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Teamwork für Tier und Mensch

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Hund, Katze und Co. sind für wohnungslose Menschen mehr als nur Begleiter. Wenn sie medizinische Hilfe benötigen, ist die Tierärztliche Versorgung da.

Günther F. rutscht unruhig auf seinem Stuhl im Wartezimmer herum und blickt zur Zimmerdecke – als
wolle er sich Hilfe von ganz oben erbitten. „Ich leide schon mit“, sagt er. Sein einjähriger Kater Igor wird heute kastriert. In der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung werden die tierischen Begleiter obdach- und wohnungsloser Menschen medizinisch versorgt: seit zehn Jahren und stets kostenlos. Voraussetzung dafür ist nur, dass die PatientenbesitzerInnen – wie sie hier heißen – innerhalb der Wiener Wohnungslosenhilfe betreut und von dort überwiesen werden.

Kater Igor ahnt noch nicht, was ihn erwartet. Neugierig linst er aus der Sicherheit seiner Transportbox zu den beiden Hunden, die im Wartezimmer auf dem Boden liegen. „Vielleicht können sie nicht alles abschneiden? A Kater ohne Eier … ich weiß ja nicht“, denkt Günther laut. Die Assistentin lacht: „Für Männer ist dieser Eingriff immer eine ganz schwierige Sache“, sagt sie. In der Tierärztlichen Versorgung ist es Routine: 84 Kastrationen werden durchschnittlich pro Jahr durchgeführt.

Ein wahrer Kämpfer

„Die haben die besten Tierärzte hier“, sagt Günther anerkennend. Als Igor nur ein kleines Fellknäuel war, päppelten sie ihn wieder auf. „Ein Auge war total verklebt“, erinnert sich sein Besitzer, der für Igor sorgt, seit er ihn während eines Tschechien-Urlaubs in einem Karton fand. „Ich hab‘ jeden Tag eine Freud‘ mit ihm. Der Igor ist ein Kämpfer“, sagt Günther. Ein Kämpfer ist auch Günther selbst: 15 Jahre lang war er obdachlos, schlief zeitweilig in einem Zelt am Wiener Donaukanal. Stets an seiner Seite: Hund Charly. Mit ihm suchte er vor sieben Jahren erstmals die neunerhaus Tierärztliche Versorgung auf, ein Sozialarbeiter hatte ihm den Tipp gegeben. „Der Charly hatte da nur noch ein halbes Jahr zu leben. Die Gelenke waren kaputt und er hatte einen Tumor“, erinnert sich Günther. Er bekommt Gänsehaut an seinen Unterarmen, als er das sagt.

Eine Tierärztin engagiert sich

„Wohin gehen obdachlose Menschen, wenn mit ihren Tieren etwas ist? Diese Frage hat mich sehr beschäftigt“, erinnert sich Eva Wistrela-Lacek. Die Tierärztin gab vor zehn Jahren den Anstoß für die Tierärztliche Versorgung. Was ihr vorschwebte, dafür gab es noch kein Vorbild. Nach „vielen Sitzungen und Diskussionen“ fand man eine Lösung: Die österreichische Tierärztekammer und neunerhaus kooperieren mit Wistrela-Lacek als Tierärztlicher Leitung um die Tiere wohnungsloser BesitzerInnen zu versorgen, die sich einen regulären Tierarzt nicht leisten können.

Seit vier Jahren organisiert Sandra Dressel als Organisatorische Teamleitung die Einsätze der ehrenamtlichen TierärztInnen. Sie ist erste Ansprechperson am Telefon und lächelndes Gesicht am Empfang. „Jeder Tag hier ist anders, das macht es so interessant“, sagt sie. Die Einrichtung ist noch immer einzigartig in Österreich. Insgesamt wurde hier schon mehr als 5.000 Hunden, Katzen, Nagetieren und sogar dem ein oder anderen Wellensittich geholfen.

