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Verena Altenberger: „Ich nutze meine Privilegien dafür, den Mund aufzumachen“

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Schauspielerin Verena Altenberger über Zugang zu Kultur, Frauensolidarität, eigene Privilegien und Gesellschaftspolitik auf Instagram.

Elisabeth Hammer: Bei neunerhaus fordern wir Wohnen, Gesundheit und Teilhabe für alle. Sollten wir unsere Forderungen ergänzen um Kultur für alle?

Verena Altenberger: Ich finde, das sollte unter Teilhabe fallen. Ich muss zugeben, damit hadere ich selbst, denn Kultur für alle stimmt nicht. Nicht alle haben Zugang zu Kultur. Erstens, weil sich das nicht jeder leisten kann. Zweitens, weil besonders in der sogenannten Hochkultur Vieles nicht zugänglich oder verständlich genug ist. Ein gewisser Klassismus verhindert das.

Hammer: Das merken wir auch in unserer Arbeit mit Menschen am Rand der Gesellschaft. Wenn Angebote zu hochschwellig sind, verhindert es, dass Menschen daran teilhaben können.

Altenberger: Absolut. Ich bin selbst nicht in der Welt der Hochkultur aufgewachsen und spüre manchmal immer noch ein gewisses Fremdeln damit. Ich fühle mich oft mehr zuhause in anderen Geschichten und Erzählformen. Sogar innerhalb des Theaters gibt es diese Differenzierung vom guten Theater wie dem Burgtheater, und vom banalen Theater wie dem Schultheater.

Es wäre doch toll, wenn wir zum Beispiel ganz niederschwellig mit SchülerInnen über Theater, etwa den Jedermann reden könnten. Vorab das Stück erklären, auch betonen, dass es ok wäre, nicht alles zu verstehen (ich verstehe ja selbst nicht immer alles); dass es mehr um Gefühle geht. Auch über die Arbeit der Menschen am Theater sprechen, und dass gewisse Verhaltensweisen der ZuschauerInnen gut wären. Wie man sich respektvoll verhält, und dass es aber natürlich ok ist, laut zu lachen im Theater. Und dann die Vorstellung anschauen und danach ganz offen darüber reden – nachfragen, kritisieren und über persönliche Erfahrungswelten, die vielleicht aufgegangen sind, sprechen. Das hätte ich mir so gewünscht als Kind.

Hammer: Das ist mehrfach schön und inspirierend. Wir reden nämlich bei neunerhaus sehr oft von Niederschwelligkeit – wobei ja leider der Begriff an sich nicht besonders niederschwellig ist! Es geht darum, Brücken zu bauen, Übersetzungsarbeit zu leisten, und zwar nicht von der großen Bühne herab.

Altenberger: Absolut. Ich würde mir auch wünschen, dass wir Unsicherheiten öfter ansprechen und vor allem auch ansprechen dürfen. Ich hatte schon Gespräche, in denen mein Gegenüber mit Namen und Begriffen um sich geworfen hat, weil ihm nicht bewusst war, dass ich so wenig weiß von dieser Welt, in der er so zuhause ist.

Oder einmal hatte ich ein Interview für eine TV-Show, bei dem ich erzählt habe, wie ich als 18-Jährige nach Wien kam und bei einem Vorsprechen den Monolog aus dem Reclam-Heft teils abgelesen habe, weil ich nicht wusste, dass man den Text auswendig können muss. Der Moderator hat dann gesagt ‚Na, das ist aber ganz schön dumm, oder?‘, und ich hab gelacht und gesagt ‚Ja, schon irgendwie!‘. Im Nachhinein denke ich mir: Das war überhaupt nicht dumm von mir. Das ist Klassismus. Ich hatte überhaupt keinen Zugang zur Kulturwelt und verstand die Ansprüche nicht, die sie an Menschen stellt, die an ihr teilhaben wollen. Mittlerweile schaffe ich es manchmal, so etwas in der jeweiligen Situation direkt anzusprechen.

Hammer: Vielleicht ist es aber auch ein Privileg, dass wir oft besser zu solchen Unsicherheiten stehen können als Menschen, die sich gerade um die Mindestsicherung anstellen. Weil uns im Normalfall eben nicht direkt Dummheit unterstellt wird und wir damit anders umgehen können.

