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Wohnungslos in der Gesundheitskrise: Corona-Maßnahmen am Prüfstand

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Obdachlose Menschen treffen Einschränkungen besonders, oft zulasten ihrer Grund- und Menschenrechte. Eine Analyse.

Zum größtmöglichen Schutz unserer Gesundheit müssen wir alle seit Monaten Einschränkungen in unsere Grundrechte hinnehmen. Was viele Menschen in der Mitte der Gesellschaft schon massiv belastet, ist für obdach- und wohnungslose Menschen oft existenzbedrohend. MitarbeiterInnen von neunerhaus haben ihre Beobachtungen und Erfahrungen während des ersten Lockdowns von März bis Mai 2020 festgehalten. In einem in der Zeitschrift juridikum erschienenem Fachartikel analysieren Barbara Unterlerchner, Sina Moussa-Lipp, Anja Christanell und Elisabeth Hammer die Auswirkungen der Einschränkungen auf obdach- und wohnungslose Menschen.

Die Expertinnen sind sich einig: Ungleichheiten, Ausschlüsse und Versorgungslücken werden in der Krise wie durch eine Lupe verstärkt sichtbar. Sie weisen auf Probleme bei der Sicherung von Grund- und Menschenrechten hin, mit denen wohnungslose und armutsbetroffene Menschen konfrontiert waren. Die Lücken in der Versorgung zeigen auf, wo Stadt- und Bundesregierung noch dringenden Handlungsbedarf haben.

 

1. Recht auf Information

Pressekonferenzen im Tagesrhythmus, neue Gesetze im Eilverfahren, dazu Hygiene- und Schutzmaßnahmen. Wer nicht am Ball bleiben kann, dem entgeht Lebensnotwendiges. Schließungen von Beratungsstellen, hochschwellige Informationspolitik und Sprachbarrieren bei der Corona-Hotline sind nur drei Beispiele, wie Lockdown-Maßnahmen das Recht auf Information für vulnerable Gruppen beschränken.

2. Recht auf Gesundheit

Stigmatisierung und fehlende Versicherung machen den Zugang zu medizinischer Versorgung für Betroffene ohnehin schon schwer. Immer mehr PatientInnen erreichten das neunerhaus Gesundheitszentrum im vergangenen Jahr mit schweren psychischen und körperlichen Belastungen: Eine besondere Einschränkung des Rechts auf adäquate gesundheitliche Versorgung für alle.

3. Recht auf Ernährung

Viele obdachlose Menschen leben von der Hand zum Mund. Erwerbsmöglichkeiten wie etwa der Verkauf von Straßenzeitungen fielen durch Ausgangsbeschränkungen weg. Die Folge: Viele kamen vom Hunger geschwächt ins neunerhaus  Gesundheitszentrum. Zu Zeiten des harten Lockdowns kam Österreich so der Pflicht, allen Menschen die Möglichkeit zur Ernährung zu gewährleisten, nicht vollständig nach.

4. Recht auf Wohnen

Auf überfüllte Nachtquartiere reagierte die Stadt Wien schnell, indem Winterquartiere bis August auch tagsüber geöffnet blieben. Recht auf Wohnen bedeutet aber mehr, als bloß ein Dach über dem Kopf zu haben. Das Recht eines jeden Menschen, in Sicherheit, Frieden und Würde zu leben, ist mit einem Daueraufenthalt im Notquartier nicht erfüllt.

 

Fachartikel lesen

Wohnungslos während Corona: Auswirkungen der Grundrechtseinschränkungen auf das Leben von obdach- und wohnungslosen Menschen während der COVID-19-Pandemie in Wien

Barbara Unterlerchner / Sina Moussa-Lipp / Anja Christanell / Elisabeth Hammer

Der Artikel wurde in der Zeitschrift Juridikum nr. 3/2020, S.395-406, (c) 2020 Verlag Österreich veröffentlicht.

 

 

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