
Für viele bedeutet Weihnachten Familie und ein Zuhause. Doch was, wenn beides fehlt? Drei Bewohner*innen des neunerhaus Hagenmüllergasse erzählen beim gemeinsamen Weihnachtsessen, wie es zum Wohnungsverlust kam und was sie sich für das kommende Jahr wünschen.
Tanja L., 21 Jahre
„Wenn ich ehrlich sein darf, habe ich es mir ganz anders vorgestellt“, lacht Tanja L., „nicht so schön und feierlich.“ Es ist ihr erstes Weihnachten im neunerhaus Hagenmüllergasse. Seit einem halben Jahr wohnt die 21-Jährige mit ihrem Partner und Kater Smokey in der Einrichtung für obdach- und wohnungslose Menschen. Obwohl sie sich gut aufgehoben und sehr wohlfühlt, fühlt sie sich letzten Endes doch fehl am Platz: „Ich gehöre nicht hierher.“ Wenn sie einen Wunsch frei hätte, dann wäre es, schuldenfrei zu sein, denn „das würde vieles einfacher machen. Ein Wohnungsverlust verursacht so viele Schulden.“ Im Januar beginnt sie eine Lehre zur Malerin und hofft, bald wieder in eine eigene Wohnung ziehen zu können.
Andi S., 40 Jahre
Andi S. formuliert für das Jahr 2026 einen bescheidenen Wunsch: eine bessere Welt. Auf die Frage, was eine bessere Welt für ihn sei, deutet er auf die Festgesellschaft und antwortet: „Dass die Leute sich verstehen und lieb zueinander sind.” Der 40-Jährige lebt mittlerweile seit knapp zehn Jahren in der Hagenmüllergasse. In seiner Jugend sei viel schiefgegangen, sagt er. Er habe sich zu Hause eingesperrt und nur Computer gespielt. Irgendwann sei er in ein Umfeld geraten, das ihm nicht gutgetan habe. Er begann, Drogen zu nehmen, erzählt von nicht nur einer Überdosis. Im Alltag, der von starken Stimmungsschwankungen, Realitätsverlust, Ängsten und Verwirrungen geprägt war, fand er sich immer schlechter zurecht. Es wurde eine bipolare Störung diagnostiziert.
„Eine Zeit lang war ich im Park. Meine Mama hat mir da geholfen. Sie hat mir damals jeden Tag 20 Euro gebracht. Sonst hätte ich nicht einmal was zu essen oder zu trinken gehabt.“
Andi S. konnte aufgrund seiner psychischen Erkrankung nicht mehr bei seiner Mutter leben. Sie versuchte, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten weiterhin um ihn zu kümmern.
Im neunerhaus Hagenmüllergasse, sagt er, passe es schon für ihn. Er ist im dritten Wiener Gemeindebezirk aufgewachsen, kennt sich hier aus und findet hier die nötige Ruhe und Betreuung, um mit seiner Krankheit umgehen zu können. Mittelfristig sei auch betreutes Wohnen möglich, erzählt er noch.
Nina R., 46 Jahre
Nina R. ist 46 Jahre alt und Mutter eines 16-jährigen Sohnes. Auch sie erzählt von einer psychiatrischen Erkrankung, aufgrund derer sie ihre Wohnung verlor. Als sie deswegen eingewiesen wurde, organisierten die Sozialarbeiter*innen im Krankenhaus für sie einen Wohnplatz im neunerhaus Hagenmüllergasse. Das ist nun zwei Jahre her. Auf die Frage nach ihrem Wunsch für das Jahr 2026 antwortet sie, dass sie sich nur Gutes für ihren Sohn wünsche: „Meine Gedanken sind nur bei ihm.“
Gesundheit, Menschlichkeit und Kekse
Nach und nach lichtet sich die Festtagstafel. Die Geschenke wurden bereits verteilt, das Buffet wird langsam abgeräumt, einige Bewohner*innen sitzen noch in kleinen Grüppchen am Tisch. Die Keksteller sind nicht mehr ganz so üppig, wie zu Beginn der Feier.
Menschen, die obdach- oder wohnungslos waren und ins neunerhaus Hagenmüllergasse ziehen, tun das meist mit einem sehr schweren Rucksack: Sie haben psychische Belastungen, psychiatrische Erkrankungen, Suchterkrankungen und Gewalterfahrungen im Kindes- und Erwachsenenalter erlebt. Hinzu kommt das Leben auf der Straße oder in prekären Verhältnissen. Diesen Rucksack können sie nicht von heute auf morgen einfach ablegen. Doch das engagierte und multiprofessionelle Team im neunerhaus Hagenmüllergasse unterstützt sie dabei. Nicht nur mit fachlicher Expertise, sondern auch durch gemeinsames Feiern und Essen, mit einem Schmäh, der den Bewohner*innen nicht nur ein Lächeln ins Gesicht zaubert, sondern für herzhaftes Lachen sorgt und das mit liebevollen und ernstgemeinten Worten zeigt: Hier sind Menschlichkeit und Menschenwürde zu Hause. Zu jeder Jahreszeit.
Jede Spende macht einen Unterschied
Wer kein Zuhause hat, ist im Winter der Kälte, der Dunkelheit und der Einsamkeit schutzlos ausgeliefert. Darum rücken wir im Winter noch näher zusammen.