
Sie geben nicht auf, sind gewieft und haben kreative Ideen, um mit ihrer Situation umzugehen. So beschreibt Sozialarbeiterin Theresia U. die Patient*innen, die ins neunerhaus Gesundheitszentrum kommen. Die Sozialarbeit macht sichtbar, was zunächst hinter medizinischen Themen liegt: Eine Lebensrealität, die von Gewalt und Abhängigkeiten geprägt ist. Aktuelle Kürzungen im Sozialbereich lassen wenig Spielraum – den Frauen und dem gesamten Team. Wie man trotzdem nicht den Mut verliert, erzählt die Sozialarbeiterin in einem Interview.
Welche Frauen kommen zu euch ins neunerhaus Gesundheitszentrum? Was ist ihr Hintergrund?
Theresia U.: Es sind Frauen, die nichtversichert, obdach- oder wohnungslos sind, sich in sehr prekären Arbeits- und Wohnverhältnissen befinden und von Armut betroffen sind. Die Gruppe ist sehr heterogen, es sind alle Altersgruppen vertreten. Bei vielen unserer Patientinnen liegt die Care-Arbeit bei ihnen, sie haben dadurch weniger Möglichkeiten, ein eigenes Einkommen zu generieren. Da geht es um die Sorgearbeit für Kinder und ältere oder erkrankte Familienmitglieder. Immer wieder behandeln wir Frauen aus Drittstaaten, die undokumentiert z.B. in Haushalten arbeiten. Das wenige, was sie verdienen, müssen oder wollen sie oft nachhause schicken. Andere arbeiten prekär in Reinigungsfirmen, wurden tageweise angestellt, dann wieder gekündigt und konnten so keinen Anspruch auf Versicherung bzw. Arbeitslosengeld generieren. Sie versuchen, sich irgendwie über Wasser zu halten. Wenn wir von unserer Zielgruppe sprechen, bewegen wir uns stets im Spannungsfeld struktureller Ungleichheit, Care-Arbeit, prekärer und ausbeuterischer Arbeitsbedingungen sowie gendermedizinischer Themen.
„Die meisten Frauen, die den Weg zu uns finden, ertragen extreme Abhängigkeitsverhältnisse und Gewalt, um irgendwo wohnen oder leben zu können. In einigen Fällen erbringen sie sexuelle Leistungen, um nicht auf der Straße zu landen.“
Theresia U., Sozialarbeiterin im neunerhaus Gesundheitszentrum
Was sind ihre gesundheitlichen Themen?
Unsere Patient*innen kommen mit allen Krankheitsbildern, wie andere auch, leiden aber vermehrt unter sogenannten Armutserkrankungen, die mit einem geringen Einkommen und einem prekären Lebensstandard einhergehen: Diabetes, Adipositas, Unterernährung, Lungenerkrankungen. Bei weiblichen Patientinnen geht es zusätzlich um gynäkologische Abklärungen und Versorgung. Auch gewollte oder ungewollte Schwangerschaften sind ein Thema. Viele Frauen sind zudem hohen psychischen Belastungen ausgesetzt, was sich wiederum negativ auf die Gesundheit auswirkt.
Was macht die gynäkologische Versorgung für eure Zielgruppe zur Herausforderung?
Als versicherte Frau ist es im Regelsystem schon sehr schwierig eine Ärztin oder einen Arzt zu finden, bei der man sich wohl fühlt und wo man sensible Themen ansprechen kann. Hier gibt es eine allgemeine Unterversorgung. Für Frauen ohne Versicherung, ohne Sprachkenntnisse ist es noch einmal schwieriger. Dazu kommt, dass manche der Patientinnen vielleicht noch nie eine gynäkologische Untersuchung hatten oder sie wollen explizit zu einer Frauenärztin. Das versuchen wir zu ermöglichen, indem wir mit Fachärzt*innen kooperieren. Wir sind dringend auf der Suche nach weiblichen Gynäkologinnen, zu denen wir unsere Patientinnen schicken können.
„Sie brauchen mehr Unterstützung und einen sensiblen Umgang. Wir wollen ihnen eine weitere Erfahrung ersparen, dass sie irgendjemandem ausgeliefert sind, dass ihnen die Kontrolle genommen wird, dass sie zu irgendetwas gedrängt werden, was sie gar nicht wollen oder nicht verstehen, weil es nicht erklärt wird.“
Die Sozialarbeiterin Theresia U. über die gynäkologische Versorgung von obdach- und wohnungslosen Frauen
Welchen Einfluss hat die prekäre Lebenssituation auf die Gesundheit?