Ehrensache Ehrenamt

„Heute war ein typischer Tag“, sagt Sibille Pelikan. Die Tierärztin gehört seit rund sechs Jahren zum Team, sie ist zweimal monatlich im Einsatz – ehrenamtlich, so wie alle rund 50 TierärztInnen und AssistentInnen hier. „Ein chronischer Patient war da, Hunde zum Impfen und Chippen und wir haben viele Krallen geschnitten“, zählt Pelikan auf. Die Frage, wieso sie sich in ihrer Freizeit auch noch an den Behandlungstisch stellt und Tiere versorgt, beantwortet sie ohne Pathos: „Ich will einfach den Tieren helfen.“

Während Pelikan spricht, jault am zweiten Behandlungstisch ein Beagle auf. „Der Hund hat Ohrenschmerzen“, sagt sein Besitzer. Der Beagle windet sich. Mit einem Medikament sollte die Ohrentzündung bald zurückgehen, erklärt die Tierärztin dem Mann, während sie das Tier behutsam untersucht. Der Hund scheint es auch verstanden zu haben. Freudig springt er vom Tisch, schüttelt sich energisch und tappst zum Ausgang.

Sibille Pelikan hat derweil Xena vor sich. Die Hündin hat in ihren 13,5 Jahren schon viel erlebt: Als Welpe schnitt sie sich an einer Scherbe die Pfote tief auf. Zuletzt verschluckte sie einen Gummiball beim Spielen. Der Bauch der Mischlingshündin musste geöffnet werden. Hinzu kommen altersbedingte Nierenprobleme. Herrl Andreas Z. lässt daher regelmäßig ihre Blutwerte checken. „Ich habe Xena, seitdem sie drei Monate alt ist“, sagt er und schaut sie mit liebevollem Blick an. Xena war auch bei ihm, als er 2010 seine Wohnung verlor und bei Bekannten schlief. Bis er 2016 im neunerhaus Hagenmüllergasse eine Wohnung fand – mit Xena.

"Tiere stärken Menschen"

Hunde und andere Haustiere sind in den drei neunerhaus Wohnhäusern herzlich willkommen. „Häufig ist ein Tier die einzige unterstützende Beziehung, die ein wohnungsloser Mensch hat“, sagt neunerhaus Geschäftsführerin Elisabeth Hammer. „Tiere stärken den Menschen in Situationen, die viel Kraft rauben – und alles, was wohnungslose Menschen stärkt, wollen wir fördern.“

Die enge Verbindung von Mensch und Tier hat auch noch eine andere positive Wirkung: „Erreicht man das Tier, erreicht man oft auch den Menschen“, sagt Eva Wistrela-Lacek, „durch den Kontakt zu uns bekommen viele Menschen nach langer Zeit erstmals wieder Zugang zum Humanarzt“, sagt sie. Es ist kein Zufall, dass das neunerhaus Gesundheitszentrum im gleichen Haus ist wie die neunerhaus Tierärztliche Versorgung. Die Wartezeit für die PatientenbesitzerInnen lässt sich im neunerhaus Café gleich nebenan überbrücken, wo neunerhaus SozialarbeiterInnen und ein Peer-Mitarbeiter immer ein offenes Ohr für die BesucherInnen haben.

Auch Günther F. sitzt dort bei einem Kaffee, während es ein paar Meter weiter ernst wird für seinen Kater Igor. Vier Tage später schickt Günther ein SMS: „Igors Verhalten ist schon zu 90 Prozent Normalzustand.“ Katzensmiley mit Herzaugen. Nun kann sich Günther auch wieder entspannen.

Text: (c) Simone Deckner
Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin neuner News #41.

 

Hilfe für die Freunde auf vier Pfoten


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Günther wartet, (c) neunerhaus
Igor wartet, (c) neunerhaus
Eva Wistrela-Lacek, (c) Christoph Liebentritt
Pelikan und Lacek, (c) Christoph Liebentritt
Sandra Dressel, (c) Christoph Liebentritt
Sibille Pelikan untersucht Xena, (c) Christohp Liebentritt
Andreas und Xena, (c) Christoph Liebentritt
Günther mit Igor, (c) Christoph Liebentritt