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»Wohnungslosigkeit gefährdet die Gesundheit«

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Während sich das Krisenmanagement an der Norm orientiert, wurden die Lebensumstände wohnungsloser Menschen kaum berücksichtigt, sagt Elisabeth Hammer.

Dieses Interview erschien erstmals im Magazin AK Stadt, Nr. 4/2020

Wie stark sind Menschen, die bereits wohnungslos sind, von Corona betroffen?

Wohnungslose gehören zu einer besonders vulnerablen Gruppe. Unabhängig von Corona hat ein Mann, der in seinem Leben von Obdachlosigkeit betroffen ist, ein Risiko, 20 Jahre früher als der Durchschnitt zu sterben. Wohnungslosigkeit ist allgemein eine Gesundheitsgefährdung und natürlich ist die Pandemie eine doppelte Belastung. Es ist schwieriger geworden, sich einen Schlafplatz oder regelmäßig Essen zu organisieren.

Gibt es generell einen größeren Andrang bei Notschlafstellen?

Die Wiener Wohnungslosenhilfe hat im Zuge der Pandemie die Hilfsangebote noch aufgestockt. Auch neunerhaus hat während der Krise alle Angebote offen gehalten – unser Gesundheitszentrum war dabei besonders wichtig. Außerdem haben es die Wiener Sozialorganisationen gemeinsam mit dem Fonds Soziales Wien (FSW) geschafft, die Winterquartiere 24 Stunden sieben Tage pro Woche lang offen zu halten.

Wie wirkt sich Corona generell auf die Wohnungslosigkeit aus?

Die ExpertInnen, die sich rund um die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslose (BAWO) organisieren, gehen davon aus, dass die Mietzinsrückstände in Wien bis zum Jahresende im Vergleich zum Vorjahr um mindesten 20 Prozent ansteigen. Delogierungen werden sich nächstes Jahr geschätzt mehr als verdoppeln. Wenn wir uns an die Finanzkrise 2008 erinnern, dann wissen wir von damals, dass in den darauffolgenden fünf Jahren die Zahl obdachloser Menschen um ein Drittel gestiegen ist.

Was muss die Politik tun?

Ein dauerhaftes Mietverhältnis bedeutet, eine unbefristete Wohnperspektive zu haben. Das ist wichtig, um Stabilität zu erfahren und Herausforderungen und Krisen zu meistern. Deshalb ist „die eigene Wohnung zuerst“ der Ansatz des Erfolgsmodells „Housing First“, den neunerhaus 2012 nach Wien gebracht hat.

Gleichzeitig ist die eigene Wohnung Ausgangspunkt, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sich in das Umfeld zu integrieren. Dabei sind der Bund und die Stadt Wien gefordert, mehr zu tun. Um Delogierungen abzuwenden, die durch die Covid-Krise verursacht sind, werden 2021 geschätzt 20 Mio Euro benötigt. Für Menschen, die bereits wohnungslos sind, sollte es für Wien doch möglich sein, wo mehr als 60 Prozent in geförderten Wohnungen leben, etwa 10.000 leistbare Wohnungen, gemäß den Forderungen der BAWO, zu schaffen.

Elisabeth Hammer ist Obfrau der BAWO (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe) und Geschäftsführerin von neunerhaus.

 

 

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Foto: (c) Christoph Liebentritt