Altenberger: Absolut, ja! Vielleicht sollten wir gerade deshalb dieses Privileg mehr nutzen, um damit etwas aufzubrechen. Wir verstellen uns zu oft.

Hammer: Wir versuchen bei neunerhaus SpenderInnen wie NutzerInnen zu vermitteln: Egal, wie unterschiedlich unsere Erfahrungen sind – dein und mein Leben sind nicht so weit voneinander entfernt, wie wir vielleicht denken. Wie sehen Sie das?

Altenberger: Aus der Perspektive der Schauspielerin kann ich das unterschreiben. Ich muss bei meiner Arbeit einen fremden Menschen für andere erlebbar machen: Warum handelt diese Person so, warum ist sie gemein, lieb, oder wütend? Dafür muss ich diesen Menschen emotional verstehen. Und egal, wen ich spiele, egal in welche fremde Lebensrealität ich einsteige: Es sind jedes Mal ganz ähnliche Hoffnungen, Wünsche, Ängste und Träume. Auf einer emotionalen Ebene sind wir uns alle so wahnsinnig ähnlich!

Hammer: Sie tauchen in sehr unterschiedliche Rollen ein – von der heroinabhängigen Mutter über die Altenpflegerin bis zur Ermittlerin. Wie gelingt Ihnen das?

Altenberger: Vor allem mit Interesse, Neugier und Empathie. Dass ich diesen Beruf so liebe, hat viel damit zu tun, dass ich das Privileg habe, in viele Welten hineinzuschnuppern und mich so frei durch die Gesellschaft bewegen darf. Für die Recherche zu Die Beste aller Welten habe ich viel Zeit mit heroinabhängigen Menschen verbracht und mich mit dieser Realität, den Träumen, Hoffnungen und Schmerzen beschäftigt. Gleichzeitig darf ich über den roten Teppich bei der Romy Gala gehen. Beides ist immer noch gleichermaßen absurd für mich.

Hammer: Viele Menschen haben Scheu oder Angst bei solchen Begegnungen. Ist Ihnen das ganz fremd?

Altenberger: Nein, das verstehe ich gut und empfinde ich auch oft so. Ich kenne diese Scheu, egal ob ich mich in vermeintlich niedrigeren Gefilden unserer Gesellschaft, oder unter den oberen 10.000 bewege. Aber es gibt nichts Schöneres, als diese Scheu zu überwinden. Es gibt bei mir in der Gegend einen Mann, der jeden Tag an der gleichen Straßenecke steht und bettelt. Als ich im ersten Lockdown Kontakt zu ihm aufnehmen wollte, hatte ich richtiges Herzklopfen. Absurd – ich wollte ja nur einen anderen Menschen fragen, wie er heißt! Also, ich verstehe diese Scheu total. Seither grüßen wir uns jeden Tag mit Namen, reden manchmal kurz. Wir haben jetzt einen persönlicheren Bezug. Und es fällt mir auf, wenn er nicht da ist.

Hammer: Hat sich in dieser Pandemie etwas an dieser Nähe oder Distanz zwischen Menschen verändert?

Altenberger: Auf jeden Fall. In Szenen mit anderen SchauspielerInnen komme ich ja nach wie vor Menschen nah – zwar getestet und mit Sicherheitsvorkehrungen – aber es fühlt sich mittlerweile so unfassbar seltsam an, nah beisammen zu stehen!

Hammer: Gleichzeitig sind Sie diesem einen Menschen an der Straßenecke das erste Mal in der Pandemie so nahe gekommen.

Altenberger: Stimmt… Auch bei NachbarInnen: Nachdem ich im ersten Lockdown relativ viel Nachbarschaftshilfe gemacht habe, ist mir aufgefallen, wie wenig ich meine NachbarInnen davor gekannt hatte. Jetzt weiß ich fast bei jeder Tür in meinem Haus, wie die BewohnerInnen heißen, wie alt sie sind, ob sie Kinder haben, ob sie geschieden sind – das alles wusste ich vorher nicht. Das ist so wertvoll, weil dieser persönliche Bezug Solidarität verstärkt und unsere Leben bereichert.