Das Leben unserer Patient*innen ist von Diskriminierungserfahrungen, Rassismus und patriarchaler Gewalt geprägt. Gerade bei Frauen und FLINTA*-Personen (Akronym, das für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender-Personen steht) wirkt sich das stark negativ auf den Gesundheitszustand aus. Gesundheit braucht ein stabiles Zuhause, in dem man sich um sich selbst kümmern kann. Eine obdachlose Frau oder eine Frau, die von Gewalt betroffen ist, kommt nicht zur Ruhe. Auch nicht in einem Notquartier, das sie immer wieder wechseln muss und das meist ein männlich dominierter Raum ist.
Wie geht ihr vor, wenn eine Patientin gewaltbetroffen ist?
Sie hat in der Ordination immer Vorrang. Wir schauen uns jeden Fall genau an, damit wir nichts übersehen. Von ärztlicher Seite besteht Anzeigepflicht, wenn eine unmittelbare Gefahr für die Frau besteht. Wir haben auch die Möglichkeit der Verletzungsdokumentation: Eine Ärztin dokumentiert die Spuren der Gewalt, fotografiert und beschreibt sie. Unabhängig davon, ob es zur Anzeige kommt oder nicht. Neben der medizinischen Versorgung setzen wir auch Gesprächs- und Beziehungsangebote.
Wie sprecht ihr das Tabu-Thema Gewalt an?
Manche Frauen sprechen explizit an, dass sie misshandelt wurden. In diesen Fällen ist es einfacher, Angebote zu setzen und Begleitung anzubieten. Häufiger ist es, dass wir eine Vermutung haben. Bereits im Warteraum versuchen wir so aufmerksam wie möglich zu sein und beobachten Dynamiken. Wenn die Frau vom Partner in die Ordination begleitet wird, sie nicht für sich selbst sprechen darf und keine Sekunde aus den Augen gelassen wird, werden wir hellhörig. Wir gehen jedenfalls sehr sensibel vor, erklären Angebote ohne Druck auszuüben. Das kann schwer auszuhalten sein. Gerade als Sozialarbeiterin springt man schnell in den Lösungsmodus. Aber in manchen Fällen ist es wichtiger, eine Beziehung aufzubauen und den Frauen zu vermitteln, dass sie immer wieder kommen können.
„Scham spielt eine große Rolle, gerade bei gewaltbetroffenen Frauen, die zum Gewalttäter zurückgehen. Sie wissen, sie sollten es nicht tun. Aber wenn sich die Gewaltspirale dreht, kann das jeder Frau passieren.“
Bei gewaltbetroffenen Frauen ist ein geschulter Umgang – auch mit Sprache, enorm wichtig, weiß Sozialarbeiterin Theresia U.
Kannst du mir einen Fall schildern?
Eine obdachlose Frau kam regelmäßig hierher. Ihr Mann war sehr gewalttätig, erniedrigte sie und übte psychische Gewalt aus. Je betrunkener er war, desto schlimmer wurde es. Sie erzählte mir, dass sie sich allein noch schutzloser auf der Straße fühlt. Er sei zumindest ein Schutz nach außen, auch wenn nicht nach innen. Wir haben viel geredet und ich habe gelernt, wie man Gespräche führt, ohne einen Vorwurf zu machen. Auch zu oft wiederholte Hinweise, dass es ja Unterstützung gäbe, können bereits als Vorwurf interpretiert werden und dazu führen, dass sie z.B. aus Scham, nicht in der Lage zu sein sich zu trennen, vielleicht nicht mehr kommen. Wir wollen den Frauen vermitteln, dass sie, egal was passiert, immer wieder kommen können. Das ist auch ein bisschen die Kunst.
Im neunerhaus Gesundheitszentrum gibt es keine getrennten Ordinationszeiten für Frauen/ FLINTA* und Männer. Wie schafft ihr dennoch einen sicheren Rahmen, einen sicheren Ort?
Es beginnt bereits beim geordneten Einlass, bei dem wir die Menschen begrüßen und auf die Reihenfolge achten. Mit der von uns begleiteten Warteschlange stellen wir einen geregelten Raum zur Verfügung. Es geht nicht darum, wer am stärksten und lautesten ist. Patient*innen können sich sicher fühlen, dass sie ihren Platz beim Anstellen bekommen. Das ist immer noch keine Garantie dafür, dass das alles gut abläuft, aber wir bemühen uns. Wir träumen davon, das neunerhaus Gesundheitszentrum künftig an einem Wochentag ausschließlich für Frauen und FLINTA*-Personen zu öffnen.
„Im Alltag orientieren wir uns stark an unserer Haltung: Wo beginnt sexistisches Verhalten, wo gibt es Schutzräume für marginalisierte Personen? Aus einer queer-feministischen Perspektive ist es wichtig, auch non-binäre Personen und Transpersonen mitzudenken, ihre Situation ist eine spezielle, ihre Diskriminierungserfahrung eine andere.“
Die Haltung prägt die Arbeitsweise, so Theresia U.
