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Wolf Haas: »Angst haben wir alle«

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Autor Wolf Haas im Gespräch mit Geschäftsführerin Daniela Unterholzner.

Daniela Unterholzner: Sie haben für neunerhaus eine Kampagne entworfen, mit der Botschaft: Jeden kann es einmal auf die Schnauze hauen. Hat es Wolf Haas schon mal auf die Schnauze gehaut?

Wolf Haas: Ich komme aus einem Skidorf, wo es einen im Wortsinn auf die Schnauze hauen kann. Ich habe mir vier Mal das Bein gebrochen. Im übertragenen Sinn hat es mich unendlich oft auf die Schnauze gehaut mit meinen Versuchen, Schriftsteller zu werden. Ich habe mit 18 Jahren zum ersten Mal ein Manuskript an einen Verlag geschickt und dann jedes Jahr wieder. Mit 36 Jahren hat endlich einer angebissen – da waren viele Niederlagen dazwischen.

Unterholzner: Wie sind Sie damit umgegangen?

Haas: Ich hab‘ immer wieder aufgegeben und dann wieder angefangen. Irgendwann hat es mir gereicht und ich wollte den Plan, Schriftsteller zu werden, ad acta legen. Dadurch hab ich nur noch zum Spaß geschrieben – und das war dann der erste Brenner-Roman.

Unterholzner: Davor haben Sie jahrelang in der Werbung gearbeitet. War das auch eine Motivation für die Kampagne? Fehlt Ihnen das?

Haas: Fehlen nicht wirklich, da Werbung machen mühsam ist, vor allem die 20 Hierarchieebenen über einem. Das Ausdenken ist lustig. Auch die Beschränkung der Mittel hat ihren Reiz. Ein Spot darf nur eine bestimmte Länge haben, ebenso wie eine Headline. Ich bin überhaupt ein Anhänger der Reduktion. Ich mag auch keine überbordenden Romane, keine üppigen Bilder.

Unterholzner: Die Kampagne hat Humor, obwohl das Thema Wohnungslosigkeit ein ernstes und schmerzvolles ist. Warum dieser Ansatz?

Haas: In meiner Zeit als Werbetexter hab‘ ich gelernt, dass es für eine Kampagne eine präzise Idee braucht, was man sagen will. Und man braucht einen Satz, der das Zeug hat, zu einem Alltagszitat zu werden. Das klingt einfacher, als es ist, aber oft genug gelingt es überhaupt nicht. Bei dem Satz „Jeden kann es einmal auf die Schnauze hauen“ wusste ich sofort, dass es so ein „Sager“ ist, der reingeht. Josef Perndl und ich sind dann beide rot geworden, als wir beschlossen haben, das Ganze mit Hunden umzusetzen. Werbung mit Kleinkindern, Katzen oder Hunden ist eigentlich tabu unter Werbern, die etwas auf sich halten. Darum haben wir gesagt, wenn man das auf eine witzige Art überhöht, dann ist es gerade richtig. Ganz ohne Humor ist Werbung ja eine traurige Angelegenheit.

Unterholzner: Ihre berühmte Figur Brenner ist im letzten Roman de facto obdachlos. Was interessiert Sie an dem Thema?

Haas: Der feste Wohnsitz fasziniert mich, weil er so ambivalent ist. Er ist mit einer existenziellen Lebensbedrohung verquickt, weil man sehr schnell auf der Straße steht. In dem Lied, das ich für Ernst Molden geschrieben hab, kommt die Zeile vor: „I wor amol a große Nummer, dann bin i langsam obegschwumma.“ Vor diesem Abstieg haben wir alle latent Angst. Man weiß aus der Psychologie, dass gerade die Angst haben, die viel besitzen. Und umgekehrt. Vielleicht find ich das auch interessant für meine Detektivfigur, dass sie eigentlich frei ist.
 

Zur Person

Wolf Haas (geb. 1960 in Salzburg) studierte Germanistik und Linguistik und ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Krimi-Autor*innen. Neun seiner 13 Romane sind Brenner-Krimis; vier wurden mit Josef Hader in der Hauptrolle verfilmt. In seinem aktuellen Buch „Müll“ nächtigt Detektiv Brenner als „Bettgeher“ in fremden Wohnungen. 2022 konzipierte Wolf Haas mit der Agentur Büro Perndl die neue neunerhaus Spendenkampagne und übersetzte ein Lied dazu, das von Ernst Molden für einen Radiospot eingesungen wurde.

  • Dieser Beitrag erschien erstmals im Magazin neuner News, Ausgabe 48.
  • Fotos © Christoph Liebentritt

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