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Vom Rand in die Mitte der Gesellschaft

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neunerhaus setzt sich ein für das Hinschauen, für Teilhabe und Zugehörigkeit von wohnungslosen Menschen in unserer Gesellschaft.

An einem Mittwochvormittag, am 3. Oktober 2019, wird in einem unscheinbaren Seminarraum im 3. Wiener Gemeindebezirk ein Stück Geschichte in der Wiener Wohnungslosenhilfe geschrieben. „Wir sind der Beweis, dass es einen Weg hinaus gibt, dass Hoffnung nicht nur ein leeres Wort ist“, sagt Stefan P.

Er ist Teilnehmer des ersten Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe in Österreich. Früher war er selbst wohnungslos, jetzt will er anderen Betroffenen helfen. Gemeinsam mit 15 KollegInnen präsentiert Stefan P. heute seine Abschlussarbeit. Die Bandbreite der Themen ist groß: Ein Teilnehmer hat eine Website programmiert, ein anderer ein Video gedreht, ein dritter eine Kurzgeschichte verfasst. Andere präsentieren mit PowerPoint oder selbst gestalteten Plakaten.

Peers sind Vertraute, WegbegleiterInnen und MentorInnen

Das Publikum – neunerhaus MitarbeiterInnen, VertreterInnen der Stadt Wien, Familien und FreundInnen – ist sichtlich bewegt. Alle hören konzentriert zu und applaudieren begeistert. Mehrmals wird laut gelacht, manche wischen sich verstohlen eine Träne aus dem Gesicht. Auch den AbsolventInnen sind die Emotionen dieses Tages ins Gesicht geschrieben. Sie freuen sich nicht nur über den eigenen Erfolg, sondern auch für- und miteinander. Hinter ihnen liegen acht Monate intensiver Auseinandersetzung mit Hilfsangeboten, Arbeitsweisen von Sozialorganisationen und der Stadt – aber vor allem mit sich selbst und den eigenen Lebenserfahrungen. Die vier Frauen und zwölf Männer, die den Kurs an diesem Tag abschließen, haben unterschiedliche Biographien. Doch eines verbindet sie: Sie waren oder sind wohnungslos.

Peer zu werden heißt: Betroffene Menschen werden zu ExpertInnen ihrer eigenen Situation ausgebildet, arbeiten ihre Erfahrungen auf und geben ihr Wissen an andere weiter. Das ist die Idee hinter dem Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe, den neunerhaus gemeinsam mit dem Fonds Soziales Wien (FSW) und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger entwickelt hat. Nach erfolgreichem Abschluss ergänzen die Peers das Beratungs- und Betreuungsangebot von Sozialorganisationen als bezahlte MitarbeiterInnen. Im ersten Jahr gibt es dafür eine spezielle Förderung des FSW. Peers werden für obdachlose Menschen zu Vertrauten, WegbegleiterInnen und MentorInnen. Gleichzeitig helfen sie mit, die Angebote der Wohnungslosenhilfe auf die Bedürfnisse der Menschen zuzuschneiden. Für sie selbst bietet die Ausbildung einen qualifizierten Zugang zum Arbeitsmarkt. Zu tun gibt es genug.

„Alle Leute, die man auf der Straße sieht, haben ein Ziel. Nur man selber hat das Gefühl, dass man keinen Platz hat in der Welt, nirgends hingehört“, sagt René, Absolvent des ersten Peer-Zertifikats-Kurses.

 

neunerhaus setzt sich ein für das Hinschauen, für Teilhabe und Zugehörigkeit von wohnungslosen Menschen in unserer Gesellschaft. Für die drei kleinen Worte, die so viel sagen: du bist wichtig.

