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»Wir möchten hier nimmer ausziehen«

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Übers Zusammenhalten: Im neunerhaus Kudlichgasse können Menschen nach Jahren auf der Straße ankommen.

Seit bald 15 Jahren gibt es im 10. Wiener Gemeindebezirk ein ganz besonderes Haus: das neunerhaus Kudlichgasse. Es bietet seinen BewohnerInnen, ehemals obdachlosen Menschen, Wohnen so normal und so lange wie möglich. Eva-Maria Bauer hat sich angesehen, wie das Zusammenleben funktioniert.

Fast könnte man am neunerhaus Kudlichgasse vorübergehen, denn auf den ersten Blick sieht es aus wie ein ganz normaler Gemeindebau. Fensterbänke  mit Blumentrögen, Postkästen, Stiegenhaus,  Lift, Waschküche. Die „Hausgemeinschaft“ hier verbindet allerdings etwas ganz Besonderes: Alle BewohnerInnen haben nicht nur eine neue Wohnung gefunden, für viele sind es die ersten  eigenen vier Wände – mit eigenem Schlüssel  und Privatsphäre – nach mitunter vielen Jahren auf der Straße, auf Couchen bei FreundInnen und Bekannten oder in Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe. Die Männer und Frauen, die hier eine Bleibe gefunden haben, sind meist schon älter. „Es ist ein sehr ruhiges Haus. Das spürt man, wenn man hereinkommt. Die Menschen,  die zu uns kommen, haben schon viel erlebt und einen großen Rucksack mit sich. Sie wollen hier zur Ruhe kommen. Wir bieten ihnen  ein neues Zuhause, wo sie sich wohlfühlen  können, egal ob ihnen der Sinn nach Ansprache  und Austausch oder vorerst nach Rückzug und Stille ist“, so Barbara Klaar, Leitung neunerhaus  Kudlichgasse. So wie etwa Frau K., die mit ihrer vierjährigen Katze als Mitbewohnerin hier lebt. Obwohl sie ein Leben lang in der Gastronomie gearbeitet hat, verlor sie vor mehr als zehn Jahren ihre Wohnung. Dann folgte ein langer Weg durch verschiedene  Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Bis sie vor 18 Monaten endlich im neunerhaus Kudlichgasse ankam. Hier gehen sie und  ihre Katze Gina nicht mehr weg: „I hab sie, seit sie sieben Wochen ist. Ohne sie könnt i gar ned.“

Das neunerhaus Kudlichgasse  besteht aus 51 Wohnungen, davon 43 Einzel- und 8 Paarwohnungen. Verteilt auf sieben Stockwerke wohnen hier ehemals wohnungslose  Menschen, die Unterstützung im Alltag benötigen. Seit 2007 gibt es das Wohnhaus im zehnten Bezirk. Einige BewohnerInnen sind von Anfang an dabei. 

„Wir sind eine Riesen-WG“, lacht Nicole Pastyrik, seit 2018  als AWA – Assistenz Wohnen und  Alltag – im neunerhaus Kudlichgasse tätig. „Es gibt einen starken Zusammenhalt im Haus, das spürt  man. Wenn du jemanden brauchst,  ist jemand da. Da ist zum einen unser Team, aber auch die BewohnerInnen passen aufeinander auf.“ So kann es schon einmal passieren,  dass große Sorge entsteht, wenn man einen Nachbar oder eine Nachbarin einen Tag lang nicht sieht: „Wo ist er?“ „Geht es ihr gut?“ „Ich hab ihm ein Sackerl vor die Tür gehängt das hängt immer noch dort.“ Über die Jahre haben sich hier Freundschaften gebildet, die schon lange halten. Die BewohnerInnen genießen die Ruhe und Routinen im Haus, Bekanntes und Bekannte, auf die sie sich verlassen können. Denn viele von ihnen haben ein unruhiges Leben auf der Straße oder ohne festen Wohnplatz hinter sich.

Wohnen im neunerhaus Kudlichgasse bedeutet: Wohnen so lange man möchte. „Es gibt keine Befristung, du kannst hier Wurzeln schlagen“, so Nicole. Für viele BewohnerInnen sei das neunerhaus Kudlichgasse ein lebenswichtiger Anker: die eigenen vier Wände, ein eigener Wohnungsschlüssel, mit dem die Türe jederzeit auf, aber auch wieder hinter sich zugesperrt werden kann. „In meiner Arbeit mag ich es sehr, zu beobachten und zu spüren, wann Bewohner- Innen angekommen sind. Es ist schön, diese Reise zu begleiten. Die Person fühlt sich wohl, kommt, wenn sie etwas braucht.“

