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Drei Jahre alt und nicht versichert

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Sind die Eltern wohnungslos, armutsgefährdet oder nicht versichert, sind es auch die Kinder. Eine Reportage aus dem neunerhaus Gesundheitszentrum.

Ein kleines Mädchen tappt mit wackligen Schritten durch die Spielecke im Wartebereich des neunerhaus Gesundheitszentrums. Neugierig nimmt es alles in die Hand, was seine Finger greifen können: Bunte Bauklötze, Malkreiden, Mamas Daumen. An diesem zieht es nun ungeduldig. Die Mutter soll mit ihm durch die Kinderecke spazieren; das kleine Mädchen passt noch zwischen die langen Erwachsenenbeine. Zehn Monate alt sei die Kleine schon, erzählt die Mutter, „aber bitte ihren Namen nicht schreiben!“ Sehr dankbar sei sie, dass sie ins neunerhaus Gesundheitszentrum kommen dürfe, denn ein „normaler“ Arztbesuch wäre unleistbar: Die 33-Jährige und ihr Mann haben ihrer Tochter nicht nur die glatten braunen Haare vererbt, sondern auch ein gesellschaftliches Stigma. Das aus Albanien stammende Paar lebt und arbeitet undokumentiert in Österreich und hat somit keine Krankenversicherung – weder für sich noch für das Kind.

Kinder im neunerhaus Gesundheitszentrum

Zehntausende Menschen in Österreich sind nicht versichert – wobei exakte Zahlen schwer zu erheben sind und sich selbst die Statistik Austria auf Schätzungen beruft. „Das betrifft auch ÖsterreicherInnen. Es braucht nicht viel für eine Lücke im Versicherungsschutz“, sagt Stephan Gremmel, ärztliche Leitung des neunerhaus Gesundheitszentrums. Beispiele sind arbeitslose Menschen, die eine Meldefrist versäumen, sowie Personen, die keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe haben. Auch arbeitslose EU-BürgerInnen, Asylwerbende ohne Grundversicherung oder Menschen, die „schwarz“ arbeiten müssen, sind betroffen. Aber auch mitversicherte PartnerInnen nach einer Scheidung oder einem Todesfall können in die Nichtversicherung schlittern. Denn es gilt auch hier: Wer keine Mindestsicherung bezieht, sich aber keine Selbstversicherung leisten kann, fällt aus dem Netz. Manche Menschen trauen sich sogar trotz ihres Anspruchs nicht,´Mindestsicherung, und damit einen Versicherungsschutz, zu beantragen. Sie haben Scham oder Angst vor Stigmatisierung durch das soziale Umfeld.

Kind beim Arzt neunerhaus

In all diesen Fällen gilt: Sind die Eltern nicht versichert, sind es auch ihre Kinder nicht. „Jeder Mensch sollte Anspruch auf adäquate medizinische Versorgung haben“, sagt Stephan Gremmel, „aber wenn Kinder oder schwangere Frauen nicht versichert sind, erschüttert es mich besonders.“ Daher sei die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen im neunerhaus Gesundheitszentrum ein großer Vorteil. „Denn ein Besuch bei uns bedeutet immer auch Beratung durch unsere SozialarbeiterInnen. Mit ihrem Wissen über das Sozialsystem helfen sie dabei, den Versicherungsstatus wieder zu erlangen und nehmen grundlegende Ängste.“

Mit Ängsten kennt sich Frau R. aus. Wir treffen sie mit ihren zwei Kindern im neunerhaus Café, das direkt an das Gesundheitszentrum angrenzt. Sie erinnert sich an eine nicht allzu weit zurückliegende Zeit. Es war 2012 und der langjährige Kampf um Asyl hatte schon die ersten seelischen Spuren bei Frau R. hinterlassen. Als ihr damals dreijähriger Sohn starke Zahnschmerzen bekam, war sie verzweifelt. „Ohne Geld und Versicherung wusste ich nicht, wie ich meinem eigenen Kind helfen kann! Es war ein schreckliches Gefühl der Ohnmacht.“ Dann empfahl man ihr die neunerhaus Zahnarztpraxis und kurz darauf saß sie nervös mit ihren Kindern im Wartebereich. Schon die erste Begegnung am Empfang ließ die Angst verfliegen: „Die Sozialarbeiterin hat erzählt, dass sie am gleichen Tag Geburtstag hat wie meine Tochter. Und beim nächsten Mal hat sie sich daran erinnert und ihr ein Überraschungs-Ei geschenkt!

