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Obdachlos: "Auf der Straße gibt es keine Freunde"

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Obdach- und Wohnungslosigkeit stellt auch die stärksten Beziehungen auf die Probe. Betroffene erzählen über die Grenzen von Freundschaft.

Bevor er zu sprechen beginnt, atmet Günther F. ganz langsam ein. Er sitzt im Gemeinschaftsraum des neunerhaus Billrothstraße, einem von drei Wohnhäusern von neunerhaus. Es ist ein gemütlicher Raum mit einem Bücherregal, Couchsesseln, einem Esstisch und einer Gemeinschaftsküche. Günther F. sieht aus dem Fenster Richtung Innenhof. Dorthin, wo vor bald zwei Jahren die Isolation für ihn geendet hat und wo er bis heute jene FreundInnen trifft, die er im neunerhaus Billrothstraße gewonnen hat. Denn Günther F. musste von Null beginnen.

„Am Ende blieb mir nur mein Auto“, beginnt er zu erzählen. Zwei Monate schlief er im Winter 2016 in seinem Fahrzeug bei Minusgraden. Dabei hatte er zuvor eine Festanstellung, FreundInnen und eine eigene Wohnung gehabt. Als er 2005 seinen Job als Reinigungskraft verlor, war auch die Dienstwohnung fort. Ein Freund sprang ein und ließ Günther F. bei sich wohnen.

Zu viel für eine Freundschaft

Mehrere Jahre ging das gut, bis beide nicht nur den Wohnplatz, sondern auch unfreiwillig Kleidung und schließlich die Geldbörse teilten. Das war zu viel für eine Freundschaft. „Ich habe dann alle Wertsachen ins Auto gebracht und wollte nur noch weg von dort“, sagt Günther F. über eine Freundschaft, die durch seine Krisensituation allmählich zum Abhängigkeitsverhältnis wurde.

Wer seine Wohnung verliert, verliert nicht nur sein Dach über dem Kopf, sondern oft auch alle sozialen Kontakte. „Verläuft das Leben nicht mehr in geregelten Bahnen, erzeugt das Überforderung auf beiden Seiten. Sowohl bei der wohnungslosen Person, als auch im direkten Umfeld“, sagt Barbara Berner, Leitung Niederschwellige Sozialarbeit im neunerhaus Café und Gesundheitszentrum. „Das Leben, das man früher geteilt hat, existiert so nicht mehr.“ Freundschaft ist ein Geben und Nehmen – durch Wohnungsverlust entsteht aber oft ein Ungleichgewicht. „Wer wohnungslos wird, befindet sich in einer Position der Abhängigkeit. Das kann eine Freundschaft so sehr belasten, dass sie zerbricht“, erklärt Berner. Hier setzt neunerhaus an und hilft mit Wohnen und medizinischer Versorgung. Es sind diese existentiellen Parameter, die ein selbstbestimmtes Leben wieder ermöglichen und soziale Kontakte aufleben lassen.

"Wir waren wie ein altes Ehepaar"

Dass Freundschaft eine Belastungsgrenze hat, musste auch Manuela P. erfahren. Nachdem sie durch schwere Krankheit und monatelanges Koma sowohl ihren Arbeitsplatz als Heimhilfe, als auch ihre Wohnung verloren hatte, zog sie bei ihrer Kindheitsfreundin ein. „Wir waren wie ein altes Ehepaar. Ich habe gekocht und sie ist mit dem Hund spazieren gegangen“, erinnert sich Manuela P. „Aber nach einiger Zeit hatte ich Angst, dass die Wohnsituation uns entzweien könnte.“

Drei Jahre lang lebten die beiden Frauen auf 55 Quadratmetern zwischen Betten und Kästen in vollgeräumten Zimmern. „Ich wollte in ein eigenständiges Leben zurück, aber als Obdachlose bekommt man auf dem freien Markt keine Wohnung. Ich wusste, ich brauche Hilfe“, sagt sie. Seit Jänner 2018 lebt die 50-Jährige im neunerhaus Hagenmüllergasse. Ihr Ziel ist eine Gemeindewohnung. „Von hier aus kann ich ein neues Leben beginnen.“

Essen oder Miete?

Zurück im neunerhaus Billrothstraße. Nicht alle haben so viel Rückhalt wie Manuela P. Vier Stockwerke über dem Gemeinschaftsraum, in seiner kleinen Wohnung mit grünen Vorhängen, einem ordentlich hergerichteten Bett und einer kleinen Holzkommode, erzählt Peter S. seine Geschichte. Nach der Scheidung von seiner Frau brachen alle Kontakte ab. „Das war vor allem ihr Freundeskreis – da habe ich den Kürzeren gezogen“, erzählt der 53-jährige gelernte Gerber und Schuhmacher und trommelt leicht mit den Füßen. Finanziell wurde es schwierig, alleine die Wohnung zu halten. „Ich habe alle Möbel verkauft, um die Miete zu zahlen, aber zu essen hatte ich nichts“, erinnert sich Peter S. an den Mai 2018, als er gezwungen war, seine Wohnung aufzugeben und auf der Straße zu leben.