Vor welchen gesundheitlichen Herausforderungen stehen non-binären Menschen und Transpersonen, die obdach- und wohnungslos oder nichtversichert sind?
Bei manchen Transpersonen gibt es den großen Wunsch nach einer Transitionstherapie (Hormone, Operationen) – die ohne Versicherung so gut wie nicht möglich ist. Aber eigentlich geht es um ganz normale Dinge, für die diese Menschen in der patriarchalen Medizin diskriminiert werden. Wohnungslose Trans-Personen haben nirgendwo einen Raum, da ist die Wohnungslosenhilfe schlecht aufgestellt. Sie kommen nie zur Ruhe. Das gilt gerade für Transfrauen.
Welche Momente geben dir in der Arbeit Mut oder Hoffnung?
Es ist die Motivation, den Leuten wirklich zuhören zu können. Es ist unser Interesse und die Neugier am Menschen: Wer bist du? Gerade als Sozialarbeiterin springt man gerne sofort in den Lösungsmodus – der ist auch sehr wichtig. Aber oft ist es schon ein Riesenschritt, der Person zuzuhören und sie ernst zu nehmen, in dem was sie braucht und auch will. Dieses Abwimmeln, das Gefühl der Ablehnung und nicht willkommen sein, das erlebt unsere Zielgruppe im Endeffekt tagtäglich. Sei es jetzt als Bettler*in, oder als Asylwerber*in, als undokumentierte*r Arbeiter*in oder als Person mit Suchterkrankung, oder obdachlos auf der Straße. Und die Erfolge motivieren natürlich auch: Wenn jemand wieder einen Versicherungsstatus erhält, wir diese oder jene medizinische Behandlung ermöglichen können, wenn jemand wieder einen sicheren Schlafplatz erhält. Wobei es durch die aktuellen Kürzungen im Sozialbereich immer komplexer wird. So wird es immer schwieriger, eine medizinische Versorgung für nichtversicherte Patient*innen, die über die Versorgung im Gesundheitsbereich hinausgeht, zu organisieren. Überall wird gekürzt. Frauen/FLINTA* werden besonders davon betroffen sein.
Inwiefern werden Frauen/FLINTA* von den Kürzungen besonders betroffen sein?
Die Einschränkungen von Beratungsangeboten und Unterstützungsleistungen treffen Frauen und marginalisierte Personen überdurchschnittlich hart, da sie häufiger von Armut betroffen sind. Dies macht es z.B. noch schwieriger sich von Gewalttätern zu trennen. Bei der Mindestsicherung werden Familienzuschläge gekürzt, geringfügiges Arbeiten neben einem AMS-Bezug ist nicht mehr möglich. Ein prekäres Leben wird noch prekärer. Finanzierungen von neuen, wichtigen Projekten z.B. für Transpersonen werden schwieriger werden.
Woher nehmen die Frauen, die zu euch kommen die Kraft, nicht aufzugeben?
Sie bringen viel mit. Eine Patientin hat mich sehr beeindruckt. Sie wurde von ihrem Freund in sogenannten „Drogennächten“ an Männer verkauft. Diese Frau hat für das, was sie durchmachte und durchstand, so viel Stärke und Mut ausgestrahlt. Die Frauen finden sich soziale Ressourcen, jemanden in einer Einrichtung, der sie unterstützt. Sie geben nicht auf, sind gewieft, haben kreative Ideen, mit ihrer Situation umzugehen.
Weibliche Obdach- und Wohnungslosigkeit ist anders
In Österreich sind 6.629 Frauen offiziell als obdach- oder wohnungslos registriert. Das entspricht rund einem Drittel aller erfassten Betroffenen. Die Dunkelziffer ist jedoch weitaus höher. Sie sind verdeckt wohnungslos. neunerhaus schafft Angebote und eine Atmosphäre, die wohnungs- und obdachlosen Frauen Sicherheit bieten. Über die strukturellen Ursachen weiblicher Obdach- und Wohnungslosigkeit und darüber, wie der Weg in ein selbstbestimmtes Leben langfristig gelingen kann, informieren wir auf neunerhaus.at/frauen.
Niederschwellige Sozial- und Peer-Arbeit im neunerhaus Gesundheitszentrum
Sozialarbeiter*innen und Peer-Mitarbeiter*innen arbeiten in engem Austausch mit allen medizinischen Angeboten im neunerhaus Gesundheitszentrum. Sie tragen dazu bei, die Lebensbedingungen der Patient*innen langfristig zu verbessern. Dazu gehört ein aufrechter Versicherungsschutz, ein gesichertes Wohnverhältnis und ein stabiles Einkommen.