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»Faul und selbst schuld?« Obdachlosigkeit und Vorurteile

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Obdachlose Menschen haben nicht nur mit ihrem Schicksal, sondern auch mit Vorurteilen zu kämpfen. Eine Suche nach Wahrheiten und Lösungen.

Josef S. dreht sich noch einmal um, bevor seine Tür ins Schloss fällt. Jetzt ist es still, nur Vogelzwitschern ist durch das geöffnete Fenster zu hören. Die eigenen vier Wände im neunerhaus Billrothstraße sind sein Rückzugsort. Er nimmt mit seinen großen Händen eine Zitrone und presst langsam den Saft aus der Frucht. Gesund sei das, murmelt der 52-Jährige. Sich wieder Gutes tun, das wolle er. „Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört zu glauben, nie in eine schwierige Situation zu kommen. Aber, dass ich einmal hier wohne, das hätte ich nie gedacht“, sagt Josef S.

Wie Josef S. geht es vielen, die Hilfe von neunerhaus in Anspruch nehmen. Sie standen fest im Leben, hatten einen Job, Freunde, manche eine Familie. Die Gründe, warum sie alles verloren, bis am Ende nur mehr ein Rucksack voll Leben übrig war, sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Trotzdem sind gerade obdachlose und wohnungslose Menschen mit Vorurteilen wie Faulheit, Abhängigkeit und BittstellerInnentum konfrontiert: Zuschreibungen negativer Eigenschaften, die einer Person auf Grund ihrer sozialen Stellung zugerechnet werden. Aber sagen Vorurteile nicht oft mehr über die Person aus, die sie hat, als über jene Person, um die es zu gehen scheint?

Wer macht das schon freiwillig?

Josef S. atmet tief durch. „Man muss sich doch nur umschauen. Hierher kommen Menschen nicht, weil es so lustig ist, sondern weil neunerhaus ihre letzte Chance ist.“ Josef S. ist behütet in einer etwa 3.000-Seelen-Gemeinde in der Steiermark aufgewachsen, die Eltern führten die Tischlerei im Ort. Für seinen Abschluss an der HTL für Innenausbau zog er nach Mödling und später zum Architekturstudium nach Wien. „Aber das Tischlern wurde mir in die Wiege gelegt“, erzählt Josef S. Er brach das Studium ab und begann abwechselnd im Betrieb der Eltern und in Wien als Tischler zu arbeiten. Maßangefertigte Hochbetten, Küchenzeilen und Waschtische aus Massivholz gehörten zu seinem Repertoire. Während dieser Zeit wohnte Josef S. als Untermieter bei einem Freund im 9. Wiener Gemeindebezirk. Doch die Aufträge wurden immer weniger und er musste auf die Mindestsicherung „aufstocken“. Die langjährige Beziehung mit seiner Freundin scheiterte, sein Alkoholkonsum stieg und schließlich wechselten die Hauseigentümer. „Damit mussten wir raus, weil wir noch einen alten Mietzins hatten“, sagt er knapp. „Für mich war das genau der falsche Zeitpunkt. Ich hätte mir beinahe einen Freiplatz unter der Reichsbrücke aussuchen können, hätte mich neunerhaus nicht in letzter Sekunde aufgefangen“, sagt Josef S.

Ein Polizist mit Schmäh als Waffe gegen Vorurteile

Dass Urteile von außen oft Projektionen der eigenen Abstiegsängste oder der eigenen Unwissenheit sind, hat Josef S. mit Anfang 20 erkennen müssen. Er ist damals durch das nächtliche Salzburg geschlendert. Auf den Pflastersteinen lag ein obdachloser Mann, sie kamen ins Gespräch. „Auf der Straße schlafen, das kann ich auch“, sagte Josef S. damals leichtfertig. „Ja, ein oder zwei Nächte, aber nach einer Woche schaut die Welt ein bisserl anders aus“, antwortete der obdachlose Mann. „Nach der Antwort bin ich innerlich etwas kleiner geworden“, erinnert sich Josef S. heute und leert seinen Zitronensaft. „Erst wer selbst in der Situation war, kann wirklich verstehen.“

Schauplatzwechsel Grätzlpolizei. Um das gegenseitige Verständnis geht es auch bei den GrätzlpolizistInnen. Mit ihnen will die Wiener Polizei ein Verbindungsglied zwischen Bevölkerung und Polizei sein, und bei Alltagsproblemen vermitteln. Christian Greiner, 38 Jahre, ist einer davon. Seit 18 Jahren ist er im Dienst, spezialisiert auf Gewalt- und Suchtprävention bei Jugendlichen, und seit zwei Jahren zusätzlich Grätzlpolizist im 22. Wiener Gemeindebezirk. Auch von neunerhaus betreute MieterInnen leben in dem ihm zugeteilten Gebiet. Wofür es die Grätzlpolizei braucht? Greiner nennt als Beispiel eine Notschlafstelle. Einige PassantInnen fühlten sich dort durch die bloße Anwesenheit obdachloser Menschen gestört und wünschten, die Unterkunft zu verlegen. „Und wo wäre es Ihnen recht?“, hatte Greiner sie zurückgefragt und an ihre Empathie appelliert. „Oft reicht ein bisserl Schmäh und ein offenes Ohr. Mein Ziel ist, dass ich mit Gesprächen aufkläre. Es ist wirklich erstaunlich, wie stark das wirkt“, sagt Greiner.

