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»Wir sitzen im goldenen Käfig«

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Alle Menschen sollen verstehen, wie wichtig ein Sozialstaat ist, sagt Künstler Clemens Wolf. Er spendet seit Jahren Werke an die Kunstauktion.

Daniela Unterholzner: Bereits seit neun Jahren spenden Sie jedes Jahr ein Werk für die neunerhaus Kunstauktion, deren Erlös in unsere Arbeit für obdachlose Menschen fließt. Was motiviert Sie, sich sozial zu engagieren?
Clemens Wolf:
Ich unterstütze neunerhaus, weil ich glaube, dass es oft schneller gehen kann als man glaubt. Es ist schön, mit den Mitteln, die man hat, etwas bewirken zu können. Mit der Spende eines Werks einem Dritten eine Freude zu machen und die Arbeit von neunerhaus zu unterstützen – das ist eine gute Sache. Außerdem gefällt mir an solchen Auktionen, dass sie Leute aus einer anderen Motivation für Kunst begeistern.


Unterholzner: Ein Hauptmotiv Ihrer Arbeiten sind Zäune. Was fasziniert Sie daran?
Wolf: Der rote Faden in meiner Arbeit ist das Vergängliche, das Morbide. Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich Wiener bin. Schön und hässlich liegt hier nahe beieinander. Am Anfang waren vor allem Bauruinen, Leerstände, so genannte „Unorte“ mein Thema. Der nächste Schritt waren dann Zäune und Absperrgitter, die mich von diesen Orten trennen. Zäune sind aber nicht wirklich eine physische Barriere, sondern eine visuelle.

 

„Alle Menschen sollten verstehen, wie wichtig ein Sozialstaat ist.“

 

 

Unterholzner: Das heißt, Barrieren sind überwindbar? Ich sehe raus und rein?
Wolf: Ich könnte auch eine Mauer bauen, dann sieht man nicht durch. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto größer wurde für mich der gesellschaftspolitische Aspekt. Also alles rund um das Stichwort soziale Ausgrenzung. Je nachdem auf welcher Seite des Zauns man steht, stellen sich unterschiedliche Fragen. Was heißt es, alle Möglichkeiten zu sehen, sie aber nicht nutzen zu können? Und umgekehrt: alle Möglichkeiten zu haben, sie aber nicht zu nutzen? Daraus ist eine Arbeit von mir entstanden, der goldene Basketballkäfig. Die Versinnbildlichung der Frage, was wir in der
behüteten Gesellschaft, in der viele von uns in Österreich leben, aus unseren Möglichkeiten machen. Wir sitzen quasi in einem goldenen Käfig.


Unterholzner: In unserer Gesellschaft gibt es viele unsichtbare Zäune, gerade auch in den Köpfen. Wäre es nicht schön, sie alle mal golden zu lackieren, und sie dadurch sichtbar zu machen? Sie nehmen sich in ihrer Arbeit wichtigen Themen unserer Zeit an. Glauben Sie, es kommt bei den Menschen an, was Sie sagen wollen?
Wolf: Ich versuche, meine Arbeiten so zu präsentieren, dass sich die Menschen selber Fragen stellen müssen. Weder im Titel noch in der Oberfläche gebe ich die gesellschaftliche Dimension preis. Aber im Bewusstsein möchte ich eine Reaktion auslösen. Ich will nicht verlangen, dass jemand sein Leben ändert, es soll aber ein erster Schritt sein. Die Selbsterfahrung halte ich für viel wichtiger als eine wortgewaltige Erklärung.


Unterholzner: Was braucht es in unserer Gesellschaft, um ein Bewusstsein für Armut und Ausgrenzung zu schaffen?
Wolf: Wichtig wäre ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie es woanders auf der Welt aussieht. Ich glaube wie gesagt, dass wir in Österreich in einem goldenen Käfig sitzen, mit vielen Möglichkeiten und Auffangnetzen. Das gibt es in anderen Ländern nicht. Vielleicht müssen nicht alle Menschen verstehen, was Armut heißt. Umso mehr sollten alle verstehen, wie wichtig ein Sozialstaat ist. Und gerne Steuern dafür zahlen, dass es diese Netze gibt.

 

Zur Person

Clemens Wolf (geb.1981) machte seine ersten künstlerischen Erfahrungen als Graffiti-Sprayer. Nach dem Studium der Malerei an der Kunstuniversität Linz und Auslandsaufenthalten in den USA und den Niederlanden lebt er heute wieder in Wien. In vielen Bildern, Skulpturen und Installationen beschäftigt er sich mit der Ästhetik des Verfalls.

 

Fotos: (c) Michael Giefing

 
  

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