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Wie Menschen ein Zuhause finden: Ein Rückblick auf 2021

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Im vergangenen Jahr haben wir obdach- und wohnungslose Menschen unter anderem durch Housing First, individuelle Betreuung und ganzheitliche Angebote unterstützt.

"Ich schätze diese Wohnung sehr. Das kann nur nachvollziehen, wer mal auf der Straße gewohnt hat", erzählt Ursula S. Nach jahrelanger Obdachlosigkeit lebt sie heute in einer Wohnung im 10. Wiener Gemeindebezirk, die ihr neunerhaus im Rahmen von Housing First vermittelt hat.

Die Idee hinter Housing First ist einfach: Obdach- und wohnungslose Menschen bekommen so rasch wie möglich wieder eine eigene, leistbare Wohnung – mit eigenem Schlüssel und eigenem Mietvertrag. Dazu gibt es sozialarbeiterische Hilfe nach Bedarf. Für die allermeisten Menschen, die in eine Housing First Wohnung ziehen, funktioniert das Konzept sehr gut: 92 Prozent der Mieter*innen wohnen nach Ende der Betreuung weiterhin dort. Housing First wurde von neunerhaus im Rahmen einer Pilotphase zwischen 2012 und 2015 erstmals in Wien getestet. Mittlerweile ist das Angebot ein fixer Bestandteil der Wiener Wohnungslosenhilfe und gewinnt auch auf nationaler Ebene immer mehr an Profil.

neunerhaus konnte im vergangenen Jahr bereits die 200. Housing First Wohnung übergeben.

Ein wichtiger Teil von Housing First ist die langfristige Begleitung der Menschen: Bereits vor dem Einzug in die eigene Wohnung arbeiten neunerhaus Mitarbeiter*innen mit ihnen an ihren individuellen Zielen. Mieter*innen zahlen ihre Miete selbst – viele beschäftigt daher auch nach dem Einzug die Frage, wie sie ihre Wohnung langfristig halten können. Prekäre Lebenslagen und finanzielle Sorgen lassen wenig Spielraum für die Bewältigung von Krisen wie Krankheit, Jobverlust oder Verschuldung.

Die mobilen Teams von neunerhaus unterstützen Menschen bei Fragen rund ums Wohnen und können bei drohendem Wohnungsverlust Beratung und Hilfe anbieten. Darüber hinaus vermitteln sie bei Bedarf an externe soziale und medizinische Partner*innen weiter, um die Mieter*innen nachhaltig und langfristig gut zu versorgen. So wird mobile Betreuung für viele ein wichtiger Schritt auf dem Weg in ein selbstständiges und unabhängiges Leben.

"Am privaten Wohnungsmarkt hatte ich keine Chance", berichtet Ursula S. "Einmal hab‘ ich eine Nachbarin von früher getroffen. Meine ehemalige Wohnung im siebten Bezirk kostet mittlerweile das Doppelte." Für eine wachsende Gruppe von Menschen wird der Zugang zu leistbarem Wohnraum immer schwieriger.

Der durchschnittliche Mietpreis in Wien ist in den letzten zehn Jahren um rund 50 Prozent gestiegen.

Während die Wohnkosten rapide steigen, hinkt die Einkommensentwicklung hinterher. Das führt zu einer gesamtgesellschaftlichen Belastung, die von Inflation und horrenden Energiepreisen noch verstärkt wird. Der zunehmende Wohnungsdruck betrifft längst auch die Mittelschicht und verschärft die Situation jener Menschen, die bereits prekär leben: Die am stärksten Ausgegrenzten werden auf den meist überteuerten privaten Mietmarkt zurückgeworfen. In manchen Fällen bleibt so nur mehr der Weg in die Obdachlosigkeit. Das wird auch für immer mehr junge Erwachsene Realität, die ihre Wohnungen nicht halten können oder von Anfang an keinen Zugang zum Wohnungsmarkt finden.

"Wir brauchen am Wohnungsmarkt Wohnungen, die leistbar und zugänglich sind – sonst werden die eigenen vier Wände vom Grundrecht zum Luxusgut."
– Daniela Unterholzner, neunerhaus Geschäftsführung

Im Lauf des Lebens ändern sich bei den meisten Menschen die Wohnbedürfnisse. Menschen werden älter, Lebenssituationen verändern sich und manchmal führt eine persönliche Krise dazu, dass neue Bedürfnisse entstehen. Deshalb ist es wichtig, Angebote für eine Vielfalt an Menschen bereitzustellen: Das erste Wohnhaus von neunerhaus hat eine Lücke gefüllt, es war anders als alles, das vorher in Wien bestand. Mittlerweile gibt es drei neunerhaus Wohnhäuser – jedes mit seinem eigenen Fokus.

Gemeinsam haben die von neunerhaus entwickelten Wohnangebote die Ausrichtung: weg von einer Heimstruktur, hin zu einem richtigen Zuhause – und sei es nur für einen gewissen Zeitraum. Dabei sind Begleitung und Betreuung in allen Wohnformen ebenso wichtig wie Rückzug und Privatsphäre. So finden bei neunerhaus unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen ein Zuhause. Für Ursula S. war Housing First das Richtige: "Im Winter hat es mal draußen geschneit, und ich bin im warmen, kuscheligen Bett gelegen. Ich hab' rausgeschaut und so ein Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit gespürt – endlich!"

 

 

 

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