tereza hossa mit ihrer hündin Lina in der neunerhaus Tierarztpraxis

Über Kühe, Kabarett und Menschlichkeit

tereza hossa mit ihrer hündin Lina in der neunerhaus Tierarztpraxis

Tereza Hossa ist Tierärztin und Kabarettistin. In der neunerhaus Tierarztpraxis spricht sie über Katzen, die Wände hochklettern, Männer im Publikum, deren Geld sie gerne annimmt, und darüber, warum Tiere kein Luxus sein dürfen. Zwischen schonungslosem Humor und klarer Haltung wird bei Hossa schnell deutlich: Es gibt Themen, über die sollten wir lachen. Über andere hingegen müssen wir dringend reden.

neunerhaus: Gab es einen Moment, an dem du wusstest: „Ich werde Tierärztin“?

Tereza Hossa: Es ist leider sehr unromantisch. Ich komme aus einer Akademikerfamilie, es war also klar, ich muss studieren. Nach zwei Jahren BWL-Studium habe ich den Aufnahmetest für Tiermedizin gemacht. Ich habe das niemanden erzählt, weil ich dachte, das ist peinlich, ich bin eine Frau und werde jetzt Tierärztin. Dabei war ich, bis ich 13 war, eigentlich nur mit Tieren beschäftigt. Meine Mama hatte mal eine Freundin eingeladen. Ich bin einfach zum Nachbarn rüber, weil ich keinen Bock hatte. Zu der Zeit habe ich Tauben gezüchtet. Ich hatte wirklich viele Tiere.

Welche Tiere liegen dir besonders?

Hossa: Kühe sind einfach die besten Patientinnen. Die vertragen alles. Du kannst sie im Stall operieren, sie sind robust, tolle Patientinnen. Aber natürlich sind alle Tiere wichtig. Ich hätte aber nicht am Land leben können. Ich habe es probiert, aber es ging nicht. Ich habe das Landleben total unterschätzt. Ich verstehe langsam, warum die Leute dort so einen Scheiß aufführen – es ist einfach so langweilig.

Bist du in deiner Tierarztpraxis auch für die Menschen da, oder geht es primär um die Tiere?

Hossa: Wir sind die Anwältinnen der Tiere. Aber die Beziehung zum Tierbesitzer oder zur Tierbesitzerin ist essenziell. Man muss die Besitzer*innen quasi mitbehandeln. Das ist wichtig für das Wohlbefinden und die Genesung der Tiere. Wenn die Besitzer*innen nicht mitziehen, ist alles egal.

„Man muss nicht alles machen, etwa eine absurde Chemotherapie für ein 15-jähriges Kaninchen. Aber man sollte Optionen geben. Wenn die Besitzer*innen entspannt sind, ist es das Tier auch.“

Tereza Hossa über ihre Arbeit als Tierärztin.
neunerhaus: Wer kommt zu dir in die Praxis und wie nimmst du die Beziehung zwischen Tier und Mensch wahr?

Hossa: Die Praxis ist ein Querschnitt der Bevölkerung. Ähnlich wie Hundezonen. Wir sehen viele Schicksale und viele Menschen vereinsamen. Gerade bei älteren Frauen oder obdachlosen Menschen ist das Tier der Weg zur Außenwelt. Tiere leisten so viel emotionale Arbeit. Also, was meine Hündin emotional für mich leistet – das muss gewürdigt werden, auch medizinisch.

neunerhaus: Viele Nutzer*innen sagen uns, ihr Tier hätte ihnen das Leben gerettet. Hat dir deine Hündin Lina auch schon einmal das Leben gerettet?

Tereza: Eigentlich passiert es täglich. Ich habe gesundheitliche Probleme und meine Hündin sorgt dafür, dass ich funktioniere. Wenn ich krank im Bett liege, passt sie sich total an. Andere Tierbesitzer kennen das vielleicht. Wenn es mir schlecht geht, macht sie keinen Mucks, liegt nur neben mir. Jeden Tag macht sie das Leben schöner – und hin und wieder rettet sie es auch.

neunerhaus: die neunerhaus Tierarztpraxis versorgt Tiere von obdach- und wohnungslosen Menschen. Spielt Geld bei deinen Klient*innen eine Rolle?

Hossa: Geld ist ein großes Thema. Besonders weh tut es, wenn Menschen wirklich alles für ihre Tiere geben, aber einfach nicht so ein Glück hatten. Ich beobachte, dass gerade Menschen mit wenig Geld unglaublich viel tun. Eine Besitzerin war Reinigungskraft und meinte: „Egal wie viele Wohnungen ich putzen muss, wir machen alles für das Goldstück.“ Da fang ich echt an zu rean.

neunerhaus: Was hältst du von der Aussage: Wer sich kein Tier leisten kann, sollte sich auch keines zulegen?

