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»Wir können Wohnungslosigkeit gemeinsam beenden«

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Die neunerhaus Geschäftsführerinnen Elisabeth Hammer und Daniela Unterholzner über ihre Vision einer Stadt Wien ohne Wohnungslosigkeit.

neunerhaus startete als BürgerInneninitiative vor 20 Jahren. Heute hat die Sozialorganisation etwa 150 MitarbeiterInnen und rund 100 ehrenamtlich Mitwirkende. Was hat sich seit der Gründung verändert?


Elisabeth Hammer: Es hat sich alles verändert und nichts. Stark verändert hat sich vor allem die gesellschaftspolitische Situation. Vor 20 Jahren gingen wir davon aus, den Sozialstaat Stück für Stück zu verbessern. Mittlerweile ist dieser aber stark unter Druck geraten. Nicht nur finanziell, sondern insgesamt in seiner Legitimität als gesellschaftliche Errungenschaft, die möglichst alle mit einschließt. Damit stehen auch die Menschenrechte unter Druck – jene Rechte, die für uns im Zentrum stehen. Für unsere tägliche Arbeit bedeutet das, dass wir den Fokus verbreitern. Wir müssen heute gesellschaftspolitisch mehr mitwirken. Das gelingt nur mit einem starken Netzwerk von PartnerInnen und Verbündeten.


Daniela Unterholzner: Nicht verändert hat sich der Anspruch von neunerhaus. Vor 20 Jahren hat diese Gruppe von engagierten BürgerInnen, die neunerhaus gegründet hat, genau hingesehen, sich mit den Bedürfnissen von obdachlosen Menschen auseinandergesetzt und basierend darauf Angebote entwickelt. Das macht neunerhaus aus und das tun wir auch bis heute. Wir gehen auf die Menschen zu, fragen nach und entwickeln gemeinsam Lösungsansätze. Unser Claim „du bist wichtig“ verdeutlicht diese Haltung. Jeder Mensch ist wertvoll und ExpertIn für die eigene Lebenssituation. Wir wollen nicht nur eine Stimme für die Menschen sein, sondern ihnen eine Stimme geben. Gemeinsam mit den neunerhaus MitarbeiterInnen thematisieren wir Problemfelder und schaffen konkrete Hilfe, die langfristig wirkt. Unser Anspruch ist, mit unseren Angeboten eine Veränderung im System zu bewirken. Beispiele dafür sind das neunerhaus Hagenmüllergasse, das neunerhaus Gesundheitszentrum oder unser neuer Zertifikats-Kurs Peers der Wohnungslosenhilfe.

 

Wie haben sich Wohnungs- und Obdachlosigkeit in den letzten 20 Jahren verändert? Hat die Stigmatisierung zugenommen?


Elisabeth Hammer:

Das Bild von Wohnungs- und Obdachlosigkeit hat sich radikal geändert. Vor 20 Jahren wurde mit einem obdachlosen Menschen eine Person auf der Parkbank verbunden. Heute wissen wir, dass Wohnungslosigkeit vielfältiger ist. Sie wird weiblicher, jünger und internationaler. Das spiegelt auch gesamtgesellschaftliche eränderungen wider. Gesundheitliche Belastungen nehmen zu, oft im psychiatrischen Bereich. Gleichzeitig halten die Einkommen mit der Entwicklung der Wohnkosten nicht mit und befristete Mietverträge sind von der Ausnahme zur Regel geworden. Das sind strukturelle Rahmenbedingungen, die vieles schwieriger machen. Nach letzten Berechnungen der Statistik Austria stirbt eine Person, die wohnungslos war, statistisch um 20 Jahre früher als eine Person, die nicht wohnungslos war.

Daniela Unterholzner:

Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit sind die härtesten Formen der Armut. Man muss sich vorstellen, was es bedeutet, wenn vor der Delogierung nur noch eine halbe Stunde Zeit bleibt, um das eigene Leben in einen Rucksack zu zwängen. Gleichzeitig wird für manche Gruppen die Mindestsicherung gekürzt, was wiederum mehr Wohnungslosigkeit verursacht. Die Leidtragenden sind die Schutzlosesten innerhalb unserer Gesellschaft. Das betrifft nicht nur junge Erwachsene, sondern zu einem Drittel auch Kinder. Wer als armutsbetroffenes Kind in einer Wohnung mit Überbelag aufwächst oder wohnungslose Eltern hat, hat von vornherein schlechtere Chancen. Ein Kind aus gesicherten sozialen Verhältnissen mit Förderung, gesundem Essen und Freizeitaktivitäten hat es leichter. Heute legen wir die Rahmenbedingungen dafür fest, wie unsere Kinder einmal leben werden. Es braucht daher langfristige Zukunftsperspektiven in einer eigenen Wohnung. neunerhaus gibt ein Zuhause, das diesen Namen auch verdient. Das bedeutet: ein eigener Schlüssel, Privatsphäre, ein eigenes Postfach und Ruhe.

Stichwort Zukunft: Ihr erklärtes Ziel ist, dass es in 20 Jahren keine Wohnungslosigkeit in Wien mehr gibt. Wie soll das gehen?

