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»Wir BewohnerInnen haben das Haus mitgestaltet«

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Von der Bewohnerin der ersten Stunde zur Mitarbeiterin: Michelle Gerstl kennt neunerhaus wie keine andere. Heuer geht sie in Pension.

Wenn Michelle Gerstl im neunerhaus Café sitzt, verschränken sich zwei Welten. Die Anfänge von neunerhaus mit der Gegenwart. Gerstl war eine der ersten BewohnerInnen im neunerhaus Hagenmüllergasse; das neunerhaus Café in der Margaretenstraße im fünften Wiener Gemeindebezirk ist das jüngste Angebot der Sozialorganisation. Jeden Mittag herrscht hier emsiges Treiben. An den Holztischen wird geplaudert und gegessen. KlientInnen des neunerhaus Gesundheitszentrums treffen sich hier ebenso wie die Kundschaft aus dem Grätzl: Der soziale Hintergrund ist kein Willkommenskriterium. Gerstl ist zum ersten Mal hier. Sie zieht ein Foto aus ihrer Tasche. Eine Weile ruht ihr Blick auf dem Schwarzweißbild des Hauses in der Hagenmüllergasse, in dem neunerhaus seinen Anfang nahm. Dann beginnt sie zu erzählen.

„Dass neunerhaus gegründet wurde, hat für mich alles verändert: Ich bin von der Straße weggekommen, habe zu trinken aufgehört und erhielt wieder einen Job und eine Perspektive“, sagt Gerstl. Ihre Geschichte beginnt, wie viele Schicksale obdachloser Menschen, mit einer schmerzhaften Trennung, Flucht in den Alkohol, Jobverlust und schließlich Wohnungslosigkeit. Die ersten Monate schlief Gerstl auf der Straße, bis sie in einem Notquartier unterkam. „Das waren schlimme Zustände dort“, erinnert sie sich nicht gerne zurück. Zusammengepfercht auf drei Quadratmetern, ohne Strom und nur Gemeinschaftsduschen.

Hilfe muss sich den Menschen anpassen, nicht umgekehrt.

Etwa zur selben Zeit gab es in Wien eine Gruppe engagierter BürgerInnen, die solche Zustände nicht wollte. Sie gründeten 1999 neunerhaus mit dem Ziel, ein Wohnprojekt für obdach- und wohnungslose Menschen zu sein, das die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen in das Betreuungskonzept von Anfang an miteinbezieht. 2001 eröffnete das erste Wohnhaus, das neunerhaus Hagenmüllergasse. „Das war wie Tag und Nacht“, sagt Gerstl. „Plötzlich hatte ich einen eigenen Wohnungsschlüssel und konnte die Tür hinter mir zusperren. Und noch wichtiger: Wir BewohnerInnen haben das Haus mitgestaltet.“ Ein selbstbestimmtes Leben – damit hat neunerhaus neue Standards in der Wohnungslosenhilfe gesetzt. Der bestimmende Grundgedanke: Damit Hilfe wirkt, muss sie sich den Menschen und ihren Bedürfnissen anpassen, nicht umgekehrt.

Bis 2004 lebte Gerstl als Bewohnerin im neunerhaus Hagenmüllergasse. Dann ging es für sie persönlich und für neunerhaus Schlag auf Schlag. Sie bezog eine Gemeindewohnung und erhielt eine Anstellung im neunerhaus Hagenmüllergasse. „Ich habe alles gemacht, von renovieren bis Müll entsorgen“, sagt Gerstl. Währenddessen wurde aus dem jungen Projekt neunerhaus eine professionelle Sozialorganisation. Und das gleich auf zwei Ebenen: Mit Angeboten für das Menschenrecht auf Wohnen und das Menschrecht auf Zugang zu Gesundheitsversorgung. Denn Armut macht krank und Krankheit macht arm. Zwei weitere Wohnhäuser mit Betreuungsangebot entstanden. Gemeinsam mit dem Fonds Soziales Wien holte neunerhaus 2012 mit „Housing First“ ein international einzigartiges Konzept nach Wien. SozialarbeiterInnen unterstützen beim direkten Wiedereinstieg ins Wohnen in den eigenen vier Wänden. Insgesamt betreute neunerhaus bisher 212 Haushalte in ganz Wien. Die Wohnungen werden über das Tochterunternehmen neunerimmo akquiriert. Und Michelle Gerstl? Sie wechselte mit der Eröffnung des neunerhaus Kudlichgasse 2007 als fixe Mitarbeiterin den Standort. „Ich hatte zu den BewohnerInnen immer einen sehr persönlichen Bezug. Schließlich war ich davor selbst in dieser Lage“, sagt Gerstl.

"Es ist kaum zu glauben"

Aber nicht nur Wohnen, sondern auch medizinische Versorgung wird bei neunerhaus groß geschrieben. Begonnen hat es mit einer handvoll engagierter ÄrztInnen im Jahr 2006, die bis heute an über 25 Standorten Sprechstunden für wohnungslose Menschen anbieten. Weitere medizinische Angebote folgten: Die neunerhaus Zahnarztpraxis, die ab 2009 erstmals obdachlosen und wohnungslosen Menschen wieder ein Lächeln schenkte. Die neunerhaus Tierärztliche Versorgung, bei der Betroffene ihren treuesten Begleiter behandeln lassen können. Sowie die neunerhaus Arztpraxis. Die medizinische Versorgung wurde 2017 im neunerhaus Gesundheitszentrum zusammengefasst. Und das neunerhaus Café bietet gleich nebenan ein schönes Ambiente, gesundes Bio-Essen auf Spendenbasis und auf Wunsch Beratung durch SozialarbeiterInnen – für alle.

„Heute ist das neunerhaus Hagenmüllergasse nicht wiederzuerkennen, wunderbar modern und hell“, sagt Gerstl und legt das Foto beiseite. „Es ist kaum zu glauben, dass aus dieser Gruppe engagierter Menschen in 20 Jahren eine so wichtige Sozialorganisation geworden ist.“

Nach 20 Jahren bei neunerhaus, davon fünf Jahren als Bewohnerin und 15 Jahren als Mitarbeiterin, geht Gerstl dieses Jahr in Pension. „Mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt sie und macht eine Pause. „Was ich mir wünsche? Für mich einen Urlaub am Meer, für neunerhaus noch mehr Unterstützung.“

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Fotos: Christoph Liebentritt

>> Dieser Kommentar erschien erstmals in neuner News #37 – dem Magazin von neunerhaus.

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