Wenn die Schwiegereltern einem nicht trauen

Die Vergangenheit hinter sich lassen können. Vorurteile führen nicht nur zu Abwertung und Ausgrenzung der vermeintlich „Anderen“, sondern auch zur Stigmatisierung des direkten Umfelds obdachloser Menschen. Boris L. und seine Freundin Claudia M. wissen das aus eigener Erfahrung. Boris L., 32, ist Bewohner des neunerhaus Billrothstraße, seine Freundin, 26, wohnt in einer Wohngemeinschaft. Für Claudia M. ist Boris L. der Mann, den sie liebt. Für Claudia M.s Familie aber ist er seine Vergangenheit: nicht vertrauenswürdig und mittellos. Boris L. hat schon als Jugendlicher ab und zu auf der Straße geschlafen. „Überall war es besser als Zuhause, wo es Streit und Schläge gab“, erinnert sich Boris L. nicht gerne zurück. Auf der Straße kam er mit Drogen in Kontakt, ließ sich zu Einbrüchen hinreißen und verbüßte dafür seine Strafe. Als er wieder auf eigenen Beinen stand und seine damalige Freundin bei ihm einzog, begannen neuerlich die Probleme. Ein Wohnungsbrand machte beide obdachlos. Ein Jahr lang lebten sie in einem Übergangswohnhaus für obdach- oder wohnungslose Menschen, bis Boris L. beschloss, sein Leben zu ändern. Er beendete seine Beziehung, zog zu seiner Großmutter und kämpfte sich aus eigener Kraft von den Drogen los, bevor er einen Wohnplatz bei neunerhaus bekam. „Der Wille ist wichtig, aber ohne Unterstützung geht es nicht“, sagt Boris L. „Meine Oma hat gestrickt und Seifenopern im Fernsehen angesehen, ich bin einfach daneben gesessen. Kurz gesagt: Sie hat mir Ruhe, Rückhalt und Bohnensuppe gegeben“, sagt Boris L. und schmunzelt.

Wie können wir Vorurteile abbauen? Drei Antworten.

Die Kraft, die er bei seiner Großmutter schöpfen konnte, ist ihm bis heute geblieben. Boris L. sitzt im Aufenthaltsraum im neunerhaus Billrothstraße, seine Finger gleiten von der zarten Hand seiner Freundin hinüber zu einigen Plastikhüllen der DVD Sammlung. Er sucht nach einem Film für einen gemeinsamen Abend. Fast jeden Tag kommt Claudia M. nach ihrer Arbeit zu ihrem Freund, um im Sommer gemeinsam Inline Skaten zu gehen, durch die Stadt zu spazieren oder gemütlich vor dem Einschlafen Filme zu schauen. „Boris ist nicht so, wie meine Familie denkt. Er ist liebevoll und ein guter Mensch“, sagt Claudia M. und drückt noch einmal seine Hand. „Ich möchte nichts Großes, nur ein normales Leben führen, eine Wohnung haben, einen Job“, sagt er und macht eine kurze Pause, „und irgendwann Kinder“. Boris L. hat ein klares Ziel vor Augen: Bald wird er mit der Unterstützung von neunerhaus wieder in eine eigene Wohnung ziehen. Dann plant er, eine Lehre zum Koch anzufangen.

Alle drei Geschichten haben etwas gemeinsam: Sie geben Antworten auf die Frage: Wie können Vorurteile abgebaut werden? „Durch Kommunikation“, meint Grätzlpolizist Greiner. „Durch mehr Aufmerksamkeit und Empathie für Andere, Hinsehen anstatt Wegsehen“, sagt Josef S. „Durch mehr Verständnis“, sagt Boris L. „Was wirklich wichtig ist zu verstehen: Ich bin genauso ein Mensch wie du, mit Problemen – vielleicht nicht mit denselben, aber mit den gleichen Wünschen und Bedürfnissen.“

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Fotos: Christoph Liebentritt

>> Dieser Kommentar erschien erstmals in neuner News #37 – dem Magazin von neunerhaus.

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"Ich möchte nur ein normales Leben führen."