Das gilt für den 2019 gestarteten Peer-Zertifikats-Kurs genauso wie für das 2018 eröffnete neunerhaus Café – neunerhaus schafft Räume für Begegnung und Miteinander. Im neunerhaus Café gibt es nicht nur gesundes Essen für obdachlose und wohnungslose Menschen, sondern hier treffen sich auch die NachbarInnen und KollegInnen aus den umliegenden Büros Tag für Tag zum Mittagstisch auf freier Spendenbasis. Ein gutes gesellschaftliches Miteinander geht uns alle an: Wer kann, gibt mehr und lädt so obdachlose und nichtversicherte Menschen auf eine frische Mahlzeit ein. Bio für alle, gewissermaßen. Denn die Sehnsucht nach Normalität, nach unaufgeregter Anerkennung, einem Gefühl des Zusammengehörens ist bei allen Menschen gleich.

Der erste Schritt ist hinschauen.

Seit 20 Jahren weist neunerhaus auf die Ausgrenzung obdachloser Menschen hin und engagiert sich dafür, diese Schritt für Schritt abzubauen. Das galt insbesondere im Jubiläumsjahr 2019, weswegen neunerhaus eine öffentlichkeitswirksame Kampagne zum Thema „Schande und Scham“ ins Leben rief. Dafür standen KlientInnen Modell, um die Beschämung obdachloser Menschen zu thematisieren. Auch in der täglichen Arbeit kämpft neunerhaus gegen Ausgrenzung. Angebote wie das neunerhaus Gesundheitszentrum helfen nicht nur obdachlosen Menschen unmittelbar, sondern bauen auch Vorurteile ab. So kann eine lebenswerte Gesellschaft für alle entstehen.

Der zweite Schritt ist verstehen.

Mitte Juni veranstaltete neunerhaus die Fachtagung neunerhaus Impulse im Wiener WUK. In drei Panels diskutierten ExpertInnen die aktuellen Herausforderungen der Wohnungslosenhilfe. Wie kann medizinische Versorgung niederschwellig auch verletzliche Zielgruppen erreichen? Wie kann Wien Wohnungslosigkeit beenden? Und was braucht es, damit die Angebote der Wohnungslosenhilfe auch Impulse für eine inklusive Gesellschaft geben können? Am Abend wurden die Ergebnisse mit VertreterInnen der Wiener Stadtpolitik im bis zum letzten Platz gefüllten Saal angeregt diskutiert.

Der dritte Schritt ist aufeinander zugehen.

„Der Abbau von Vorurteilen gegenüber Menschen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen werden, passiert nicht im Kopf, sondern in der Begegnung“, sagte Barbara Berner bei den neunerhaus Impulsen. Sie ist Leiterin der neunerhaus Niederschwelligen Sozialarbeit. Bei neunerhaus werden Vorurteile ganz konkret abgebaut: in den Wohnangeboten und im Gesundheitszentrum mit Beratung auf Augenhöhe. In der Tierärztlichen Versorgung, im Café und im täglichen Miteinander. In allen Bereichen lautet die Botschaft: du bist wichtig. Eine Bemerkung, die an der Theke des neunerhaus Cafés geäußert wurde, bringt dieses Motto auf den Punkt: „Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal gefragt wurde, wie ich meinen Kaffee möchte“, sagte dort ein Gast zu neunerhaus Geschäftsführerin Daniela Unterholzner. Noch während dieser Text entsteht, führt am Nebentisch René Schober ein Beratungsgespräch mit einer älteren Frau. Er ist einer der 16 AbsolventInnen des Peer-Zertifikatskurses – und mittlerweile Teil von neunerhaus: Als Peer-Mitarbeiter verstärkt er das Team im neunerhaus Café.

2019 wurden bei neunerhaus 2.536 Stunden gesellschaftlicher Zusammenhalt gelebt: Im neunerhaus Café, neunerhaus Fußballclub, im Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe und in der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung.


Fotos: (c) Martin Stöbich

>> Dieser Beitrag erschien erstmals im neunerhaus Jahresbericht 2019.

  

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Stefan P., Peer
Renate P., Bewohnerin neunerhaus Kudlichgasse
Lea P., Bewohnerin neunerhaus Kudlichgasse
Stephan G., Spieler neunerhaus FC
Rudolf M., Bewohner neunerhaus Kudlichgasse