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Isolde Charim: "neunerhaus segelt gegen den eisigen Wind der neuen Gesellschaft"

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In ihrer Rede anlässlich "1 Jahr neunerhaus Gesundheitszentrum" findet die Philosphin klare Worte gegen Ausgrenzung.

"Wenn ich hier etwas Grundsätzliches sagen soll – und mich nicht nur einfach verneige vor dem Engagement all jener, die diese Einrichtung ermöglichen, verneige vor jenen Medizinern, die Ärzte im emphatischen Sinne sind – wenn ich also etwas Grundsätzliches sagen soll, dann muss das wohl seinen Ausgang bei der Feststellung nehmen: Solche Hilfestellungen, solche Institutionen wie neunerhaus sind nicht einfach nur eine Ausnahme. Sie stehen vielmehr im krassen Gegensatz zu dem, wie Gesellschaft heute verfasst ist. Sie stehen im krassen Gegensatz zum Zeitgeist.

Es war eine große Errungenschaft, eine soziale und politische Errungenschaft, Hilfestellungen für Bedürftige aus dem Stand des Karitativen herauszuholen. Die Umstellung vom privaten Almosenbetrieb zum Wohlfahrtssystem hat die Bedürftigkeit verwandelt. Aus der Scham über das Bedürftig-Sein wurde ein Anspruch auf Hilfe, eine Berechtigung, auf die man pochen konnte.

Aber da muss man etwas anmerken: Grundlage dieses vielgerühmten Systems war etwas Unausgesprochenes. Unausgesprochen war, dass dieses System auf dem Prinzip der Ähnlichkeit beruht hat – vornämlich auf der nationalen Ähnlichkeit. Praktische Solidarität und Mitgefühl war für Ähnliche vorgesehen.

Wir leben aber heute nicht mehr in einer Gesellschaft der Ähnlichen. Wir leben heute in einer pluralisierten Gesellschaft – und das ist eine Gesellschaft der Nicht-, der Unähnlichen.

Das ist eine massive Veränderung – eine Veränderung, die bis zu den Grundfesten der Gesellschaft reicht. Denn es bedeutet, dass wir der alten Kategorie auf der Solidarität beruht hat, dass wir dieser Kategorie verlustig gegangen sind. Ja mehr noch – die Pluralisierung wird von vielen als Bedrohung empfunden. So dass Bewegungen zur Abwehr der Pluralisierung immer mehr um sich greifen – ja heute sind solche Bewegungen teilweise schon gesellschaftsbestimmend.

Diese Bewegungen versuchen, die alte nationale Identität zu rekonstruieren – eine Rekonstruktion aus der diese alte nationale Identität als abgeschottete Identität hervorgeht. Abschottung aber funktioniert nur über Ausschluss. Und so erleben wir die Umwandlung der Gesellschaft in eine Festung – in eine abgeschottete Festung, die eine Demarkationslinie quer durch diese Gesellschaft zieht. Eine Demarkationslinie, die ein Innen von einem Außen trennt. Innen sind die Ähnlichen. Die national Ähnlichen. Und außen sind die Unähnlichen. Die Fremden. Die Bedürftigen. Das sind Ausschlüsse, durch die wir wieder hinter die Errungenschaften des Sozialstaats zurückfallen. Ausschlüsse, die drohen, Hilfe wieder zurückverwandeln – aus einem Anspruch in ein Almosen. Und eben das macht solche Institutionen wie die Ihre bitter nötig. Institutionen nämlich, die das retten, was von der Gesellschaft heute zunehmend aufgegeben wird.

Hier bei neunerhaus wird versucht, Solidarität auf eine neue Grundlage zu stellen. Hier wird versucht, gegen den eisigen Wind der neuen Gesellschaft zu segeln. Denn hier wird Solidarität mit Unähnlichen praktiziert. Und genau deshalb möchte ich mich nun doch vor Ihnen verneigen."

Fotos: (c) Christoph Liebentritt

 

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