Hammer: Sie sind beruflich sehr viel unterwegs. Was ist Zuhause für Sie? Bei neunerhaus sagen wir oft, dass Zuhause mehr ist als nur ein Dach über dem Kopf.

Altenberger: Im Zusammenhang mit Wohnungslosigkeit fällt es mir schwer, darüber zu reden, weil ich wahnsinnig privilegiert bin. Ich habe eine schöne Mietwohnung in Wien, mein Papa hat ein Haus in Salzburg, und wenn ich in München oder einer anderen Stadt drehe, darf ich mir dort ein nettes Zimmer aussuchen. Das ist einfach sorgenloser Luxus für mich.

Es gibt keinen Gegenstand, den ich immer mithabe, und ich habe auch nicht den einen Ort, bei dem ich sage: da bin ich zuhause. Aber ich brauche das irgendwie auch nicht, im Gegenteil, es gibt mir große Freiheit.

Was für mich allerdings schon Zuhause oder Heimat ist – obwohl ich den Begriff nicht mag – sind Gerüche. Meine Familie kommt aus Dorfgastein, und ich weiß genau, wie es dort im Winter, Sommer, Frühling oder Herbst riecht. Wenn ich das rieche, geht irgendetwas in mir los, das sich wie Wohlfühlen anfühlt oder Vertraut sein. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich jeden kenne, der dort lebt oder die Straßen genau kenne – ich verfahre mich dort ständig – es hat einfach mit dem Geruch zu tun.

Hammer: Sie positionieren sich oft gesellschaftspolitisch – im Gegensatz zu anderen SchauspielerInnen, die sich lieber nicht politisch äußern. Warum?

Altenberger: Ich habe meine Stimme auch erst gefunden. Ich war eigentlich nie der ‚Typ Schulsprecherin‘. Aber mit zunehmender Bekanntheit fand ich es unvertretbar, meine Privilegien zu leben, ohne sie in einem positiven Sinn zu nutzen. Als banales Beispiel: Mit einer gewissen Anzahl an FollowerInnen auf Instagram ist es mir irgendwann unmöglich geworden, nur noch Urlaubsbilder oder dergleichen zu posten. Und ein kleines bisschen erkaufe ich mir dadurch vielleicht das Recht, mein Leben so zu leben wie ich’s tue, indem ich sage: Ich benutze meine Aufmerksamkeit und meine Privilegien auch dafür, um den Mund aufzumachen.

Ich finde es total legitim, wenn sich KollegInnen dafür entscheiden, das nicht zu machen. Für mich persönlich gilt allerdings zwingend: Mit größerer Bühne kommt größere Verantwortung.

Hammer: Was Sie stark thematisieren, ist das Thema Körperbilder. Welche Erfahrungen haben Sie dadurch gesammelt?

Altenberger: (überlegt lange) Ich muss sagen, ich hatte mir mehr erhofft – denn ich hatte das in anderen Bereichen so erlebt: Je mutiger ich darüber rede, desto mutiger werde ich auch. Das passiert mit dem Körperlichen nicht. Ich bin diesbezüglich derzeit wirklich eher hoffnungslos. Ich merke, ich habe immer wieder mal die Stärke zu sagen: Weg von einer idealisierten Schönheit hin zu einer Body Positivity, manchmal sogar hin zu einer Body Neutrality. Aber in Wirklichkeit bin ich so wahnsinnig gefangen in dieser Maschinerie Schönheitsideal. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an mein Gewicht denke, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht drüber nachdenke, ob da ein Pickel wächst, wie die Hose sitzt, wie die Oberarme in dem Winkel aussehen...

Klar finde ich immer wieder mal den Mut, das zu thematisieren – in mir selber verändert hat das erstaunlicherweise wenig. Daran merke ich, wie stark diese Strukturen in unserer Gesellschaft verankert sind und wie sehr ich entlang dieser Strukturen sozialisiert wurde. Ich merke das auch bei Freundinnen: Wie oft wir das auch untereinander thematisieren. Wie oft Abnehmen ein Thema ist. Es ist absurd, wirklich!

Ich versuche, mich selbst immer wieder zu desensibilisieren. Jetzt gerade mit Achselhaaren – es ist fast schon lächerlich: Die aufgeregtesten Hasskommentare bekomme ich, wenn ich ein Foto mit Körperbehaarung poste. Es ist so absurd, dass man damit die Menschen am meisten verärgern kann, wenn man aus standardisierten Körperbildern ausbricht.