Mit einem kleinen Rucksack und einer Zahnbürste im Gepäck schlief er die erste Woche auf dem Wilhelminenberg, dann vier Monate in einem Notquartier, bis er zum neunerhaus Billrothstraße kam. „Hier kann ich wieder auf die Beine kommen, weil mir geholfen wird. Auf der Straße herrschen andere Regeln, dort gibt es keine Freunde“, sagt Peter S.

"Niemand will alleine sein"

Peter S. ist kein Einzelfall. Scheidung, Krankheit oder Jobverlust bedeuten große persönliche Belastungen, die oft nicht mehr alleine bewältigt werden können. „Niemand will komplett alleine sein, wir alle brauchen eine Schulter zum Anlehnen“, sagt Barbara Berner. Manche Freundschaften zerbrechen an einer Krise, andere würden erst dadurch entstehen. „Wichtig ist, dass der Lebensweg ein Stück geteilt wird“, so die Sozialarbeiterin. Wo aber keine sozialen Kontakte mehr bestehen, müsse der Raum dafür geschaffen werden, so Berner. „Freundschaften sind existenzsichernd und daher wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“

Zusammenhalten und helfen, das wollte auch Helmut M., 39. Als der ehemalige Straßenbahnlenker früher mit der Fünfer-Bim am Wiener Praterstern hielt, nahm er oft obdachlose Menschen mit. „Das war für mich selbstverständlich und für sie eine wichtige Zeit im Warmen“, erzählt er. Ein Mann blieb ihm besonders in Erinnerung, Hans-Georg K., heute 55 Jahre alt. Kurze weiße Haare, ein mildes Lächeln und immer mit seiner kleinen Hündin Tina unterwegs. Hans-Georg K., gelernter Koch, fuhr tagsüber mit der Straßenbahn umher und blieb nachts in der Notschlafstelle – seit seine Lebensgefährtin plötzlich verstorben war und er die Miete nicht mehr zahlen konnte. „Dass ich bald selbst obdachlos sein würde, habe ich nicht geahnt“, sagt Helmut M. Doch auch ihm geschah, was für viele undenkbar ist: Wegen Depressionen war er nicht mehr arbeitsfähig, verlor die Wohnung und landete auf der Straße. Im neunerhaus Billrothstraße trafen sich Hans-Georg und Helmut dann im Frühling 2017 wieder. Heute sind sie Freunde.

Wo Freundschaften wieder entstehen können

Damit solche Beziehungen entstehen können, braucht es Rahmenbedingungen. neunerhaus gibt mit seinem Wohnangebot und seiner sozialarbeiterischen Unterstützung Rückhalt und Ruhe. Wer selbst wieder ein Freund oder eine Freundin sein kann, fühlt sich gut und das stärkt nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl.

„Als SozialarbeiterInnen bieten wir ein Lernmodell, wie soziale Beziehung funktionieren kann. Wir ersetzen dabei keine Freundschaften, sondern ermöglichen Zugänge“, sagt Berner. Das kann im neunerhaus Café sein, wo alle gemeinsam Pause machen und wohnungslose Menschen mit anderen Gästen an einem Tisch sitzen, oder im Gemeinschaftsraum in den Wohnhäusern, wie der Küche im neunerhaus Billrothstraße. Hier entstehen Freundschaften, die auch über die Wohnzeit bei neunerhaus hinaus bestehen.

„Gehen wir eine rauchen?“, fragt Helmut M. Hans-Georg K. „Günther, Peter und die anderen sind auch im Hof.“ Bei einer Zigarette erinnern sie sich an gemeinsame Kochabende, Ausflüge zum Heurigen und gegenseitige Unterstützung beim Auszug. Peter S. und Helmut M. steht das noch bevor, Hans-Georg K. und Günther F. wohnen mittlerweile in eigenen Wohnungen. Warum sie trotzdem noch regelmäßig im neunerhaus Billrothstraße vorbeikommen? „Hier ist es heimelig. Ich war immer ein Familienmensch, und die Freundschaften hier sind so ungefähr wie Familie“, sagt Günther F.

>> Diese Reportage erschien erstmals in neuner News #36 – dem Magazin von neunerhaus.

Fotos: (c) Christoph Liebentritt

 

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