kind-Haus gewohnt habe, weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn man eine schwierige Phase durchmacht und Hilfe annehmen muss“, erklärt Stevanovic. „Die BewohnerInnen sehen außerdem an mir, dass es wieder aufwärts gehen kann.“

In den ersten zwei Wochen sei sie noch unsicher gewesen, gibt sie zu. „Wo gehöre ich hin? Welche Aufgaben kann ich machen? Ich will ja für die anderen MitarbeiterInnen eine gute Unterstützung sein.“ Aber genau die hätten ihr dabei geholfen, im Job anzukommen: „Ich bin bei Teamsitzungen dabei und meine Vorschläge werden genauso mit einbezogen wie alle anderen.“ So habe Stevanovic ihren Platz gefunden – sie bezeichnet ihre Rolle als „eine Art Zwischenstation zwischen KlientIn und SozialbetreuerIn.“ Mit Verständnis für beide Seiten.

Auch im neunerhaus Billrothstraße ist die neu geschaffene Peer-Stelle nicht nur für Robert Helmstreit ein Glücksfall, sondern auch für das Wohnhaus selbst. Leiter Jürgen Hölbling möchte seinen neuesten Mitarbeiter nicht mehr missen: „Was Robert mitbringt ist einzigartig“, sagt er. „Gerade bei neuen KlientInnen erleichtert er den Vertrauensaufbau. Er hat einfach ganz ähnliche Erfahrungen gemacht, das ist gelebte Hilfe auf Augenhöhe.“ Deshalb sieht Hölbling in einem Peer eine wertvolle Ergänzung zu seinen anderen MitarbeiterInnen. „Das kann man sich für sein Team nur wünschen.“

Noch einmal die Schulbank drücken

Das Erfolgsprojekt wird fortgesetzt, das Interesse ist groß: Aufgrund der hohen Nachfrage aus Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe und der vielen BewerberInnen starten 2020 zwei weitere Kurse mit jeweils 20 TeilnehmerInnen. Einer davon ist Robert V. Das monatelange Lernen, das Praktikum, und vielleicht den langersehnten Schritt zurück ins Arbeitsleben: All das hat er noch vor sich. Wir treffen den Wiener mit den langen brauen Haaren an einem Februartag im neunerhaus Café – ein Tapetenwechsel zu seinem Sechs-Quadratmeter-Zimmer in einem Übergangswohnhaus für wohnungslose Menschen in Wien.

Warum er sich für den Zertifikats-Kurs beworben hat? „Ich wusste schon länger, dass ich im Sozialbereich arbeiten möchte. Aber früher hätte ich das nicht geschafft. Die Wohnungslosigkeit hat mich mein Leben lang begleitet.“ Oft habe er seine Sachen gepackt und sei gegangen – aus Wohn-situationen, aus Beziehungen, aus Jobs. „Man könnte es auch flüchten nennen.“ Jetzt arbeitet er seine Vergangenheit in einer Therapie auf und hat wieder eine Gemeindewohnung in Aussicht. „Ich lasse nicht mehr zu, dass irgendetwas stärker ist als ich“, sagt Robert V. Jetzt will er das, was er erfahren hat, weitergeben.

Ein Schatz zum Weitergeben

Aus dem ersten Modul hat der angehende Peer eine dicke Kursmappe und viele Eindrücke mitgebracht. „Es ist nicht so einfach, vor zwanzig fremden Leuten seine Geschichte zu erzählen. Aber ohne Offenheit funktioniert es nicht.“ Die ersten Tage hätten gezeigt: „Es gibt zwar Parallelen, aber hier sind zwanzig komplett unterschiedliche Schicksale, die wir im Laufe des Kurses ziemlich intensiv kennen lernen werden.“ Worauf Robert V. besonders neugierig ist? Er blättert durch die Inhalte seines Ordners, bis er findet, wonach er sucht. „Das Thema ‚Vielfalt und Gesellschaft‘ beschäftigt mich sehr.“

Sich seine eigenen Vorurteile bewusst zu machen, sei ein wichtiger Lernprozess. Einen schönen Satz habe er sich aus dem Modul außerdem mitgenommen: „Wir sind das gelebte Wissen“, liest er vor. „Das taugt mir – wir sind nicht die Theorie, sondern das Gelebte. Und davon haben wir viel. Das ist ein Schatz, den man weitergeben kann.“ Wenn Robert V. den Kurs abschließt, hat er wie Valentina Stevanovic und Robert Helmstreit die Chance auf eine Anstellung. „Das würde für mich Selbstbestimmung bedeuten. Ich würde von AMS und der Mindestsicherung wegkommen und könnte wieder ein normales Leben führen“, sagt er und schließt die Mappe behutsam wieder. „Aber alles zu seiner Zeit.“

 

Alle Fotos: (c) Christoph Liebentritt

Text: (c) Rebecca Steinbichler

 

Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe

Diese Reportage wurde vor der Corona-Krise recherchiert. Der aktuelle Kurs musste aufgrund der Krise ausgesetzt werden. Viele TeilnehmerInnen leben prekär und haben keine Ressourcen für Distance-Learning. Die engagierte Gruppe tauschte sich regelmäßig telefonisch aus, bis die Lehrveranstaltungen wieder losgehen konnten!

Sie wollen mehr über den Zertifikats-Kurs wissen?

Peers: Alle Infos

 

 

 

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