Hossa: Ich finde nicht, dass Tiere Luxus sein sollten. Es sollte ein Recht sein, ein Tier haben zu dürfen. Die Verbindung zu Natur und Menschen ist essenziell. Und oft diskutieren ausgerechnet die mit mir über Geld, die genug hätten. Die, die wenig haben, würden das nie offen sagen. Armut wird nicht besprochen. Da werde ich wütend.

neunerhaus: Gibt es auch Momente, die dich zum Lachen bringen?

Hossa: So viele. Es ist teilweise hilarious. Vor allem, wenn man tolle Kolleginnen hat. Einmal mussten wir einen neun Kilo schweren Kater einfangen, der sich im Raum verschanzt hatte. Wir – zwei hoch ausgebildete Tierärztinnen, sieben Jahre studiert – standen mit einem Besen herum. Der Kater war so aggressiv, der wollte uns umbringen. Katzen sind auch am gefährlichsten. Ein Hund kann beißen, klar, aber Katzen laufen dir die Wand hoch und springen dir von oben ins Gesicht. Viele sagen, wir seien zu sanft zu Katzen. Aber ich sage: Das ist kompletter Selbstschutz.

„Es ist oft makaber, weil wir so viel mit dem Tod konfrontiert sind.“

Ein gutes Team ist für die Tierärztin „das A und O“, um mit den traurigen Seiten ihres Berufs gut umgehen zu können.
neunerhaus: In deiner Arbeit als Kabarettistin, worüber sollte man sich auf jeden Fall lustig machen?

Hossa: Männer. Männer und reiche Menschen. Am besten alte, reiche, weiße Männer. Da kann man kaum was falsch machen.

neunerhaus: Sitzen bei dir mehr Frauen oder Männer im Publikum?

Hossa: Überraschend viele Männer. In Leipzig meinte eine Zuschauerin: „Ich dachte, das ist eine Mädchenveranstaltung!“ Es waren also schon eher Frauen, aber es waren auch 30–40 % Männer da. Ich weiß nicht, warum die trotzdem kommen. Ich kann auf sie verzichten, aber wenn sie unbedingt kommen und mir Geld geben wollen – okay, wir nehmen’s.

neunerhaus: Gibt es Themen, bei dem dein Publikum keinen Spaß versteht?

Hossa: Ja. In Deutschland war das spannend. Ich erzähle von meinen Wurzeln in Oberösterreich, Bezirk Braunau, und von meiner Urgroßmutter zu Hitlers Zeiten. In Deutschland musste ich das Programm anpassen, weil es dort mehr Aufarbeitung und Schuldbewusstsein gibt als in Österreich. In Österreich lachen sie über Nazi-Witze, in Deutschland nicht. Da musste ich etwas ändern – was gut war.

neunerhaus: Hast du persönlich Berührungspunkte mit Obdach- oder Wohnungslosigkeit?

Hossa: Relativ – jeder hat die im Alltag. Aber ich kenne niemanden persönlich, der direkt betroffen ist.

neunerhaus: Ein großes Thema ist ja verdeckte Wohnungslosigkeit – vor allem bei Frauen.

Hossa: Ja. Darüber spricht niemand, damit geht halt auch niemand hausieren.

neunerhaus: Deswegen gibt es dazu keine Zahlen.

Hossa: Was furchtbar ist. Die Leute glauben, obdach- und wohnungslose Menschen sind selbst schuld an ihrer Situation. Aber das kann man gar nicht allein verursacht haben. Jeder Mensch hat ein Recht auf ein gutes Leben – auf einen sicheren Schlafplatz, einen sicheren Aufenthaltsort. Die Menschenwürde darf nicht verhandelbar sein.

neunerhaus: Zum Abschluss: Worüber sollten wir als Gesellschaft reden – aber nicht lachen?

Hossa: Über vieles. Vor allem darüber, wie wir über die Schwächsten reden. Und uns bewusst machen, dass wir selbst dazugehören könnten. Wir alle sind näher an der Obdachlosigkeit, als wir denken. Was ist, wenn alle Stricke reißen? Wer fängt mich auf? Wir müssen über die reden, die das größte Pech hatten. Das Leben ist nicht fair. Und wir müssen über die Schwächsten reden, die nicht einmal schwach sind, weil sie es ja irgendwie packen. Mit denen müssen wir reden und über die müssen wir reden.


Tereza Hossa sammelt für die neunerhaus Tierarztpraxis!

Ihr erklärtes Ziel: 6.969 Euro. Damit sichern wir die tiermedizinische Versorgung von 23 geliebten Vierbeinern obdach- und wohnungsloser Menschen für ein ganzes Jahr!

Die neunerhaus Tierarztpraxis wird von ehrenamtlichen Tierärzt*innen, auf der Basis von Spenden betrieben! Jeder gespendete Euro macht einen Unterschied!

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In der neuen Kampagne #ÜberLebenReden kommen Menschen zu Wort, die wohnungs- oder obdachlos waren. Sie erzählen in kurzen Videos von ihren ganz persönlichen Erlebnissen und Begegnungen.