Obdach- und wohnungslose Frauen*: Unsichtbare Nöte und strukturelle Benachteiligungen

neunerhaus Geschäftsführerin Elisabeth Hammer © Christoph Liebentritt

Warum weibliche Wohnungslosigkeit oft unsichtbar bleibt, welche Rolle das persönliche Umfeld dabei spielen kann und wie die Wohnungslosenhilfe darauf antworten sollte, darüber spricht Elisabeth Hammer, Geschäftsführerin von neunerhaus.

Wie hängen strukturelle Benachteiligungen und Obdach- und Wohnungslosigkeit von Frauen* zusammen?

Elisabeth Hammer: Weibliche Wohnungs- und Obdachlosigkeit kann nicht von den Bedingungen, wie Frauen* insgesamt leben, welche Chancen, Barrieren und Risiken sie haben, isoliert betrachtet werden. Hinzu kommt die persönliche Gefährdungslage in Beziehungen. Diese Kombination bedeutet für sich schon eine existenzielle Ausgesetztheit von Frauen*, die ihre persönliche Sicherheit und Integrität betrifft. In extremer Form mündet sie in Obdach- oder Wohnungslosigkeit.

Wir denken strukturelle Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen*, Existenznöte und Gefährdungslagen von Frauen* und häusliche Gewalt zusammen. Das nutzt den Frauen*, die noch nicht wohnungs- und obdachlos sind, jenen, die verdeckt und versteckt wohnungslos sind und denen, die bereits bei uns sind.

Offiziell sind 6.629 Frauen* obdach- oder wohnungslos gemeldet. Vielmehr sind verdeckt wohnungslos. Sie tauchen in keiner Statistik auf und meiden oftmals aus Angst oder Scham Angebote der Wohnungsloseneinrichtung. Wie wirkt neunerhaus dem entgegen?

Wir setzen auf die Stärken der Frauen*, die zu uns kommen. Wir anerkennen ihre existenzbedrohende Situation und die Tatsache, dass sie sich Hilfe geholt haben und zeigen nicht mit erhobenem Finger auf ihre Situation – das würde Scham zusätzlich verstärken. Hinzukommt, wie wir über die Menschen sprechen, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen. Das ist gerade für Frauen* wichtig und wir sehen, dass sich Frauen* zu uns trauen.

Wie setzt sich neunerhaus konkret für Frauen* in Obdach- und Wohnungslosigkeit ein?

Wir haben einerseits Angebote, die ausschließlich Frauen* vorbehalten sind, wie beispielsweise das Frauen*-Stockwerk im Chancenhaus neunerhaus Billrothstraße. Andererseits haben wir Frauen*-Schwerpunkte in Angeboten, z.B. im neunerhaus Café oder im Gesundheitszentrum ohne sie explizit so zu nennen. Die Kolleg*innen haben einen geschulten, sensiblen Blick auf Frauen* und ihre verborgenen Nöte. So denken sie ihre existenziellen Krisen, ihre Traumatisierungen und Abhängigkeitsbeziehungen, die sie haben können, mit und handeln entsprechend.

Welche verborgenen Nöte sind das?

Die Krisensituation stellt sich bei Frauen* meist vertiefter dar, als sie es zuerst angeben – eben aus Gründen der Scham. Es ist bedeutsam, Frauen* zu zeigen und zu spiegeln, dass sie nicht allein sind.

„Das ist unser Anspruch, das machen wir bei neunerhaus: Frauen-spezifische Angebote setzen, die Lebenslage von Frauen* als Querschnittsmaterie denken und einen Frauen*-sensiblen Blick in der Praxis umsetzen.“

Elisabeth Hammer darüber, wie neunerhaus obdach- oder wohnungslose Frauen* erreicht.
Im Zusammenhang von weiblicher Obdach- und Wohnungslosigkeit spricht man oft von verdeckter Wohnungslosigkeit. Wie kann man im eigenen Umfeld aufmerksamer sein?