Es blieb nicht bei zwei Besuchen. Schnupfen, Halsschmerzen, Ohrenweh – die Kinder waren oft krank. Auch die Eltern erhielten medizinische und sozialarbeiterische Unterstützung. „Das Reden hat sehr gut getan. Denn ich bin damals jede Nacht mit Sorgen eingeschlafen und mit Sorgen wieder aufgewacht.“ Dass in dieser schwierigen Zeit alle vier Familienmitglieder trotz fehlender Krankenversicherung bei neunerhaus willkommen waren, bedeutet Frau R. viel. „Das werde ich nie zurückgeben können.“

Kind neunerhaus Ärztin

Ein paar Türen weiter erzählt Ärztin Helga Leidenfrost im neunerhaus Gesundheitszentrum, dass es nicht allen Eltern leicht fällt, das kostenlose Angebot der medizinischen Versorgung so anzunehmen wie Frau R. „Viele schämen sich für ihre Situation, obwohl sie keine Schuld trifft.“ Das liege unter anderem am fehlenden Bewusstsein in der Gesellschaft. „Ehrlich gesagt hätte ich selbst nicht für möglich gehalten, wie viele junge Menschen in Österreich nicht versichert sind“, sagt Leidenfrost. „Aber vor allem zur Grippesaison sind Kinder in unserem Wartebereich leider ein alltäglicher Anblick. Darüber müssen wir reden.“

Fehlender Versicherungsschutz ist nur eines von vielen Problemen, die sich auf die Gesundheit auswirken. Studien zeigen, dass Armut, Wohnen und Gesundheit eng verknüpft sind. Demnach leben Kinder von MindestsicherungsbezieherInnen weit häufiger in feuchten, dunklen, verschimmelten und schlecht beheizten Wohnungen. Das kann zu chronischen Leiden führen, die es den betroffenen Kindern in älteren Jahren schwer machen, Bildung zu erwerben und Jobs zu bekommen. So werden sie oft selbst zu armutsbetroffenen Eltern.

Kind ohne Krankenversicherung

Ihren Kindern soll es einmal anders ergehen, das ist der größte Wunsch von Frau R. Sie blickt zum Nebentisch, wo die beiden mittlerweile sitzen und mit einer Sozialarbeiterin scherzen, vor ihnen liegen Schulhefte, Malstifte und Zeichnungen. Familie R. hat dank der sozialarbeiterischen Unterstützung bei neunerhaus mittlerweile eine Versicherung und kommt nur noch in ihr „zweites Zuhause“ neunerhaus, um liebgewonnene MitarbeiterInnen zu besuchen. Die Kinder selbst machen sich um ihre Zukunft jedenfalls keine Sorgen: Die Tochter hat die Hausaufgaben für heute schon erledigt und zeichnet jetzt ein Kleid, das sie zuhause nachschneidern will – Näherin und Modedesignerin wird man schließlich nicht von alleine. Ihr Bruder neben ihr malt eine Kombination aus Wasserrutsche und Achterbahn, darüber ein Peace-Zeichen. Sein Berufswunsch Polizist passt zum Bild: „Dann kann ich immer Abenteuer erleben“, sagt er, „und anderen Menschen helfen.“

 

>> Diese Reportage erschien erstmals in neuner News #35 – dem Magazin von neunerhaus.

Um Stigmatisierung zu vermeiden, hat unser Fotograf Christoph Liebentritt für diesen Beitrag Symbolfotos gemacht. Um sich trotzdem darzustellen, hat uns die Tochter von Familie R. das Bild "Ich im neunerhaus Grätzlbeet" gemalt:

Kind neunerhaus

 

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Dank Ihrer Spende erhielten 2017 im neunerhaus Gesundheitszentrum 279 Kinder und Jugendliche professionelle Hilfe. Das ist ein Anstieg um 28% in der neunerhaus Arztpraxis und sogar um 71% in der neunerhaus Zahnarztpraxis. 128 Kinder fanden mit ihren Familien dank neunerhaus wieder ein Zuhause. Bitte helfen Sie weiterhin so tatkräftig und spenden Sie jetzt.

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