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„Die vergangenen Jahre waren ziemlich 7 schwer für mich“, sagt Herr G. Lange Zeit pflegte er seinen kranken und dementen Vater. Sein eigenes Leben vernachlässigte der 60-Jährige darüber: Er hörte auf zu arbeiten, versäumte Termine. Nachdem sein Vater gestorben war, musste Herr G. die ehemals gemeinsame Wohnung verlassen, da sie für ihn alleine nicht mehr leistbar war. „Es wurde einfach alles zu viel für mich … ich wurde depressiv, habe angefangen zu trinken“, erzählt er. Dann bekam Herr G. von einem Sozialarbeiter den Tipp, mit seinen gesundheitlichen und psychischen Problemen ins neunerhaus Gesundheitszentrum zu kommen.

5.813 obdach- und wohnungslose sowie nichtversicherte Menschen haben hier im Jahr 2020 niederschwellige medizinische und sozialarbeiterische Unterstützung bekommen.

Allein im 1. Halbjahr kamen 37 Prozent mehr Menschen in die neunerhaus Arztpraxis. Nur durch große gemeinsame Kraftanstrengung gelang es bei neunerhaus, die wichtigen Angebote für obdach-, wohnungslose und nichtversicherte Menschen in der Pandemie offen zu halten. Trotz anfänglicher Unsicherheit. Trotz sich laufend ändernder Schutzmaßnahmen und Vorschriften. In dieser Zeit entstand auch das Motto, das fortan zu unserem Leitsatz wurde: Wir sind da.

#wirsindda

Das Recht auf ärztliche Versorgung ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 verankert. Der individuelle Versicherungsstatus, die Nationalität oder die finanzielle Situation eines Menschen dürfen dabei keine Rolle spielen. Die Realität sieht jedoch anders aus, das hat das Krisenjahr 2020 besonders deutlich gemacht: Die Pandemie traf obdach- und wohnungslose Menschen besonders hart. Nicht nur, weil man mit der Forderung „Bleiben Sie zuhause!“ diese Gruppe schlicht vergaß, sondern auch, weil viele NutzerInnen aufgrund chronischer Erkrankungen zur Hochrisikogruppe zählen. Die Schließung von Aufenthaltsorten, Cafés oder öffentlichen WCs erschwerten den ohnehin mühsamen Alltag zusätzlich. Und in den geöffneten Notunterkünften hatten die Menschen Angst, sich mit dem Virus anzustecken.

Um die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass nicht alle Menschen Zugang zu Gesundheitsversorgung haben, startete neunerhaus im Herbst 2020 eine Kampagne. Auf Plakaten und in Videos waren Sujets zu sehen, die man normalerweise nicht sofort mit dem Thema Gesundheit in Verbindung bringt: Ein Greifarm, wie man ihn vom Jahrmarkt kennt, ein Glücksrad, ein Hütchenspiel. Der Claim dahinter: Gesundheitsversorgung darf keine Glückssache sein.

Es braucht mehr als die Behandlung von Symptomen.

Die Pandemie hat uns gezeigt, wie verletzlich nicht nur Menschen, sondern auch Systeme sind. Seitdem wurde viel über Ansteckungsgefahr gesprochen, zu wenig aber über die Voraussetzungen für ein Gesundheitswesen, das auch in schwierigen Zeiten für alle da ist. Unabhängig von Corona hat ein von Obdachlosigkeit betroffener Mann eine um 20 Jahre kürzere Lebenserwartung als der Durchschnitt. Wohnungslosigkeit hinterlässt körperliche und seelische Wunden, die oft lange brauchen, um wieder zu heilen.

Damit Menschen wirklich gesund werden und es auch bleiben, müssen Krankheiten behandelt und Wunden versorgt werden. Aber auch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, körperlichem und psychischem Wohlbefinden und gesellschaftlicher Teilhabe wirken sich positiv auf die Gesundheit aus.

Argumente für ein neues Gesundheitswesen

Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, unser Gesundheitswesen neu aufzustellen und medizinische Versorgung für alle zu garantieren. Dafür gibt es nicht nur inhaltliche, sondern auch wirtschaftliche Argumente: Es wäre günstiger, allen Menschen Zugang zur Primärversorgung im niedergelassenen Bereich zu geben, als zu warten, bis es fast zu spät ist. Menschen, die nur schwer Zugang zum medizinischen Bereich finden, zögern oft sehr lange, bis sie Hilfe in Anspruch nehmen: aus Angst vor anfallenden Kosten, aus einem Mangel an Angeboten und oftmals auch, weil sie sich schämen. Das führt dazu, dass immer wieder Menschen als Notfall mit der Rettung in eine Spitalsambulanz gebracht werden müssen. Nach Behandlung der Symptome erfolgt oft die rasche Entlassung. Daraus entwickelt sich vielfach eine Abwärtsspirale aus kostenintensiven Rettungstransporten, aufwendiger Akutdiagnostik und -therapie und einem sich immer weiter verschlechternden Gesundheitszustand der Betroffenen.

Damit das System wirklich inklusiv wird, ist ein Umdenken nötig. Dazu gehören Investitionen in Infrastruktur und ein Ausbau der Angebote, gerade auch beim Thema psychische Erkrankungen. Außerdem braucht es Brücken zwischen den unterschiedlichen Bereichen. neunerhaus kann hier mit seinen Erfahrungen als unverzichtbarer Teil des Gesundheitssystems in Wien Impulsgeber sein.

"Geht nicht, gibt's nicht"

Um die PatientInnen bestmöglich zu versorgen, arbeitet neunerhaus mit KooperationspartnerInnen wie niedergelassenen ÄrztInnen und Spitälern zusammen. Sie trugen auch in diesem herausfordernden Jahr dazu bei, dass so vielen Menschen bedarfsgerecht geholfen wurde. So wie das die vielen ehrenamtlichen MitarbeiterInnen tun, manche schon seit vielen Jahren. In der Zahnarztpraxis beispielsweise, die aufgrund dieses Engagements ihre Türen das ganze Jahr offen hielt und – wie das ganze Gesundheitszentrum – als Anlaufstelle für viele Menschen in der Krise noch unverzichtbarer wurde.

Herr G. ist mittlerweile in einer Notunterkunft für gesundheitlich gefährdete Menschen untergekommen. Er kommt weiter regelmäßig ins neunerhaus Gesundheitszentrum, um seine Blutwerte zu überprüfen und seine Medikamente einzustellen. „Die Haltung hier bei neunerhaus lautet: ‚Geht nicht, gibt’s nicht!‘“, sagt Herr G., „ich bin davon sehr beeindruckt. Ich wünschte nur, ich wäre schon eher hergekommen.“

 

 

Fotos (c) Christoph Liebentritt

Danke für die Fotos an Christoph Liebentritt, Klaus Pichler, Thomas Zimmel und THE DOG CARE COMPANY!

Wir bedanken uns bei:

Bezirk und Bezirksvorstehung Favoriten 
FSW – Fonds Soziales Wien 
JTI 
WBV-GPA Wohnbauvereinigung für Privatangestellte 
Schrägstrich Kommunikationsdesign 
Brauunion

MusikerInnen: 

Wiener Brut 
Eva Billisich & Mr. Holliwood 
Mondscheing’schwister: Robert Reinagl & MarieTheres Stickler 
The Real Holy Boys

DANKE!