„Wir sind ganz normale Menschen.“

Greogor R. hat 2026 den neunerhaus Peer Camus absolviert Foto: neunerhaus

Gregor R. ist Vater und Opa sowie Sänger und Gitarrist der Band „Die feinen Leute“. Nach einer Lebenskrise ist er in die Alkoholsucht abgerutscht und war für kurze Zeit obdachlos. Als weißer Österreicher betrachtet er sich in einer privilegierten Situation – das System hat ihm rasch und effizient geholfen. Die Teilnahme am Peer-Kurs hat ihm jedoch gezeigt, dass es vielen anderen Menschen ganz anders (er)gehen kann.

Du stehst kurz vor dem Abschluss deines Kurses. Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Ich wünsche mir, dass Menschen, die wohnungs- oder obdachlos waren, respektvoll behandelt werden.

Wie kam es dazu, dass du obdach- bzw. wohnungslos wurdest?

Das ist eigentlich eine klassische Geschichte. Ich hatte Depressionen und Angstzustände und bin dadurch in eine Alkoholerkrankung geschlittert. Danach kam die Trennung – ganz der Klassiker. Ja, das Geld war weg. Irgendwann war ich kurz obdachlos und dann relativ rasch in einem „klassischen Männerheim“. Das ist die kurze Fassung.

Was sollten Menschen über Obdach und Wohnungslosigkeit wissen?

Dass wir ganz normale Menschen sind. Ich finde, eine Normalisierung wäre sehr wichtig. Obdachlosigkeit sollte von der Gesellschaft als Lebensabschnitt verstanden werden, weil es jede*n erwischen kann. Ich habe, bevor ich obdachlos wurde, „ein super tolles, braves Leben geführt“. Ich bin arbeiten gegangen, dies, das. Und dann erwischt es dich. So schnell kannst du gar nicht schauen. Bevor ich selbst wohnungs- und obdachlos war, habe ich es auch nicht glauben können. Man kann sich manche Dinge einfach nicht vorstellen.

Gibt es etwas, das du in deinem Leben anders machen würdest?

Eigentlich nicht. Die Zeit der Wohnungslosigkeit war natürlich nicht immer lustig. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich bin trotzdem dankbar, dass ich das erleben durfte. Ich war nie in Lebensgefahr und konnte dadurch sehr viele Dinge mitnehmen und Erfahrungen sammeln, die mir heute wichtig sind und mir helfen, so dazustehen, wie ich es heute tue. Ich stehe jetzt jedenfalls besser da als vorher. Für mich.

Worauf bist du stolz?

Auf meine Kinder. Im Nachhinein betrachtet, habe ich mir immer sehr schwergetan, stolz auf mich zu sein. Im Kurs wurde uns eingetrichtert, dass wir stolz auf uns sein können. Eigentlich bin ich stolz darauf, dass ich diesen Weg gut gegangen bin. Dass ich mich nicht habe abbringen lassen, Peer zu werden. Und darauf, wo ich jetzt bin und alles gemeistert habe. Mit allen Hürden.

Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen?

Ich würde meinem jüngeren Ich sehr viel mehr zuhören, als ihm etwas zu sagen.

Welches Thema der Peer-Arbeit liegt dir besonders am Herzen? Worauf willst du den Fokus legen?

Mein Thema ist die Stigmatisierung von obdach- und wohnungslosen Menschen. Wie ich vorhin schon gesagt habe: Ich glaube, es wäre so einfach, wenn diese „Gesellschaftsschicht normalisiert“ würde. Ich mag die Formulierung in dem Zusammenhang sehr gern. Das gilt ja für alle Randgruppen oder auch beim Thema Sucht. Es ist ein Zustand, den man hatte oder hat. Wer davon betroffen ist, ist nichts Böses oder Schlechtes und hat deswegen nicht weniger Leistung erbracht. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Alles ist auf Leistung getrimmt. Wenn jemand wohnungs- oder obdachlos war, dann hat er für die Gesellschaft angeblich zu wenig Leistung erbracht. Und das ist Schwachsinn.

Was gibt es sonst noch, was man über dich wissen könnte?

Ich bin Gitarrist und Sänger in der Band „Die feinen Leute“. Wir spielen Lieder von Georg Danzer, ich bin der Sänger. Unser Gitarrist ist mein Lebensgefährte, wie man so schön sagt. Er hat mich durch alle schwierigen Zeiten begleitet und mich immer so akzeptiert, wie ich bin. Musik ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens. Auch meine Familie und meine Kinder – ich bin schon Opa – haben mir sehr geholfen. Ich hatte immer ein „funktionierendes“ soziales Umfeld, wofür ich sehr dankbar bin!

Was möchtest du unbedingt noch loswerden?

Es gibt einen schönen Spruch von George Tabori, den ich in meiner Abschlussarbeit verwendet habe. „Jeder ist jemand.“ Und das sagt eigentlich alles.


Peers der Wohnungslosenhilfe – Erfahrung wird zur Expertise

Am neunerhaus Peer Campus absolvieren ehemals obdach- und wohnungslose Menschen einen siebenmonatige Ausbildung. Diese Ausbildung befähigt sie zur Arbeit in der Wohnungslosenhilfe und ermöglicht ein eigenständiges Einkommen.

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