
Nadja G. ist 25 Jahre alt. Seit sie volljährig ist, versucht sie auf eigenen Beinen zu stehen. Dabei ist sie mehrmals hingefallen. Ihre Willensstärke und ihr Hund Mäx geben ihr Kraft, nicht aufzugeben. Wir haben die beiden nach dem Besuch in der neunerhaus Tierarztpraxis auf einen Tee im neunerhaus Café nebenan getroffen.
Eigentlich sei sie ja kein Hundemensch, erzählt Nadja G., die anders heißt, aber lieber anonym bleiben will. Mäx, der sechsjährige Rüde, sitzt auf ihrem Schoß und genießt die Streicheleinheiten. Warum sie ihn dennoch von einer Bekannten übernahm, ist schnell erklärt: „Ich habe einen Grund zum Überleben gebraucht. Das kann man auch gerne reinschreiben.“ Nadja G. ist es wichtig, dass die Menschen das Angebot von neunerhaus kennen, und teilt deshalb ihre Geschichte. Die 25-Jährige wohnt seit einigen Monaten in einem Übergangsquartier der Wohnungslosenhilfe. Ihr Zimmer ist sechs Quadratmeter groß. Gemeinschaftsbad und -küche teilt sie sich mit den anderen obdach- und wohnungslosen Menschen. Es ist ein Haus für erwachsene Männer und Frauen. In Wien sind über 11.500 Menschen obdach- oder wohnungslos, 18 % unter 30 Jahren. Nadja G. zählt auch dazu. Wie kam es dazu?
Auf sich allein gestellt
„Kompliziert“, antwortet sie. Sie möchte nicht im Detail erzählen, was passiert ist, gibt aber dennoch Einblick in ihre Biografie. Sie wuchs in einer Adoptivfamilie auf. Ihre leibliche Mutter ist verstorben. Der leibliche Vater wies vor über 20 Jahren jegliche Verantwortung von sich. Ihn zu erreichen hat sie aufgegeben, das sei nur verletzend.
Mit der Volljährigkeit beschloss sie, ihr Zuhause, das eigentlich keines war, zu verlassen. Was ihr Befreiungsschlag werden sollte, führte jedoch zum Zusammenbruch. Mit dem Auszug zeigten sich ihre psychischen Erkrankungen mit voller Härte: eine komplexe, posttraumatische Belastungsstörung und schwere Depressionen. Krankheiten, die es den Betroffenen schwer machen, den Tag zu bewältigen, aufzustehen, sich zu konzentrieren, einer Ausbildung oder Arbeit nachzugehen. Nadja G. schaffte es damals, die Lehre zur Industriefachkraft abzuschließen, konnte aber aufgrund ihrer Erkrankungen nicht länger arbeiten.
Sie versuchte sich irgendwie über Wasser zu halten, zog nach Linz und dann nach Wien. Sie wohnte in WGs oder bei Bekannten. Lange hielt sie es nie aus, weil sie aufgrund ihrer posttraumatischen Belastungsstörung Ängste gegenüber ihrem Umfeld hegte: „Es war, als würde ich mich wieder bei meinen Adoptiveltern befinden.“ Mit 23 landete sie zum ersten Mal in einer Einrichtung für obdachlose Menschen. Sie habe sich am Anfang sehr dafür geschämt, nicht das erreicht zu haben, was andere in ihrem Alter schon erreicht hätten: Eine Wohnung und eine Arbeit. Gleichzeitig fühlte sie sich schuldig, wenn sie Hilfe annahm. Deshalb gab sie ihren Platz in der Obdachloseneinrichtung zunächst auf und probierte es wieder in einer WG. „Aber das ging nicht lange. Das funktioniert mit so wenig Geld nicht.“ Seit 2019 ist die 25-Jährige neun Mal umgezogen.
„Ich kann nicht länger warten.“
Die Kosten für die Psychotherapie stemmt Nadja G. selbst – ihr Zustand war zu kritisch, als dass sie auf einen Kassenplatz hätte warten wollen.
