
Martina D. ist 35 Jahre alt und heißt eigentlich anders. Sie gehört zu den sogenannten Care-Leavern. Im Alter von 18 Jahren stand sie ohne Bleibe und ohne jegliche Hilfe dar. Sie war lange Zeit wohnungslos, betrieb Couchsurfing und erlebte dabei viel Gewalt. Nach einem Aufenthalt im Frauenhaus wohnt sie nun ein einer betreuten Wohnung von neunerhaus. 2026 schloss sie die Ausbildung am Peer Campus ab. Über eine Kindheit und Jugend als Vollwaise und wie entscheidend kleine Gesten des freundlichen Miteinanders sein können.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Für die Zukunft wünsche ich mir eine Stelle im Sozialbereich und in einem Team, in dem ich mich wohlfühle, in dem ich meine Ideen einbringen kann und meine Erfahrungen in der Wohnungslosigkeit als Ressource gesehen werden.
Wie kam es dazu, dass du obdach- bzw. wohnungslos wurdest?
Ich bin Vollwaise und bin in einem Mädchenheim aufgewachsen. Im Alter von 16, 17 Jahren kam ich zum ersten Mal mit Drogen in Berührung. Im Alter von 18 musste ich aus dem Heim ausziehen – das waren damals die Rahmenbedingungen. Es kam viel zusammen. Ich stand auf der Liste für einen Platz in einem Übergangswohnheim – den Platz habe ich aber aufgrund meiner Drogenerkrankung nicht gekriegt, obwohl ich gerade einen Entzug machte. Ich habe dann bei Bekannten, bei Freund*innen übernachtet. Ich wusste nie, wie lange ich dort bleiben kann.
„Ich war ein paar Tage dort, ein paar Tage da. Recht schnell habe ich wieder Bekanntschaft mit Menschen gemacht, die ebenfalls süchtig waren. Dann bin ich wieder in die Sucht geschlittert und war richtig tief drin.“
Martina D. hatte lange Zeit kein Zuhause. Die Bewältigung ihrer Suchterkrankung war deswegen besonders schwer.
Ich habe erneut einen Entzug gemacht und eine Sozialarbeiterin kennengelernt, die mir wirklich zuhörte und mir half, eine Perspektive und eine Wohnung zu finden. Von außen betrachtet war ich stabil, aber innen drin war ich es nicht. Ich hatte die Wohnung, war im Substitutionsprogramm und hatte meine Sucht gut im Griff. Aber ich hatte irrsinnige Minderwertigkeitskomplexe, habe mich mit mir selbst nicht wohlgefühlt und musste erst einmal lernen, soziale Kompetenzen aufzubauen. Dann wurde ich ein zweites Mal obdachlos, weil das Wohnhaus, in dem ich wohnte, von Schimmel befallen war. Niemand im Haus hatte wirklich viel Geld, wir konnten uns nicht zur Wehr setzen. Ich bin zu einem Bekannten, der sich aber als gewalttätig entpuppte. Im Frauenhaus wurde mir eine von neunerhaus betreute Wohnung vermittelt.
Warum wolltest du die Ausbildung zur Peer der Wohnungslosigkeit machen?
In der Zeit, in der ich ohne Zuhause war, war ich auf mich selbst angewiesen und habe mir viel beigebracht. Aber ich habe das und meine Geschichte nie als Ressource betrachtet. Ich habe ursprünglich Kosmetikerin gelernt, aber keinen Job gefunden, weil ich zwischendurch obdachlos war. Diese Lücke im Lebenslauf musst du immerzu verstecken. Als Peer fühle ich mich sinnvoll und nützlich. Das gibt mir Hoffnung.
Was sollen die Menschen über Obdach- und Wohnungslosigkeit wissen?
Es gibt eine Menge Vorurteile, es braucht mehr Aufklärung. Unter den falschen Umständen kann es jede*m passieren. Dasselbe gilt für Sucht, auch hier gibt es viele Stigmata. Die wenigsten Menschen haben Zeit, sich hinzusetzen und sich darüber zu informieren.
Worauf bist du stolz?
Das ist schwer. Ich würde sagen, ich bin stolz darauf, dass ich drangeblieben bin. Es gab so viele Momente, in denen ich gerne aufgeben wollte und wo ich auch aufgegeben habe. Aber es gab auch Momente, in denen ich mich wieder aufgerappelt habe. Oder Momente, in denen jemand doch ein nettes Wort an mich gerichtet hat und ich für mich selbst entschieden habe, dass ich das als Motivation nehme. Niemand kommt zu dir und tröstet dich. Aber es gibt so viele Menschen, die, wenn man achtsam ist, dann doch freundlich und hilfsbereit sind – und wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Ich glaube, man muss selbst den Schritt setzen, die Perspektive wechseln und die guten Dinge sehen und das als Geschenk und als Motivation nehmen. Das ist schwer und das kostet Kraft. Aber ich glaube, darauf bin ich stolz, dass ich da drangeblieben bin.
Was gibt es abseits von all dem noch über dich zu wissen?
Ich hatte zehn Jahre lang einen Hund, den habe ich aus dem Tierheim adoptierte. Leider verstarb er vor zwei Jahren.
Vermisst du ihn?
Ich vermisse ihn sehr. Wenn man einen Hund hat, dann ist da jemand, der dich nicht verurteilt, der dich so liebt, wie du bist. Dieses Gefühl, dass da jemand ist, der sich freut, egal was passiert ist, ist ein schönes. Ich glaube, das vermisse ich ein bisschen.
Martina D. entwickelte für ihre Abschlussarbeit am neunerhaus Peer Campus ein Matching-Projekt zwischen armutsbetroffenen Menschen, die sich selbst keine Tiere leisten können und Tierheimen, die darauf angewiesen sind, dass sich Menschen um die Tiere kümmern.
Peers der Wohnungslosenhilfe – Erfahrung wird zur Expertise
Am neunerhaus Peer Campus absolvieren ehemals obdach- und wohnungslose Menschen eine siebenmonatige Ausbildung. Diese Ausbildung befähigt sie zur Arbeit in der Wohnungslosenhilfe und ermöglicht ein eigenständiges Einkommen. Martina D. ist eine von 17 Absolvent*innen, die 2026 die Ausbildung abgeschlossen haben.