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Wohnen für alle: Mehr als ein Dach über dem Kopf

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Wie haben neunerhaus BewohnerInnen und MitarbeiterInnen der Wohnangebote das Krisenjahr 2020 erlebt? Eine Rückschau mit Ausblick.

„Als ich im neunerhaus Hagenmüllergasse eingezogen bin, habe ich die Tür hinter mir zugemacht und einfach nur geheult. Ich konnte in meiner eigenen Wohnung hinter mir zusperren! Ich konnte kommen und gehen, wann ich wollte. Ich konnte wieder selbst entscheiden. Mit dem Wissen, dass jemand hinter mir steht, im Fall der Fälle. Ich habe mich nach langer Zeit wieder richtig zuhause gefühlt. Dieses Gefühl, das kann man nicht beschreiben. Das muss man erlebt haben, um es zu verstehen.“

 

Wohnen. Ein eigener Schlüssel. Zuhause sein.

Was für Helmut B. nach einer langen Phase der Obdachlosigkeit ein unbeschreibliches Gefühl des Glücks und der Erleichterung war, ist für die meisten Menschen Normalzustand.

Wohnen ist die Grundvoraussetzung für alles, was darauf aufbaut – Familie, Arbeit, Freizeit. Wohnen ist etwas, das wir voraussetzen und das zum Leben dazu gehört. Die Ableitung daraus: Wer nicht wohnt, gehört nicht dazu. Die Selbstverständlichkeit des Wohnens ist tief in uns verankert. Erst Tage nach Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 wurden vereinzelt Stimmen laut: Was machen eigentlich jene, die nicht zuhause bleiben können?

Wohnen so normal wie möglich: Dieser Grundsatz steht für die Überzeugung von neunerhaus, dass das Recht auf Wohnen nur in Kombination mit Menschenwürde realisierbar ist. Von der Gründung der Organisation vor 22 Jahren bis heute ist klar: Wenn neunerhaus von Wohnen spricht, ist nicht Verwahrung gemeint. Hier geht es um Privatsphäre, um den eigenen Schlüssel, um gute Wohnstandards, um die Möglichkeit, Besuche zu empfangen, Tiere zu halten und für sich selbst kochen zu können. In allen Angeboten gilt: So viel Selbstbestimmung wie möglich, so viel sozialarbeiterische Betreuung wie nötig und gewünscht. Das hieß 2020 für 345 Menschen eine eigene Wohnung mit mobiler Betreuung nach dem international erfolgreichen Housing First-Modell.

Selbstbestimmt, aber nicht alleine

Auch in den Konzepten der drei Wohnhäuser neunerhaus Hagenmüllergasse, Billrothstraße und Kudlichgasse ist kein Platz für Heim-Atmosphäre oder bevormundende Regelungen wie An- und Abmeldepflicht. neunerhaus bietet nicht nur vier Wände und ein Dach über dem Kopf, sondern ein Zuhause. Bei aller Selbstbestimmung sind die BewohnerInnen dennoch nicht auf sich alleine gestellt – und genau dieses Erleben von Verankerung, Gemeinschaftlichkeit und Unterstützung vor Ort ist zentral. Egal, ob es um Behördenwege geht oder darum, dass die Einsamkeit zuschlägt: Wer seine Tür aufmacht, findet jemanden, der da ist.

Das vergangene Jahr hat gezeigt, wie notwendig diese Sicherheit für die Menschen ist, die in den Wohnhäusern leben. Externe psychologische und psychiatrische Angebote wurden eingeschränkt oder phasenweise ausgesetzt, genauso wie tagesstrukturierende Aktivitäten und das gemeinschaftliche Miteinander innerhalb der Häuser phasenweise nur schwer möglich waren. Viele BewohnerInnen gehören aufgrund von Vorerkrankungen oder hohem Alter zur Risikogruppe und waren daher in ihrer Freiheit besonders eingeschränkt. Je länger die Situation andauerte, desto mehr verstärkten sich psychische Belastungen unter den BewohnerInnen.

Gemeinsam gegen die Isolation

Hier zeigte sich einmal mehr, wie wertvoll die starke Interdisziplinarität bei neunerhaus ist. SozialarbeiterInnen und WohnassistentInnen stellten das soziale Miteinander und die emotionale Nähe zu den BewohnerInnen in den Vordergrund – Physical Distancing, nicht Social Distancing. Die Berufsgruppe „Assistenz Wohnen und Alltag“ sowie die Peer-MitarbeiterInnen unterstützten mit Besorgungen, sozialpädagogischen Angeboten oder Bewegung im Freien. Eine weitere zentrale Ressource zur psychosozialen Entlastung waren die neunerhaus Mobilen ÄrztInnen, die auch während der Lockdowns für die BewohnerInnen vor Ort ansprechbar waren. So konnten die Teams der Wohnhäuser Rückzug, Selbstisolation und seelischer Erschöpfung mit regelmäßigem Kontakt, achtsamem Umgang und kreativen Alternativen für weggefallene Angebote entgegenwirken.

Wohnungslosigkeit ist kein Randthema mehr

Das Jahr 2020 hat uns alle gemeinsam gefordert – nicht nur bei neunerhaus, auch gesamtgesellschaftlich. Die Pandemie treibt viele Menschen, die sich bisher zur Mittelschicht zählten, an die Armutsgrenze. Worauf neunerhaus seit Jahren aufmerksam macht, stimmt mehr denn je: Wohnungslosigkeit ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Und sie betrifft viele. 22.038 Menschen waren laut Statistik Austria 2019 als wohnungslos registriert, davon 12.593 in Wien. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe prognostiziert, dass diese Zahl in den Jahren nach der Pandemie genau wie nach der Finanzkrise 2008 deutlich ansteigen wird.

Das sogenannte Krisenjahr hatte aber auch eine Besonderheit, die wir uns gerade jetzt noch mehr vor Augen führen müssen. Es rückte die Bedeutung des eigenen Wohnraums als Lebensgrundlage auf drastische Weise in den Vordergrund. Nicht nur – wie in jedem Jahr davor – für Menschen, die keinen eigenen Wohnraum haben, sondern für ausnahmslos alle. Das vergangene Jahr machte zudem für alle erlebbar, was für wohnungs- und obdachlose Menschen durch soziale Ausgrenzung oft Dauerzustand ist: Das Fehlen sozialer Netzwerke und emotionaler Nähe nagt an der Psyche.

Nun kommt es darauf an, was wir aus diesen gemeinsamen Erfahrungen machen. Für neunerhaus ist klar: Wir begreifen sie als Chance. Wir unterscheiden nicht zwischen jenen, die wohnen, und jenen, die nicht wohnen. Wir setzen uns mehr denn je dafür ein, dass Wohnen für alle möglich wird.

 

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neunerhaus Hagenmüllergasse Paarwohnung
Wohnung in einem neunerhaus Wohnhaus. Foto: (c) Johanna Rauch
neunerhaus Hagenmüllergasse Außenansicht
neunerhaus Hagenmüllergasse, 1030 Wien. Foto: (c) Johanna Rauch
Im neunerhaus Kudlichgasse, 1100 Wien. Foto: (c) Johanna Rauch
neunerhaus Billrothstraße
neunerhaus Billrothstraße, 1190 Wien. Foto: (c) Christoph Liebentritt
Housing First
Housing First: Ankommen in der eigenen Wohnung. Foto: (c) Christoph Liebentritt
Beratung bei neunerhaus Housing First. Foto: (c) Christoph Liebentritt