Wieder ins Gestalten kommen

Bewohnerin Nina R. hält ihr Lieblingswerk in Händen. Foto: neunerhaus

In der kreativen Stunde im neunerhaus Hagenmüllergasse geht es in erster Linie gar nicht darum, schwere Themen über das Malen zu bearbeiten. Doch wer den Teilnehmer*innen genau zuhört, ein Ohr für das Nicht-Gesagte hat, der erfährt von Menschen, die es an irgendeiner Stelle ihres Lebens schwer oder nicht die Ressourcen hatten, um das, was ihnen das Leben vor die Füße wirft, aus eigener Kraft wegzuschaffen. Eine Aufzeichnung.

Julia Darwiche ist Kunsttherapeutin in Ausbildung unter Supervision. Ihr Praktikum absolviert sie im neunerhaus Hagenmüllergasse und bietet dort einmal wöchentlich einen kreativen Nachmittag an. Sie ist Künstlerin und begleitet Menschen in und mittels der Kunst. An diesem Nachmittag bringt sie Stifte, Farben und leere Postkarten in die kreative Stunde mit. Urlaubsorte und -erinnerungen sollen ergründet und erforscht werden.

Ein Kommen, Gehen und Zeichnen

Salma* setzt sich an den Tisch. Still, noch schweigsam. Die angehende Kunsttherapeutin Darwiche begrüßt sie und erklärt ihr die heutige Stunde. Salma nimmt eine Postkarte und beginnt, Bilder aus einem Reisekatalog auszuschneiden. Sie klebt sie auf die weiße Fläche der Karte. Fotografiert möchte sie lieber nicht werden. Sie findet im Reisekatalog ein Foto, dass sie an das Haus ihrer Großeltern erinnert und klebt es auf eine weitere Postkarte. Dann erzählt sie, ganz leise, von ihrer Familie, davon, dass es bei ihren Großeltern sehr altmodisch war, von ihren vielen Geschwistern und einer Mutter, die sehr liebend war. Sie ist 39. Die Eltern sind ins Ausland gezogen, da war sie Mitte zwanzig. Sie fragt nach Kaffee. Mit viel Milch.

„Ab da, wo ich eine Schere in der Hand habe, bin ich im Gestalten und im Erleben des Gestaltens. Das ist das Wichtige. Wieder ins Gestalten kommen.“

Julia Darwiche über ihr Angebot im neunerhaus Hagenmüllergasse

Mit dem Zeichenblock unter dem Arm betritt Nina R. das neunerl. Schnell öffnet sie ihren Zeichenblock, zugleich Zeichenmappe, und legt ihre Zeichnungen auf den Tisch. Dann nimmt sie sich eine Postkarte, wählt die Farben und Stift, konzentriert, bewusst. Sie zeichnet, erhält einen Anruf. Geht raus. Kommt wieder herein. Zeichnet weiter. Der Hase auf der Postkarte sitzt bald inmitten einer satten und bunten Landschaft. Etwas später wird sie, abseits der Gruppe, über das Malen erzählen. Es habe einen beruhigenden Effekt auf ihre Gedanken, sagt sie. Ihr Lieblingsbild zeigt Szenen aus dem Buch „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson. Papageien. Eine Piratenkatze.

„Ich spüre hier Geborgenheit.“

Nina R. wohnt schon seit einigen Jahren im neunerhaus Hagenmüllergasse.

Ein älterer Bewohner, Roman*, vielleicht 60, gesellt sich zur Runde. Seit drei Jahren ist das neunerhaus Hagenmüllergasse sein Zuhause. Er erzählt von seinen Kindern, von Enkerln und Urenkerln. Eigentlich ist er aus Vorarlberg. Anerkennend verwickelt er Nina R. in ein Gespräch über ihre Bilder. Hält sie in die Höhe. Teilt seine Begeisterung. Schließlich nimmt er eine Karte in die Hand und beginnt, gemeinsam mit Darwiche, Linien über die Postkarte zu ziehen.

„Es braucht kein künstlerisches Interesse oder Talent, um daran teilzunehmen. Es geht auch nicht um ein Werk oder ums Können. Es geht ums Zusammensein. Es geht darum, dass man Ausdruck für Dinge findet. Beim Zeichnen, Kritzeln, Ausschneiden, da passiert schon was.“

Es braucht keine Vorkenntnisse, sagt Julia Darwiche über ihre kreatives Stunde bei neunerhaus

Ernst*, etwa 50 Jahre, macht große Augen, als er das neunerl betritt. Er redet, ist aufgeregt, neugierig, treibt Scherze. Setzt sich hin. Steht auf. Geht herum. Setzt sich hin. Die Kunsttherapeutin legt ihm eine Postkarte hin. Er zeichnet ein Herz darauf.

Ein jüngerer Bewohner, Macro*, er ist 36, stößt zur Gruppe. Unverhofft, eigentlich hat er etwas im neunerl gesucht. Wenn er schon einmal hier ist, kann er sich auch gleich dazusetzen. Er beginnt zu malen. Und er erzählt. Ganz offen. 2017 verlor er beide Eltern, sie waren schwer krank. Die gemeinsame Wohnung konnte er nicht halten. Er ist abgestürzt. Jetzt will er wieder zurück in ein normales Leben. Arbeiten. Von den Drogen los. Im neunerhaus Hagenmüllergasse hat er zum ersten Mal seit langem die Ruhe gefunden, die er dafür braucht.


Wohnen als Basis, Gesundheit als Schlüssel

Die eigenen vier Wände sind das Fundament, das ein gesundes, selbstbestimmtes Leben und soziale Teilhabe ermöglicht. Wer kein Zuhause hat, verliert mehr als das Dach über dem Kopf. Das neunerhaus Hagenmüllergasse ist eines von drei neunerhaus Wohnhäusern, in denen insgesamt 245 Menschen einen Ort zum Ankommen und zur Stabilisierung finden. Und zwar in ihren eigenen Wohnungen und ihrem eigenen Schlüssel.

Obdach- und Wohnungslosigkeit wirken sich immer auf die Gesundheit Betroffener aus. Viele Bewohner*innen sind beim Einzug gesundheitlich stark. Unbehandelte Erkrankungen und psychische Belastungen sind häufig. Die Gesundheitsangebote werden in den Häusern daher laufend ausgebaut und auf die Bedürfnisse der Bewohner*innen angepasst. Interdisziplinäre Teams sowie interne und externe Fachkräfte arbeiten eng zusammen, um die Gesundheit der Bewohner*innen zu verbessern.

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*Namen geändert

neunerhaus Adventkalender

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