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Schauspielerin Proschat Madani über Obdachlosigkeit

|   Aktuelles

Vorstadtweiber-Schauspielerin Proschat Madani im Interview mit Daniela Unterholzner: "Wer auf der Straße landet, wird unsichtbar."

Daniela Unterholzner: Sie haben das neunerhaus Sommerfest „Street Style“ im September eröffnet und in Ihrer Rede gesagt, dass Sie als Person im öffentlichen Leben Verantwortung tragen. Welche ist das?

Proschat Madani: Wer in der Öffentlichkeit steht, hat keine Verpflichtung, sich zu gesellschaftlichen Zuständen zu äußern, aber die Möglichkeit. Ich persönlich möchte sie nutzen, um möglichst vielen Menschen in Erinnerung zu rufen: Wer auf der Straße landet, wird unsichtbar. Alleine zu sein, weil keine Menschen um einen sind: Das ist schon schlimm genug. Aber alleine zu sein unter Menschen bedeutet, ausgegrenzt zu sein. Und ich finde, dagegen sollten wir etwas tun.

Unterholzner: Bei Street Style haben die „Barber Angels“ ehrenamtlich die Haare von obdachlosen Menschen geschnitten. Wie können in Ihren Augen Aktionen wie diese dazu beitragen, aus der Isolation auszubrechen?

Madani: Ein gepflegtes Äußeres trägt automatisch dazu bei, weniger leicht ausgegrenzt zu werden. Deswegen ist das, was Barber Angels machen eine großartige Sache, die man nicht genug wertschätzen kann. Aber das alleine reicht nicht. Das Problem ist, dass unsere Gesellschaft jene Menschen als wertvoll erachtet, die etwas leisten und viel besitzen. Ich denke jedoch, dass alle Menschen von Natur aus etwas schaffen wollen, auch die, die vermeintlich „nichts“ leisten. Bekommen sie dazu die Chance, können wunderbare Dinge entstehen. Wir sollten eher unser Werteverständnis in Frage stellen, als die Menschen.

Unterholzner: Sie haben gerade unseren Claim „du bist wichtig“ auf den Punkt gebracht.

Madani: Unser Umgang mit sozial Schwachen sagt weniger über armutsbetroffene Menschen, als über uns selbst aus. Eine Gesellschaft, deren Fokus hauptsächlich auf Leistung, Besitz und Geld gerichtet ist, ist kein freundliches Umfeld. Und letztendlich gilt das dann für uns alle, nicht nur für die sozial Schwachen.

Unterholzner: Um etwas zu verändern, braucht es Gespräche und Innovation. Sie sind Schauspielerin. Was können Kunst und Kultur tun?

Madani: Sehr viel. Am Theater und am Bildschirm werden Geschichten erzählt, die ganz persönlich sind. In den Nachrichten haben wir es in erster Linie mit Konzepten zu tun, mit dem Konzept von Geflüchteten, mit dem Konzept von obdachlosen Menschen. Da wird oft über etwas Abgestempeltes und Abgepacktes gesprochen, von dem wir nicht wissen, was drinnen steckt. Kunst und Kultur schaffen es, diese Pakete zu öffnen. Man begegnet plötzlich dem Menschen hinter dem Konzept.

Unterholzner: Für diese Ausgabe der neuner News haben wir den Schwerpunkt Freundschaft gesetzt. In der Recherche war schnell klar: Krisen belasten eine Freundschaft oft so stark, dass sie zerbricht. Sind Sie schon einmal an Ihre Belastungsgrenze gestoßen?

Madani: Ich persönlich habe das Glück, bisher nicht an meine Grenzen gestoßen zu sein – nicht als Tochter, Mutter, Freundin, Frau oder Geliebte. Gleichzeitig weiß ich, Krisensituationen belasten die freundschaftliche Umwelt. Ein Schicksalsschlag, Jobverlust oder eine Scheidung können dazu führen, dass die Wohnung weg ist und damit bald auch die FreundInnen. Ich befürchte, das kann schneller passieren, als viele von uns vermuten. Die Mittelschicht wird immer poröser und die Grenze zwischen „uns“ und Menschen auf der Straße ist filigran geworden. Viele in meinem Umfeld haben in den Neunziger Jahren gut verdient. Heute beziehen sie Hartz IV in Deutschland.

Unterholzner: Es ist die kalte Jahreszeit und Weihnachten steht bevor. Wenn Sie neunerhaus etwas wünschen könnten, was wäre das?

Madani: Ich wünsche euch, dass noch mehr Menschen auf euch aufmerksam werden. Euer Prinzip ist, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Das sollte Eingang in viele Köpfe und vor allem Herzen finden.

 

Zur Person

Proschat Madani (1967) ist eine österreichisch-iranische Schauspielerin. Sie hat im Volkstheater, im Theater an der Josefstadt undin diversen Fernsehfilmen mitgespielt. Zuletzt war sie als Anwältin in der ORF-Serie „Vorstadtweiber“ zu sehen.

 

>> Dieses Interview erschien erstmals in neuner News #36 – dem Magazin von neunerhaus.

Fotos: (c) Christoph Liebentritt

 

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neunerhaus Geschäftsführerin Daniela Unterholzner
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Schauspielerin Proschat Madani
Proschat Madani war zuletzt in der ORF-Serie "Vorstadtweiber" zu sehen