Mein Beruf zwingt mich dazu, mich stark mit mir und auch meinem Körper auseinanderzusetzen. Manchmal hat das auch etwas Heilsames: In Die Beste aller Welten war ich ja zum Beispiel hässlich – haben zumindest alle immer geschrieben. Das heißt: ungeschminkt, Ausschlag dazu geschminkt, Zähle gelb angemalt, Haare ungewaschen oder fettig gemacht, keine schönen Nägel, unrasierte Beine. Das war für mich ein großer Befreiungsschlag – aber auch nur im Schutz der Rolle.

Mein Körper und ich – es ist nach wie vor ein täglicher Kampf.

Hammer: Was würden Sie speziell unseren Leserinnen wünschen?

Altenberger: Es gibt eine Sache, die sich sehr wohl verbessert hat bei mir: Ich habe vor ein paar Jahren aufgehört, Frauen zu beurteilen und wirklich geschafft, das zu verinnerlichen. Das hat mir selbst auch zu mehr Mut verholfen. Es gab für mich einen Schlüsselmoment in einem schicken Café in Salzburg. Ich sah ein Pärchen, die beide etwas dicker waren und offensichtlich anders als die Durchschnitts-BesucherInnen in Salzburg: Die Frau hatte eine Hüfthose und ein bauchfreies Top an – und sofort ist in meinem Kopf wie automatisiert etwas losgegangen mit ‚Wie zieht die sich denn an!‘. Aber zum ersten Mal hat sich eine zweite Stimme dazu geschaltet, die mir bewusst gemacht hat, dass dieser Gedanke, den ich da hatte, gar nicht ich bin. Das war nur meine Sozialisation, die unreflektiert für mich gesprochen hat. Es ist mir doch so dermaßen egal, wie sich eine andere Frau anzieht. Ich habe mir gedacht ‚Hey, was ist das denn, die Gesellschaft ist in meinem Kopf und sie soll da rausgehen!‘ (lacht) Und an diesem Tag habe ich mir vorgenommen, mir diese Gedanken abzutrainieren, die ich offensichtlich als Kind oder Teenagerin antrainiert bekommen habe – von Medien, LehrerInnen, Peer Groups und wahrscheinlich auch von meinen Eltern. Das sind Glaubenssätze, die überhaupt nicht meine eigenen sind.

Hammer: Sie arbeiten also aktiv gegen die gesellschaftlichen Normierungen im eigenen Kopf?

Altenberger: Genau. Und das würde ich mir wünschen im Hinblick auf Frauensolidarität: Wenn ich liebende Blicke von Frauen spüre, fühle ich mich freier. Also lächle ich Frauen an und möchte mit allem, was ich bin, signalisieren: Ich werde dich nicht verurteilen, egal wofür du dich entscheidest in deinem Leben. Das machen eh Männer genug – ich werde mich nicht in diesen Reigen einreihen.

Hammer: Das ist ein schöner Zugang.
Zum Abschluss: Was würden Sie sich von neunerhaus erwarten? Wofür sollen wir uns einsetzen?

Altenberger: Ich finde, man kann überhaupt keine Erwartungen an Organisationen wie neunerhaus stellen. Eure Arbeit ist so wertvoll. Wo doch eigentlich in einem reichen Land wie Österreich der Staat sich von vornherein darum kümmern müsste, dass es überhaupt keine obdachlosen und nichtversicherten Menschen gibt. Es sollte neunerhaus verdammt nochmal gar nicht geben müssen.

 

Zur Person

Verena Altenberger (geb. 1987) ist eine österreichische Schauspielerin. Sie war Teil des Jungen Burg Ensembles am Burgtheater, spielte am Volkstheater Wien und wirkte in zahlreichen nationalen und internationalen Kino- und TV-Produktionen mit. Für die Hauptrolle in Die Beste aller Welten erhielt die gebürtige Salzburgerin 14 Auszeichnungen und Nominierungen. 2021 übernimmt Verena Altenberger die Rolle der Buhlschaft im Jedermann bei den Salzburger Festspielen.

 

Alle Fotos: (c) Christoph Liebentritt

 
 

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