„Wir alle brauchen Mutmacher*innen.“

Wolfgang Rosam Foto: neunerhaus

Tausendsassa, Optimist und Anpacker: Wolfgang Rosam, PR-Berater, Autor sowie Herausgeber und Chefredakteur des Gourmetmagazins Falstaff, im Gespräch mit neunerhaus Geschäftsführerin Elisabeth Hammer. 

Elisabeth Hammer: Du stellst das Gute, das Schöne und die Lebensfreude stark in den Mittelpunkt. Ist dieser optimistische Blick eine persönliche Grundhaltung?


Wolfgang Rosam: Eine solche Grundhaltung ist auch eine Charaktereigenschaft. Manche Menschen sind eher pessimistisch, andere zweifeln viel, und wieder andere sind optimistisch. Ich bin ein hoffnungsloser Optimist. Ich versuche immer, das Gute zu sehen. Für mich ist das Glas halb voll und nicht halb leer.
Ich bin vor rund 50 Jahren als Kärntner nach Wien gekommen und hatte außer einem Straßenbahnfahrschein praktisch nichts in der Tasche. Ich habe nichts geerbt und mir das, was ich heute habe, selbst aufgebaut. Dabei war Optimismus eine entscheidende Triebfeder. Optimistische Menschen motivieren und machen auch anderen Mut.

Hammer: Auch wir verstehen uns als Mutmacher*innen für Menschen, die es gerade schwer haben. Gab es in deinem Leben Menschen, die dir Türen geöffnet und Mut gemacht haben?


Rosam: Ich glaube, man braucht immer Mutmacher*innen. Man könnte auch von Mentor*innen oder Vorbildern sprechen. Es braucht jemanden, der an der Seite steht, Mut macht und sagt: „Wir schaffen das.“ Im Leben gibt es immer wieder Situationen, in denen man sich fragt: Soll ich oder soll ich nicht? Genau dann braucht man jemanden, der sagt: „Mach es.“ Das kann ein*e Partner*in, ein*e Freund*in, ein*e Vorgesetzte*r oder eine andere Vertrauensperson sein. Wir alle brauchen solche Mutmacher*innen.

Hammer: Diese Rolle können auch Mitarbeiter*innen von neunerhaus übernehmen, insbesondere für Menschen, die kaum private Netzwerke haben.


Rosam: Absolut. Ihr habt täglich mit Menschen zu tun, bei denen vieles schiefgegangen ist und die teilweise vor dem Nichts stehen. Diesen Menschen Mut zu machen und noch das kleine Fünkchen zu erkennen, aus dem eine Chance entstehen kann, ist enorm wichtig.
Manchmal geht es zunächst darum, dass ein Mensch überhaupt weiterlebt, wieder auf die eigene Hygiene achtet, eine medizinische Behandlung annimmt, sich unter andere Menschen traut und sich nicht vollkommen zurückzieht.

Hammer: Nach deinen großen beruflichen Erfolgen und deiner Karriere: Woher kommen dein soziales Gespür und dein Verantwortungsbewusstsein?


Rosam: Für mich beginnt das bei einer Grundeigenschaft: Respekt. In unserer Gesellschaft gibt es zu wenig Respekt. Hätten wir mehr davon, hätten wir viele Probleme weniger. Ich habe zwei Kinder. Mein wichtigstes erzieherisches Prinzip war immer: Respekt. Respekt gegenüber den Eltern, gegenüber Freund*innen, Mitschüler*innen und anderen Menschen. Aus Respekt entsteht Empathie – die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Auch davon könnte unsere Gesellschaft mehr gebrauchen.

„In unserer Gesellschaft gibt es zu wenig Respekt. Hätten wir mehr davon, hätten wir viele Probleme weniger.“

Wolfgang Rosam im Gespräch mit Elisabeth Hammer

Aus Empathie entsteht Mitgefühl. Es geht aber nicht um Mitleid. Entscheidend ist die Frage: Wie können wir einem Menschen dabei helfen, wieder auf die Beine zu kommen? Das ist aus meiner Sicht das Besondere an neunerhaus. Ihr leistet Hilfe zur Selbsthilfe. Natürlich ist es wichtig, dass ein Mensch nicht verhungert oder erfriert. Doch es geht darüber hinaus: Kann er wieder auf die Beine kommen? Wie können wir ihn dabei unterstützen? Oft beginnt das bei einfachen Dingen: sich wieder waschen, die Zähne behandeln lassen und sich wieder im Spiegel ansehen können.

Hammer: Es geht um Selbstrespekt und Selbstachtung.

Rosam: Genau. Respekt vor sich selbst und Selbstachtung hängen eng zusammen. Ein Mensch kann wieder spüren: Ich bin nicht verloren. Diese Menschen sprechen mit mir auf Augenhöhe. Ihr respektiert die Menschen, mit denen ihr arbeitet. Sie spüren, diese Person glaubt an mich.

Hammer: In Zeiten wie diesen werden sich viele vermögende Menschen nicht nur ihrer sozialen, sondern auch ihrer demokratiepolitischen Verantwortung stärker bewusst. Sie haben ein Interesse daran, dass das gesellschaftliche Klima nicht kippt und die Gesellschaft nicht weiter auseinanderdriftet.


Rosam: Das ist ein wichtiger Zusammenhang. Wenn sich Gefühle verhärten und Enttäuschung zu groß wird, radikalisiert sich eine Gesellschaft. Viele Menschen können sich heute selbst mit einem durchschnittlichen Einkommen kaum noch eine Eigentumswohnung leisten. Solche Entwicklungen erzeugen Frustration und Enttäuschung. Menschen suchen Schuldige und richten ihren Ärger häufig gegen die jeweils regierende Politik. Wer diese gesellschaftliche Enttäuschung gezielt verstärkt und für sich nutzt, kann politisch davon profitieren.

Die Frage lautet daher: Wie können wir gegensteuern? Einzelne Kommentare oder Appelle reichen dafür nicht. Deshalb ist die Arbeit von neunerhaus – auch in größerem Kontext gesehen – so wichtig: Wohnungslosigkeit, Wohnen, Gesundheit und der öffentliche Raum betreffen letztlich uns alle.

Hammer: Vielen Dank für das Gespräch.

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