Frau P. hat sich, wie auch Frau K., bereits gut eingelebt, beide sind vergleichsweise noch relativ „neu“ hier und wohnen seit ungefähr eineinhalb Jahren im neunerhaus Kudlichgasse. „Wir sind die Küken da herinnen“, schmunzelt Frau P. Die beiden haben sich hier kennengelernt, mittlerweile ist eine dicke Freundschaft entstanden – mit ein klein wenig Hilfe: „Nicole hat Herzblatt gespielt und uns beide quasi verkuppelt“, erinnert sich Frau K. Seitdem sind die beiden unzertrennlich, besuchen sich gegenseitig in ihren Wohnungen, schauen sich gemeinsam Tierdokus an, spielen Würfelpoker, machen Ausflüge und gehen gemeinsam einkaufen. Meist leistet ihnen Katze Gina Gesellschaft. „Es ist schön hier, man kommt nach Hause. Von Nicole habe ich zum Einzug Schokolade und eine Karte bekommen – die Karte habe ich immer noch“, erinnert sich Frau K. an ihren Einzug. „Wir fühlen uns wohl, I möcht nimmer ausziehen“, pflichtet Frau P. ihrer Freundin bei und streichelt Katze Gina. Neben Haustieren ist in der Kudlichgasse wie in allen neunerhaus Wohnhäusern auch Besuch mit Übernachtung erlaubt. Beide Frauen werden regelmäßig von ihren Familien besucht. „Ich habe drei Enkelkinder“, erzählt Frau K. stolz, „die sehe ich regelmäßig.“

Betreuung und Abwechslung.

Im neunerhaus Kudlichgasse finden die BewohnerInnen Hilfe und Unterstützung im Alltag – immer auf Augenhöhe. Ein Team aus zwei SozialarbeiterInnen, vier AssistentInnen für Wohnen und Alltag und einer Peer-Mitarbeiterin ist unter der Woche immer für sie da. Zudem haben neunerhaus Mobile ÄrztInnen sowie PsychologInnen zu fixen Zeiten ihre Sprechstunden im Haus und begleiten durch Krisen und herausfordernde Lebensumstände. Darüber hinaus bietet das Haus, sofern gewünscht, genügend Gelegenheit für Kennenlernen, Austausch und Zusammenkunft unter den BewohnerInnen: Neben gemeinsamen Aufenthaltsräumen in jedem Stockwerk gibt es das „Beisl“ als Treffpunkt – mit dem gemütlichen Innenhof, bunt und liebevoll von den BewohnerInnen gestaltet. In der von Nicole geleiteten wöchentlichen Kreativgruppe ist zum Beispiel gerade Stricken angesagt. „Wir verpassen dem Baum im Hof ein neues Gewand – in neon-pink und neon-grün“, verrät Nicole. Und auch die Eule, die den Baum im Hof ziert, soll ein neues „Hauberl“ bekommen – für den Winter. Auch in der kälteren Jahreszeit sorgt das hauseigene Angebot an gemeinsamen Ausflügen für Abwechslung: Am Programm stehen zum Beispiel Tierpark Herberstein, Tiergarten Schönbrunn, oder Haus des Meeres. „Auf das freuen wir uns ganz besonders“, sagt Frau K. „Ja, auf die Haie!“ ergänzt Frau P.

Die BewohnerInnen im neunerhaus Kudlichgasse halten zusammen und bilden eine starke Gemeinschaft, was aber gleichzeitig bedeutet, dass man sich auch gegenseitig freundlich, aber bestimmt um Rücksicht bittet und auch einmal auf die Nachtruhe hinweist. Wenn ein Nachbar um 23 Uhr abends die E-Gitarre anwirft, wird er von Frau P. freundlich auf die Uhrzeit hingewiesen. „Sag einmal, weißt du wie spät es ist? Des geht jetzt ned.“ Auch das gehört schließlich zum Leben in einer „WG“.

 

Wohnen bei neunerhaus

Wenn neunerhaus von Wohnen spricht, ist nicht nur eine Unterkunft gemeint. Hier geht es um Privatsphäre, um den eigenen Schlüssel, um gute Wohnstandards, um die Möglichkeit, Besuche zu empfangen und Tiere zu halten. In allen Angeboten gilt: So viel Selbstbestimmung wie möglich, so viel sozialarbeiterische Betreuung wie nötig und gewünscht.

In den Konzepten der drei Wohnhäuser neunerhaus Hagenmüllergasse, Billrothstraße und Kudlichgasse ist kein Platz für Heim-Atmosphäre oder Regelungen wie An- und Abmeldepflicht, die für viele Menschen bevormundend wirken. neunerhaus bietet nicht nur vier Wände und ein Dach über dem Kopf, sondern ein Zuhause. Bei aller Selbstbestimmung sind die BewohnerInnen dennoch nicht auf sich alleine gestellt – und genau dieses Erleben von Verankerung, Gemeinschaftlichkeit und Unterstützung vor Ort ist zentral. Egal, ob es um Behördenwege geht oder darum, dass die Einsamkeit zuschlägt: Wer seine Tür aufmacht, findet jemanden, der da ist.

SozialarbeiterInnen und WohnassistentInnen stellen das soziale Miteinander in den Vordergrund. Die Berufsgruppe „Assistenz Wohnen und Alltag“ sowie die Peer-MitarbeiterInnen unterstützen mit Besorgungen, sozialpädagogisch orientierten Angeboten oder Bewegung im Freien. neunerhaus Mobile ÄrztInnen, sowie ein Angebot an PsychiaterInnen, die für die BewohnerInnen vor Ort da sind, ergänzen das Angebot.

 

Jeder Mensch hat das Recht auf ein Zuhause!

Die eigenen vier Wände sind der erste Schritt auf dem Weg aus der Obdachlosigkeit. Ihre Spende hilft ehemals obdach- oder wohnungslosen Menschen ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Zuhause zu ermöglichen. Bitte spenden auch Sie: neunerhaus Spendenkonto: AT25 3200 0000 0592 9922

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