Hilfe Info Spenden Blog Kunstauktion
+43 1 990 09 09 900
jetzt spenden

neunerhaus Gesundheitszentrum: Die Warteschlange wird länger

|   Aktuelles

Auch wer wenig besitzt, kann viel verlieren: Selbstwertgefühl, Vertrauen ins System, die eigene Gesundheit.

Es ist Mittwoch, kurz nach 9:00 Uhr und der Empfangsbereich im neunerhaus Gesundheitszentrum ist voll. In einer langen Schlange warten sehr unterschiedliche Menschen darauf, sich anzumelden. Sie sind obdachlos, wohnungslos oder nicht versichert. Auch Kinderbeine sind zu sehen. Zum Beispiel die eines kleinen Mädchens, das nicht neben seiner Mutter in der Warteschlange stillstehen will und lieber unbeschwert die kleine Welt des Gesundheitszentrums erkundet: Bunte Sessel, Malkreiden in der Kinderecke, helle Zimmer hinter verglasten Türen, der lustige Pullover einer Sozialarbeiterin.

Noch weiß das Mädchen vieles nicht, was ihre Mutter weiß. Dass nicht alle Begegnungen im Leben so freundlich sind. Was es bedeutet, keine Krankenversicherung zu haben. Wie sich Stigmatisierung anfühlt.

Derzeitige politische Tendenzen schließen mehr und mehr Menschen von sozialen Sicherheiten und Leistungen aus. Im neunerhaus Gesundheitszentrum werden gesellschaftliche Probleme und Ausschlüsse sichtbar – denn die Warteschlange wird länger. Im Jahr 2018 stieg die Anzahl der PatientInnen im Vergleich zum Vorjahr um elf Prozent. Die neunerhaus ÄrztInnen und SozialarbeiterInnen haben 4.892 Menschen versorgt – darunter 266 Kinder und Jugendliche.

Sind die Eltern nicht versichert, betrifft das auch die Kinder.

Der Wartebereich des neunerhaus Gesundheitszentrums zeigt zudem ein Problem auf, das im gesellschaftlichen Alltag noch weniger wahrgenommen wird als Obdach- und Wohnungslosigkeit: JedeR zweite PatientIn hier ist nicht krankenversichert. In Österreich betrifft das mehrere zehntausende Personen. Denn anders als oft vermutet, braucht es für eine Lücke im Versicherungsschutz auch in unserem Sozialstaat nicht viel. Beispiele sind arbeitslose Menschen, die eine Meldefrist versäumen, sowie Personen, die keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe haben. Auch undokumentiert arbeitende EU-BürgerInnen und Asylwerbende sind betroffen. Die 2018 in Umsetzung gebrachte Neuregelung der Sozialhilfe erschwert die Situation von Betroffenen zusätzlich. Besonders alarmierend dabei ist: sind die Eltern nicht versichert, sind es auch ihre Kinder nicht.

Gerade für obdach- und wohnungslose Menschen ist der Zugang zum Gesundheitssystem zusätzlich erschwert. Viele betroffene Menschen machen negative und stigmatisierende Erfahrungen in Arztpraxen und Spitälern, etwa aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes. Behandlungsvorschläge sind manchmal nicht mit ihrer Lebensrealität vereinbar.

Oft fällt es ihnen schwer, gesundheitliche Angebote jenseits medizinischer Notfälle in Anspruch zu nehmen und Möglichkeiten einer Versicherung zu nutzen. Umso mehr zeigt sich, wie wichtig wertschätzende Begegnungen auf Augenhöhe und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit SozialarbeiterInnen im neunerhaus Gesundheitszentrum sind. SozialarbeiterInnen klären beispielsweise bei EU-BürgerInnen ab, ob eine Krankenversicherung im Herkunftsland besteht oder helfen dabei, den Versicherungsschutz wieder zu erlangen.

 

Zu einem ganzheitlichen Wohlbefinden gehört auch, nicht sozial isoliert zu sein.

Gleichzeitig versucht das neunerhaus Gesundheitszentrum PatientInnen psychisch zu entlasten. Vielen Betroffenen fehlt ein Zugang zu psychiatrischen, psychologischen und psychotherapeutischen Angeboten aus strukturellen und individuellen Gründen. 2018 arbeitete neunerhaus vermehrt daran, Ideen für niederschwellige Angebote im Bereich Psychotherapie und Psychiatrie zu entwickeln. Ausgangspunkt waren die Bedürfnisse der PatientInnen, die auch aktiv eingebunden wurden.

Bei neunerhaus findet Gesundheitsförderung nicht nur im Gesundheitszentrum statt. Denn zu einem ganzheitlichen gesundheitlichen Wohlbefinden gehört auch dazu, nicht sozial isoliert zu sein. Das neunerhaus Café und die neunerhaus Tierärztliche Versorgung sind Beispiele, wie neunerhaus hilft, die Isolation zu durchbrechen. Hier können sich BesucherInnen in ansprechender Kaffeehausatmosphäre aufhalten und sich dem Thema Gesundheit und Wohlbefinden annähern – ganz ohne Konsumationszwang. In der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung erleben obdach- und wohnungslose Menschen neben veterinärmedizinischer Versorgung eine Stärkung der Mensch-Tier-Beziehung. Beide Einrichtungen bieten auch niederschwellige Sozialarbeit an. So finden Betroffene Hilfe bei Krisen, können persönliche Stärken aktivieren und sich gesundheitlichen Belastungen stellen. Die enge Anknüpfung zum neunerhaus Gesundheitszentrum erleichtert den mitunter so schwierigen Schritt, gesund zu werden – und gesund zu bleiben.

neunerhaus hat seit 2006 ein mobiles medizinisches Angebot, eröffnete 2009 die neunerhaus Zahnarztpraxis und 2013 die Arztpraxis. Das neunerhaus Gesundheitszentrum vereint diese Angebote nun seit Herbst 2017 zu einem Zentrum der niederschwelligen interdisziplinären Primärversorgung. Seit 2010 hat sich die Anzahl an PatientInnen verdreifacht.

Fotos: (c) Martin Stöbich

 

Dieser Text erschien erstmals im neunerhaus Jahresbericht 2018.

 
  

Zurück