„Ich habe ein schlechtes Gewissen gekriegt. Und irgendwo war der Wille noch da, am Leben zu bleiben.“ Immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene sind von psychischen Belastungen betroffen. Wesentlich für ihre Gesundheit wäre ein stabiles Umfeld, ein sicherer und langfristiger Wohnort und psychosoziale Betreuung. Nadja G. kämpft jeden Tag gegen ihre Krankheit. Siesteht auf, hat sich eine Lehrstelle als Gärtnerin und einen Therapieplatz organisiert, den sie sich mit dem kleinen Erbe finanziert, das ihr zum 18. Geburtstag ausbezahlt wurde – auf einen Kassenplatz hätte sie nicht warten können. Ihren Hund Mäx bezeichnet sie in diesem Zusammenhang als Lebensretter: Er beruhigt sie und sie fühlt sich mit ihm weniger einsam.
Wohnungslos als junge Frau
Nadja G. ist eine junge Frau. Wie es ist, mit 25 Jahren ein kleines Zimmer in einer Obdachloseneinrichtung zu bewohnen, sich die Küche und das Badezimmer mit anderen zu teilen, wollen wir mit ihren eigenen Worten wiedergeben:
„Ich bin im Frauenbereich. In der Vergangenheit wurde ich schon Opfer sexueller Gewalt. Ich erzähle davon, weil ich mich nicht mehr dafür schämen will. Im Heim war ich noch keinen Übergriffen ausgesetzt. Zum Glück. Ich bin trotzdem freundlich und nett und helfe diesen Männern dann auch, wenn sie was brauchen. Meistens erfinde ich aber Ausreden. Bei manchen muss man aufpassen, weil sie schnell aggressiv werden. Man weiß nicht, wie sie reagieren, erst recht nicht, wenn sie alkoholisiert sind. Man muss immer aufpassen. Ich kann nicht in kurzer Hose raus, nicht mal kurz, um mit Mäx Gassi zu gehen. Da kommen die meisten depperten Bemerkungen.“
Nadja G. über ihre Erfahrungen als junge wohnungslose Frau.
Es fällt Nadja G. schwer, stolz auf sich zu sein: „Ich weiß, du willst, dass ich etwas Positives über mich sage, aber das kann ich nicht.“ Dabei hat sie schon vieles geschafft: Ihre Ausbildung zur Gärtnerin hat sie begonnen. Sie träumt von einer eigenen Wohnung und finanzieller Stabilität – damit auch etwas Geld für Kleidung übrigbleibt – in ihrer Lieblingsfarbe Lila. Sie würde sich gerne vegan und abwechslungsreich ernähren, manchmal in ein Restaurant, denn „dann könnt ich Luxus-Vegan essen, nicht nur Tofu!“ Aber auch dafür fehlt das Geld – sie ist wie 1,1 Millionen Menschen in Österreich von Ernährungsarmut betroffen. In Wien will sie jedenfalls bleiben. Denn, „da bin ich ganz weit weg von dort, wo das alles passiert ist.“
Disclaimer: Zwischen dem Interview und der Veröffentlichung lagen einige Wochen. Aufgrund ihrer psychischen Belastung dauerte es ein wenig, bis Nadja G. ihre Geschichte freigeben konnte. Den Namen Nadja hat sie sich für ihre Geschichte ausgesucht, weil er Hoffnung bedeutet. In wenigen Tagen wird sie eine Wohnung von Wiener Wohnen besichtigen. Grund zur Hoffnung.
Nicht bei den Jungen sparen.
Kürzungen und die gesetzlichen Änderungen der Wiener Mindestsicherung treffen junge Erwachsene besonders hart. 37% der in Wien lebenden jungen Erwachsenen bis 25 igelten bereits jetzt als armutsgefährdet. Die Kürzungen bedeuten einen Einschnitt in bereits sehr niedrige Einkommen, erschweren die Suche nach einer leistbaren Wohnoption und schränken Zukunftsperspektiven ein. Welche Unterstützung junge Erwachsene brauchen, haben wir in diesem Beitrag zusammengefasst.
Laut Statistik Austria waren 2024 in Österreich 21.073 Menschen als wohnungs- oder obdachlos registriert:
- 11 % davon waren junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren.
- 18 % aller obdach- und wohnungslosen Menschen in Wien sind junge Erwachsene bis 30 Jahre.
- In Wien gelten 37% der jungen Erwachsenen bis 25 Jahre als armutsgefährdet. (Quelle: Stadt Wien, 2024)
- 54.000 junge Erwachsene waren im Oktober 2025 beim AMS arbeitslos vorgemerkt, in Schulungen oder auf Lehrstellensuche (Quelle: AK Stadt, Nr. 04/2025)