Elisabeth Hammer: Ich glaube, Wien kann bei der Beendigung von Wohnungslosigkeit ein Vorreiter sein – auch mit Blick auf andere europäische Großstädte. Das heißt, dass wir in Wien einen sozialen Wohnbau haben, der für die Breite der Menschen zugänglich ist – super so! Was verbessert werden kann, ist der Zugang für einkommensschwache Personen und Personen mit Unterstützungsbedarf. Hier müssen wir gemeinsam mit der Stadt Wien an Schrauben drehen. Es gibt genügend Pilotprojekte, an denen auch neunerhaus beteiligt ist, die vorzeigen, wie das geht.

 

Daniela Unterholzner: Ein Beispiel: Wenn Menschen in eine Krise kommen und aus Überforderung resignieren, brauchen sie jemanden, der sie bei den nächsten Schritten begleitet und im Idealfall die Wohnung sichert. Dafür steht nicht nur neunerhaus, sondern auch die Tochtergesellschaft neunerimmo, die langfristige und leistbare Wohnperspektiven schafft. Mit einer eigenen Wohnung und einem eigenen Mietvertrag können mit sozialarbeiterischer Unterstützung wieder Zukunftsperspektiven entwickelt werden. Grundsätzlich hat Wien dafür ideale Rahmenbedingungen. Betrachtet man aber den Wohnungsmarkt, wird leistbarer Wohnraum immer knapper. Deshalb bedarf es großer gemeinsamer Anstrengungen, diese Lebens- und Wohnqualität in Wien zu erhalten.

Elisabeth Hammer: Ich möchte das bestärken. Unsere Angebote versuchen, einen Effekt im Gesamtsystem zu erzielen. Wenn durch neunerhaus Housing First Menschen wieder in eine eigene Wohnung vermittelt werden oder das Konzept vom neunerhaus Hagenmüllergasse zusätzliche Betreuungsangebote für Menschen mit Beeinträchtigungen vorsieht, ist das ein Best-Practice-Beispiel im Sozialsystem. Mit unserem interdisziplinären Zugang im neunerhaus Gesundheitszentrum setzen wir aber auch Impulse für das Gesundheitssystem. Im Bereich der medizinischen Versorgung sind wir Vorreiter in allen Diskussionen rund um das Thema Primärversorgung.

 

Zum Schluss werfen wir einen Blick zurück: Was waren aus Ihrer persönlichen Sicht Highlights im Jahr 2018?

Daniela Unterholzner: Mein Highlight sind ganz klar die Menschen und Geschichten, die sich im neunerhaus Café treffen. 2018 haben wir das Café mit dem Anspruch eröffnet, einen Raum zu schaffen, in dem wir alle ein bisschen enger zusammenrücken. Hier sind wir alle gleich und können unseren Claim „du bist wichtig“ wirklich leben. Ich freue mich zu sehen, dass wir auf der einen Seite gastronomisch nachhaltig sind, mit Biolebensmitteln kochen und für jeden Menschen ein gesundes und gutes Essen zaubern, weil es ein Teil der Gesundheitsvorsorge ist. Auf der anderen Seite gelingt es unseren SozialarbeiterInnen vor Ort, ganz niederschwellig mit den Menschen in Kontakt zu treten, um zu unterstützen, zu informieren oder, als ersten Schritt, einfach zwanglos zu plaudern. Möglich wird das alles auch durch unsere engagierten KooperationspartnerInnen und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Mittlerweile kommen sogar Studierende, um im Café zu arbeiten. Das neunerhaus Café ist damit ein Ort der Begegnung, zum gemeinsamen Diskutieren oder Pausemachen. Hier wird Normalität gelebt.

Elisabeth Hammer: 2018 haben wir das erste Jahr des neunerhaus Gesundheitszentrums gefeiert. Das war ein wesentlicher Meilenstein, der uns gezeigt hat, dass wir mit diesem Angebot auf dem richtigen Weg sind. Mittlerweile gibt es zwei diplomierte Gesundheits- und KrankenpflegerInnen, weil wir wissen, wie wichtig das Thema Wundversorgung für Menschen auf der Straße ist. Es ist beeindruckend zu sehen, dass Menschen mit schwierigen Rahmenbedingungen im Alltag ihre persönliche Situation so wichtig nehmen, dass sie es schaffen, zwei Mal pro Woche einen Termin bei der Pflegekraft wahrzunehmen. Ein anderes Highlight sind die vielen großartigen Persönlichkeiten bei neunerhaus. Da ist eine Community am Werk, die eine gemeinsame Zielorientierung hat und daran arbeitet, die Welt ein Stück besser zu machen. Das zeigt sich in der konkreten Arbeit im Alltag und darauf sind wir als Geschäftsführung stolz.

 

Zu den Personen

Elisabeth Hammer ist Sozialwissenschaftlerin und Sozialarbeiterin. Seit über zehn Jahren gestaltet sie neunerhaus mit: zuvor als fachliche Leitung, seit 2017 als Geschäftsführerin.

Daniela Unterholzner ist Marketing-Expertin und war zuvor im Bereich Kulturmanagement und Erwachsenenbildung tätig. Ab 2016 baute sie die Stabstelle Projektentwicklung bei neunerhaus auf, 2017 wechselte sie in die Geschäftsführung.

 

Dieses Interview erschien erstmals im neunerhaus Jahresbericht 2018.

  

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neunerhaus Geschäftsführung
links: Daniela Unterholzner, rechts: Elisabeth Hammer, Foto: Christoph Liebentritt