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Gerti Drassl: »Vorurteile sind Teil meines Berufs«

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Schauspielerin Gerti Drassl im Gespräch mit Geschäftsführerin Daniela Unterholzner über eigene Vorurteile und wie sie abgebaut werden können.

Daniela Unterholzner: Sie haben bei einem Auftritt anlässlich des einjährigen Bestehens des neunerhaus Gesundheitszentrums die wahre Geschichte einer zweifachen Mutter ohne Krankenversicherung vorgetragen. Wie haben Sie sich als Sprecherin in eine solche Rolle hineinversetzt?

Gerti Drassl: Geholfen hat mir, dass neben mir auch eine Betroffene, Renate, ihre eigene Geschichte vorgelesen hat. Das verändert die Perspektive: Es hat mich berührt, ihre Erfahrung kennenlernen zu dürfen und nicht von mir auszugehen, wie ich mir die Situation vorstelle.

Unterholzner: Renate geht sehr offen mit ihrer früheren Obdachlosigkeit um. Sie arbeitet als Tour Guide bei Supertramps und macht Stadtführungen an Orte ihrer Obdachlosigkeit in Wien.

Drassl: Ja, sie macht kein Geheimnis aus der schwierigsten Zeit ihres Lebens und gerade dadurch wird ihre Situation irgendwie lösbar, weil sie erfahrbar wird. Durch ihre Offenheit können sich auch andere mit ihrer Geschichte auseinandersetzen und sich in sie hineinversetzen. Das öffnet Türen.

Unterholzner: KlientInnen von neunerhaus werden immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. Haben Sie sich selbst schon einmal bei einem Vorurteil ertappt?

Drassl: Ständig. Das ist Teil meines Berufs. Als ich meine Rolle für die Vorstadtweiber das erste Mal gelesen habe, fand ich die Frau, die ich spielen sollte, sehr oberflächlich. Erst, als ich sie und ihre Situation besser kennenlernte, verstand ich: Es liegt nicht an der Figur, sondern an mir und meinem Vorurteil.

Unterholzner: Zu verstehen, warum jemand etwas tut, die Motivation und die Lebensumstände, ist also ein erster Schritt um Vorurteile abzubauen?

Drassl: Absolut. Ich versuche, zu verstehen, was die Hintergründe für bestimmte Handlungen sein könnten. Dafür ist zuhören wichtig. Ich glaube, das ist es, was wir alle wollen: verstanden werden. Das ist ein menschliches Grundbedürfnis.

Unterholzner: Ich denke auch: In unseren Grundbedürfnissen sind wir alle gleich, egal ob es um Liebe, Schmerz oder darum geht, dass jemand an einen glaubt. Sie engagieren sich beim Thema Arbeitslosigkeit. Warum?

Drassl: Auch mein erstes Mal beim AMS war ein einschneidendes Erlebnis in meinem Leben. Ich hatte wahnsinnige Schuldgefühle, dort zu sein und dachte aus einem falschen Selbstwertgefühl heraus, dass ich mehr wert wäre als andere, nur weil ich gerade noch gearbeitet habe. Im Warteraum saß ich dann zwischen einem jungen Mann und einer Mutter mit Kindern und habe verstanden, dass wir dort alle gleich sind. Nämlich arbeits„suchend“ und nicht „arbeitslos“ – ein wichtiger Unterschied, auf den ich von meiner AMS-Beraterin hingewiesen wurde. Das war eine wichtige Lektion in meinem Leben. Schon die Begrifflichkeit kann den entscheidenden Unterschied im Denken machen.

Unterholzner: Sie unterstützen neunerhaus. Was war für Sie der ausschlaggebende Grund?

Drassl: Mir gefällt der positive, lösungsorientierte Zugang. Wenn ich ins neunerhaus Café komme, habe ich das Gefühl, ich muss mich nicht entschuldigen, ich kann einfach sein. Hilfe muss Austausch sein. Denn Hilfe darf nie bedeuten, über Anderen zu stehen. 

  

Zur Person

Gerti Drassl (1978) ist Film- und Theaterschauspielerin aus Bozen, mit Wohnsitz in Wien. Sie ist Ensemblemitglied im Theater in der Josefstadt und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Zu sehen war sie zuletzt in der ORF-Serie „Vorstadtweiber“ sowie im Kinofilm „Angelo“. Für ihre Rollen schlüpft sie in andere Lebensrealitäten und lernt nach eigener Aussage dabei auch etwas für sich.

 

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Fotos: Christoph Liebentritt

>> Dieser Kommentar erschien erstmals in neuner News #37 – dem Magazin von neunerhaus.

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