Trennungen sind Krisensituation – gerade für die Wohnsituation und die persönliche Integrität. Jeder erlebt Trennung – im Umfeld oder selbst. Man kann sich fragen, wie die Wohnsituation, die Einkommenssituation, die persönliche Sicherheit für die Frauen* und gegebenenfalls für die Kinder, aussieht. Es bleibt zwar sozialen Beratungseinrichtungen auf den ersten Blick verborgen, wenn Frauen* von Couch zu Couch ziehen, aber für das persönliche Umfeld ist das eigentlich sichtbar. Diese verdeckte oder versteckte Wohnungslosigkeit tritt bei Frauen* am häufigsten auf.

„Obdachlose Frauen* sind im Straßenbild zumeist nicht sichtbar, sie stellen auch eine relativ kleine Gruppe dar. Ich glaube, man muss sie auch nicht sehen. Aber ich glaube, es braucht mehr Verständnis für sie, und dafür können wir sorgen.“

Elisabeth Hammer
Wie hängen Wohnen und Gewaltschutz zusammen?

Eng. Wir müssen das Gewaltthema noch stärker mit dem Thema Wohnen verknüpfen. Aus häuslicher Gewalt ergibt sich auch immer eine Krise des Wohnens. Wir sollten darauf drängen, dass die Wohnsituation möglichst schnell wieder gesichert ist. Frauenhäuser sind hier eine wesentliche Ressource. Und Housing First ist oft der Game Changer. Wenn Frauen* davon wissen, kann es ihnen helfen, aus Gewaltbeziehungen auszusteigen, und zwar unmittelbar über das Wohnen. Die Möglichkeit, auf eigenen Beinen zu stehen, auch finanziell, ist deshalb auch zentral für die persönliche Integrität und Sicherheit. Insofern ist es in unserer täglichen Arbeit ganz wesentlich, wie wir Frauen* dabei unterstützen können, Einkommen und Wohnen zu sichern.

„Ich habe größten Respekt und Bewunderung für die Frauen*, die sich an uns wenden. Wir geben ihnen einen guten und sicheren Raum, in dem sie sich um ihre Angelegenheiten kümmern können.“

Frauen, die sich an neunerhaus wenden, verdienen Anerkennung und einen sicheren Raum, so Elisabeth Hammer.
Wie muss sich die Wohnungslosenhilfe insgesamt verändern?

Die Daten zeigen, dass der Anteil von Frauen*, die Angebote der Wohnungslosenhilfe in Anspruch nehmen, erstaunlich stabil ist, er liegt über die Jahre hinweg immer zirka bei einem Drittel. Gleichzeitig: Bei Housing First – ich habe das ja schon als Game Changer beschrieben – ist der Anteil von Frauen* höher und liegt bei mehr als 50 Prozent.

Und damit: Es braucht mehr Angebote, die – wie Housing First – auf die Bedarfslagen von Fraue  eine passgenaue Antwort sind. Auch die Angebote für trans-, inter- und nonbinäre Personen müssen ausgebaut werden. Ich fordere damit eine gendergerechte Wohnungslosenhilfe. Hier muss mehr Bewegung rein.


Weibliche Obach- und Wohnungslosigkeit ist anders

In Österreich sind 6.629 Frauen offiziell als obdach- oder wohnungslos registriert. Das entspricht rund einem Drittel aller erfassten Betroffenen. Die Dunkelziffer ist jedoch weitaus höher. Sie sind verdeckt wohnungslos. neunerhaus schafft Angebote und eine Atmosphäre, die wohnungs- und obdachlosen Frauen Sicherheit bieten. Über die strukturellen Ursachen weiblicher Obdach- und Wohnungslosigkeit und darüber, wie der Weg in ein selbstbestimmtes Leben langfristig gelingen kann, informieren wir auf neunerhaus.at/frauen.

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