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»Wien ist nicht für jeden die lebenswerteste Stadt«

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Mit Stereotypen brechen: Werbe-Experte Alexander Rudan im Gespräch über die Wahrnehmung von Obdachlosigkeit.

Daniela Unterholzner: Die Werbeagentur HAVAS unterstützt neunerhaus schon seit Jahren pro bono. Was sind die Gründe für dieses Engagement?

Alexander Rudan: Wir möchten mit unseren Möglichkeiten und unserem Know-how etwas Gutes tun. Als Werbeagentur ist man ja leider nicht dafür bekannt, die Welt nur besser zu machen. Deshalb finde ich es besonders gut, eine Organisation wie neunerhaus – mit ihrem Grundgedanken und ihrer Arbeitsweise – zu unterstützen. Wir möchten dazu beitragen, dass es den Menschen, für die neunerhaus da ist, besser geht.

Unterholzner: Die Kampagne, die wir gemeinsam konzipiert haben, dreht sich um das Thema Scham. Wie ist Ihr Zugang dazu?

Rudan: Obdachlosigkeit ist ja leider kein neues Thema. In den Kampagnen der vergangenen
20 oder 30 Jahre ging es immer um dieselben Aspekte. Scham als Thema fand ich aus kommunikativer Sicht spannend, weil es so noch nicht beleuchtet wurde. Außerdem hat es mich von Anfang an berührt. Gerade in Bezug auf obdachlose Menschen gibt es unheimlich viele Stereotype. Die Kampagne bringt hoffentlich frischen Wind in den Diskurs.


Unterholzner:
Wir haben ja im Vorfeld viel über das Thema diskutiert. Was waren bei HAVAS die wichtigsten Fragen während der Entwicklung?

Rudan: Es ist interessant, von wie vielen Seiten man ein Thema beleuchten kann. Man sollte es aber auch nicht überakademisieren. Am Ende geht es darum, aufzufallen. Die Themen Schande und Scham mit betroffenen Menschen und Schandmasken zu dramatisieren, fand ich spannend. Das Sujet lässt Interpretationsspielraum, es ist keine Waschmittelwerbung. Es soll die Menschen berühren. Wir haben viel nachgedacht, wie das gelingen kann. Dann die Details: schwarzweiß oder nicht? Wo steht die Person, im Mittelpunkt, am Rand? Solche Dinge sind für Außenstehende wahrscheinlich lachhaft, aber im Endeffekt kommt es oft auf Kleinigkeiten an.

"Dass in unserer Gesellschaft Menschen draußen stehen und nicht reinkommen, darüber sollten wir nachdenken."


Unterholzner: Manchmal löst es Kritik aus, wenn Sozialorganisationen mit großen Kampagnen an
die Öffentlichkeit gehen. Wie sehen Sie das?

Rudan: Beim Gedanken an karitative Organisationen kommt bei vielen Menschen eine Art Lagerfeuerromantik auf. Aber sie sind auf Spenden angewiesen. In Österreich ist die Bereitschaft dafür ja glücklicherweise groß. Dennoch muss jede Organisation präsent sein und klar machen, wofür sie eintritt. Deshalb ist es notwendig, auch werbliche Kommunikationsmittel zu nützen. In solchen Fällen arbeiten zudem viele Fotografen oder Agenturen pro bono – wie wir zum Beispiel.

Unterholzner: Welchen Effekt soll die Kampagne erzeugen?

Rudan: Zum einen soll sie neunerhaus helfen, seine Anliegen besser umzusetzen. Aber auch einen Perspektivenwechsel, was das Thema anbelangt. Wir leben in unfassbarem Reichtum, Wien gilt als lebenswerteste Stadt der Welt. Dass sie für zehntausende Menschen nicht lebenswert ist, das soll kommuniziert werden. Dass man bei uns weniger Obdachlosigkeit sieht als in Paris oder New York, heißt nicht, dass sie nicht da ist. Dass in unserer Gesellschaft Menschen draußen stehen und nicht reinkommen, darüber sollten wir nachdenken. Die Kampagne ist nur ein kleiner Teil, aber sie kann einen Beitrag leisten.

Fotos: (c) Christoph Liebentritt

 

Zur Person

Alexander Rudan (geb.1969) begann seine Laufbahn als freier Texter und arbeitete anschließend für verschiedene Werbeagenturen, darunter Ogilvy und FCB Kobza. Seit 2013 ist der gebürtige Südtiroler als Executive Creative Director bei HAVAS tätig. Die Werbeagentur unterstützt neunerhaus seit Jahren und entwarf gemeinsam mit neunerhaus die im Oktober lancierte „Schande und Scham“-Kampagne.

Zur Kampagne

Mit historischen Schandmasken und gemeinsam mit betroffenen Menschen thematisiert neunerhaus gesellschaftliche Ausgrenzung: Schande und Scham

 

>> Dieser Beitrag erschien erstmals in neuner News #39 – dem Magazin von neunerhaus.
 

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